Bücher von Astrid Lindgren (im Aufbau)

Text: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft -  Erstveröffentlichung im Sammlermagazin TRÖDLER, Heft 4/2007

Die meisten Geschichten Astrid Lindgrens haben auch etliche Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen nichts von ihrer Anziehungskraft einbebüßt. Die weltweit veröffentlichten Bücher der schwedischen Autorin sind aber nicht nur immer noch lesenswert, sondern erweisen sich darüber hinaus in vielen Fällen als überaus sammelwürdig.
Wie immer in Jahren, die „runde“ Geburtstage herausragender Persönlichkeiten mit sich bringen, war auch 2007 anlässlich der 100. Wiederkehr des Geburtstags der 2002 verstorbenen Schriftstellerin allenthalben von ihrem umfangreichen literarischen Werk und dessen übergroßer Beliebtheit bei Kindern und Erwachsenen rund um den Erdball zu hören und zu lesen sein. Vernachlässigt wird im Rahmen dieser Würdigungen jedoch häufig, dass ebenfalls die diversen Illustratoren der Bücher einen nicht zu unterschätzenden Teil zur immensen Popularität der Lindgrenschen Figuren beigetragen haben, was durch die an dieser Stelle gezeigten Abbildungen veranschaulicht werden möchte. Allein von den Pippi Langstrumpf-Bänden, Lindgrens bekanntesten, meistverkauften und in über 70 Sprachen übersetzten Büchern, existieren schätzungsweise zweihundert unterschiedliche Ausgaben. Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum wurden viele davon neu illustriert und auch ihre Hauptdarstellerin ist von Land zu Land unter verschiedenen Namen bekannt. Aber ob Pippi Calzelunghe in Spanien, Lina Langsokkur auf Island, Fifi Brindacier in Frankreich oder Pippi Thung-Taow Yaow in Thailand: egal, was vorne draufsteht – drin ist nimmer dieselbe: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, wie sie in Deutschland mit vollständigem Namen heißt: Enfant terrible im wahrsten Sinne des Wortes und daher anfangs skeptisch beäugt von Kritikern und Pädagogen, heiß geliebt jedoch von Kindern und auch Erwachsenen auf der ganzen Welt.


Ingrid Vang-Nyman

Pippi Langstrump, Stockholm 1945, Rabén & Sjögren, Ingrid Vang-Nyman

Pippi Langstrump, Stockholm 1945, Rabén & Sjögren, Titel :Ingrid Vang-Nyman

Pippi Langstrump i Söderhavet, Stockholm 1948, Rabén & Sjögren, Titel: Ingrid Vang-Nyman

Die Bedeutung der Illustratoren offenbart sich schon mit dem ersten „Langstrumpf-Band“. Zwar hatte Lindgren selber bereits auf dem Originalmanuskript ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und dort eine Pippi Langstrumpf nach eigener Vorstellung skizziert - mit der Gestaltung des Buches wurde jedoch die freischaffenden dänische Künstlerin Ingrid Vang-Nyman beauftragt. Deren Vorstellung von „Pippi“ berücksichtigte natürlich die textlichen Vorgaben, unterschied sich von der Lindgrenschen Version aber dennoch deutlich. Und obwohl das Erscheinungsbild der Figur in der Folgezeit diverse Male variiert und modernisiert wurde, ist das uns gegenwärtig vertraute Pippi-Langstrumnpf-Bild nichtsdestotrotz in der mittlerweile über sechs Jahrzehnte alten Vang-Nyman-Schöpfung immer noch deutlich wieder erkennbar, sodass diese Zeichnerin maßgeblich für das heutige Aussehen der berühmten Villa-Kunterbunt-Bewohnerin verantwortlich scheint. Doch Vang-Nymans Kreationen stießen seinerzeit nicht überall auf positive Resonanz. Ihr eigenwilliger Stil entsprach ganz und gar nicht den damals gängigen Vorstellungen ein Kinderbuch zu illustrieren und war im Jahr 1944 seiner Zeit sicherlich voraus. Auch der Verlag Rabén & Sjögren hätte nach den durchwachsenen Reaktionen wohl gerne ein konventionelleres Titelbild in Auftrag gegeben, doch Lindgren gefielen die Zeichnungen und sie bestand, zumindest in den schwedischen Büchern, auf deren Beibehaltung.Lindgrens deutscher Verleger Friedrich Oetinger konnte mit der Pippi der Originalausgabe ebenfalls wenig anfangen, sie erschien ihm „zu asiatisch.“


Walter Scharnweber

Pippi Langstrumpf, Deutsche Erstausgabe, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1949, Titelillustration Walter Scharnweber

Pippi geht an Bord, die deutsche EA erschien im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1951, Titelillustration Walter Scharnweber

Pippi in Taka-Tuka-Land, die deutsche EA erschien im Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg 1951, Titelillustration Walter Scharnweber

Er beauftragte mit der Illustration der deutschen Ausgabe den mit ihm befreundeten und als Graphiker bereits etablierten Walter Scharnweber. Die Gestaltung eines Kinderbuchs war sicherlich nicht Scharnwebers ureigenstes Metier und er selber mag daher zu jenem Zeitpunkt wohl am wenigsten damit gerechnet haben, dass sich der von ihm konzipierte Titel zu einem der bekanntesten deutschen Buchcover überhaupt entwickeln würde und bis heute Verwendung findet.Übrigens besitzen die zwischen 1949 und 51 erstmals erschienenen deutschen Auflagen der Pippi-Trilogie allesamt braune Leinenrücken und sind aufgrund des verwendeten dünneren Papiers insgesamt von deutlich geringerer Dicke als die späteren gelbrückigen Exemplare. Aber nicht bei allen Büchern mit braunem Leinen handelt es sich um Erstausgaben. Ein maßgebliches Erkennungsmerkmal hierfür ist, dass sich auf den Rückseiten der Bände keine Werbung für bereits erschienene spätere Lindgren-Bücher befindet.


Rolf Rettich

Pippi Langstrumpf Gesamtausgabe, Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, Titel: Rolf Rettich

Pippi Langstrumpf Gesamtausgabe, Hamburg 1967, Verlag Friedrich Oetinger, Titel: Rolf Rettich

Pippi Langstrumpf, Gesamtausgabe, Stuttgart 1987, Deutscher Bücherbund, Titel: Rolf Rettich

In den 60er Jahren gab es dann bei Oetinger Bestrebungen, Pippi Langstrumpfs Erscheinungsbild behutsam aufzufrischen und so engagierte man für die Illustration einer geplanten Gesamtausgabe den zeichnerischen Autodidakten Rolf Rettich, der bereits mehrfach Kinderbücher ausgestattet und durch einen frischen, modernen Stil auf sich aufmerksam gemacht hatte. Zwar war Rettich die literarische Vorlage nicht sonderlich sympathisch, doch er nahm die Herausforderung an und prägte damit das deutsche Pippi-Bild entscheidend mit. Bis heute besteht sein Gesamtausgaben-Titelbild in friedlicher Koexistenz mit den Einzelausgaben-Titeln von Scharnweber fort und obwohl sich beider Arbeiten deutlich voneinander unterscheiden, sind sie sich wiederum im Grundcharakter so ähnlich, dass vermutlich viele flüchtig vergleichende Betrachter erst auf den zweiten Blick bemerken dürften, dass hier zwei verschiedene Künstler am Werk waren. Klarer ersichtlich wird die Auffassung Rettichs erst durch die zahlreichen Illustrationen im Inneren des Buches, bei denen er seinem erfrischend frechen Zeichenstil augenscheinlich freien Lauf lassen konnte. Auch seine Ehefrau, die Grafikerin Margret Rettich, wurde für Oetinger tätig und gestaltete später unter anderen die deutsche Ausgabe des Lindgren-Bilderbuchs „Ich will auch in die Schule gehen“.


Karel Teissig

Pippi Dlhá Pancucha, Bratislava 1968, Mladé letá, Titel: Karel Teissig

Pipi Dlha Pancucha, Bratislava 1985, Mlade leta, Titel: Peter Klucik

Unüberschaubar ist die Zahl der weltweit erschienen Pippi-Langstrumpf-Bände, zu den bemerkenswertesten zählt jedoch zweifelsfrei eine bei Mladé letá in Bratislava erschienene und vom Karel Teissig (1925-2000) höchst originell gestaltete Ausgabe aus dem Jahr 1968. Teissig wurde bekannt als Plakatkünstler im Sog der „Neuen Welle“ des tschechischen Films zu Anfang der 1960er Jahre, die beispielsweise Regisseure wie Jiri Menzel oder Milos Forman hervorbrachte. So ist denn das von ihm ausstaffierte „Pippi Dlhá Pancucha“ eher ein Kunst-, denn ein Kinderbuch, wobei das eine aber bekanntlich das andere nicht ausschließt. Als ähnlich sehens- und sammelnswert erweist sich ein 1985 im selben Verlag erschienener und vom 1953 geborenen slowakischen Künstler Peter Klucik illustrierter Band.

Eine vollkommen andere Vorstellung von Lindgrens Figur hatte hingegen der in den Niederlanden ausgesprochen populäre Kinderbuchillustrator Carl Nicolaas Hollander (1934-1995). Seine „Pippi Langkous“ kommt in einem braven, altmodisch verspielten Kleid daher, das so gar nicht geeignet scheint, damit auf Bäumen herumzuklettern oder sich mit einem wilden Stier anzulegen.“Recht ungewöhnlich liest sich der Lebenslauf von Louis S. Glanzman, Illustrator diverser amerikanischer Lindgren-Bücher. Der 1922 geborene Künstler war, wie so viele seiner Kollegen, Autodidakt und zeichnete in den 40er Jahren noch für eine Zeitschrift der US-Luftwaffe, um danach übergangslos ins Kinderbuchfach zu wechseln. Später gelangte er unter anderem mit Politikerportraits von Kennedy und de Gaulle sowie seiner zeichnerischen Sichtweise der Mondlandung mehrere Male auf die Titelseite des Time-Magazine.
In England erschienen Lindgrens Bücher in den 50ern bei Oxford University Press in London, die ausnahmslos sehenswerten Illustrationen schuf der 1910 geborene Künstler Richard Kennedy. Im Alter von 16 Jahren begann Kennedy eine Lehre bei dem von Virginia Woolf und ihrem Mann Leonard gegründeten Verlag Hogarth Press, bekannt wurde er neben seiner Karriere als Buchillustrator vor allem durch eine Portrait-Serie der Schriftstellerin und Feministin Woolf, seine lesenswerten Lebenserinnerungen schrieb er unter dem Titel „A Boy at Hogarth Press“ nieder. Aufgrund eines gewissen gemeinsamen feministischen Hintergrundes Verknüpfungen zwischen Pippi Langstrumpf und Virginia Woolf herzustellen, wäre an dieser Stelle zwar sehr verlockend, aber sicherlich denn doch zu weit hergeholt…
Im Gegensatz zu den auch heute noch allgegenwärtigen Pippi-Langstrumpf Bänden ist Lindgrens Kati-Trilogie mittlerweile nahezu in Vergessenheit geraten. Diese „Mädchenbücher“ erzählen in drei Etappen die Geschichte der Sekretärin Kati, die, gerade volljährig geworden, nun auch einmal etwas von der großen weiten Welt sehen möchte. Erkundet sie im ersten Band „Kati in Amerika“ noch mit ihrer Tante als Aufpasserin das „Land jenseits des großen Teichs“, reist sie im zweiten mit einer Freundin nach Italien. Dort lernt sie ihren „Zukünftigen“ kennen, mit dem sie schließlich in „Kati in Paris“ die „Stadt der Liebe“ besucht. Galten die Geschichten bei ihrem Erscheinen noch als „spannend, erfrischend unkonventionell und zeitlos-modern“, haben sie mittlerweile doch einigen Staub angesetzt. Gerade deshalb aber sind sie eine Fundgrube für Fans der 50er Jahre und geben auf ihrer erzählerischen Reise in die Vergangenheit Auskunft über die alltäglichen Befindlichkeiten dieser Zeit. Passend dazu hat die 1918 geborene und im Künstlerdorf Worpswede beheimatete Malerin Eva Kausche-Kongsbak die Schutzumschläge der deutschen Erstausgaben ausgeführt, sodass die Kati-Bände ein insgesamt stimmiges und aus dieser Sicht auch durchaus sammelnswertes Zeitzeugnis darstellen. Gleiches lässt sich ebenfalls über die einige Jahre später von der Büchergilde Gutenberg herausgegebenen Bände dieser Reihe sagen, für deren Einband- und Innenillustrationen Werner Labbé verantwortlich zeichnete. Der 1909 am Niederrhein geborene und 1989 verstorbene Labbé brachte es als Plakatkünstler zu internationaler Bekanntheit und entwarf darüber hinaus auch Umschläge für Bücher von Heinrich Böll sowie Heinrich Spoerls Feuerzangenbowle. Gehören Labbés Bücher samt intaktem Schutzumschlag bereits zu den Raritäten, sind die Mitte der 60er von Helma Baison in ein moderneres Umschlaggewand gehüllten Neuauflagen von Oetinger noch recht häufig zu finden. Als Umschlaggestalterin der schwedischen Originalausgaben wird in den Büchern Gobi aufgeführt: ein Pseudonym für die Illustratorin Margit Uppenberg.Ganz anders als in diesen „Romanen für junge Mädchen“ geht es in den Kinderkrimis um Kalle Blomquist „richtig zur Sache“. Die Beschäftigung als Sekretärin bei einem Kriminologen Ende der 30er Jahre hinterließ bei Lindgren offensichtlich ein Faible für Kriminalromane, immer wieder tauchen Elemente daraus in ihren Büchern auf. Doch während sie den Halunken sonst immer nur kurze Gastspiele einräumt, wie z.B. Donner-Karlsson und Blom in Pippi Langstrumpf, entstehen im Rahmen der Blomquist-Trilogie jeweils komplette, spannende und überwiegend logisch aufgebaute Handlungsstränge über die gesamte Buchlänge. Sehr zum Erfolg dieser Serie beigetragen hat auch eine Bearbeitung als Hörspiel, die so populär war, dass sie zu Beginn der 50er Jahre für Gesprächsstoff auf den Schulhöfen sorgte und dadurch den Buchverkauf gehörig ankurbelte. Zu den gelungensten Ausgaben gehören sicherlich die der Büchergilde Gutenberg, bei der man die Blomquist Bände in eigener Ausstattung herausbrachte. Gestaltet wurden sie von Gerhard Oberländer (1905 – 1995), der sich wie viele andere Buchillustratoren seine fachlichen Grundlagen vor Beginn der Künstlerkarriere als Gebrauchsgraphiker aneignete. Der Clou seiner Titelbilder besteht darin, dass sie über den Buchrücken hinaus auf der Rückseite ihre Fortsetzung finden.Bemerkenswert auch der Hintergrund zum von Kerstin Thorwall-Falk illustrierten dritten Blomquist- Band der bei Rabén & Sjögren 1953 erschienenen Originalausgabe. Die 1925 geborene Modezeichnerin debütierte 1959 unter dem eingängigeren Namen Kerstin Thorvall selber als Autorin , zählt seitdem zu den bekanntesten schwedischen Schriftstellerinnen und, so schließt sich der Kreis, erhielt 1977 für ihr literarisches Werk den Astrid-Lindgren-Preis.Da der Name Kalle Blomquist den Amerikanern wohl zu schwer über die Lippen ging, wurde er in den USA kurzerhand in Bill Bergson umbenannt. Während für den Umschlag des ersten, bei Viking Press in New York veröffentlichten Bandes, wiederum der bereits erwähnte Louis S. Glanzman zuständig war, gestaltete Don Freeman (1908-1978) die beiden anderen. Obwohl Freemans Waise war und sein Leben damit alles andere als viel versprechend begann, wurde sein Talent bereits früh entdeckt und entsprechend gefördert. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen besuchte er eine Kunsthochschule und erarbeitete sich die entsprechenden Abschlüsse. Große Beachtung erzielte er durch eine Serie von über einhundert Zeichnungen, die das alltägliche New Yorker Leben thematisierten. Seinen offensichtlich großen Bekanntheitsgrad belegt der seltene Umstand, dass zwecks Verkaufsförderung sein Name neben dem Astrid Lindgrens deutlich sichtbar auf dem Buchcover zu finden ist.
Um eine der sicherlich skurrilsten Figuren aus Lindgrenscher Feder handelt es sich bei Karlsson vom Dach, nach dessen Selbstauskunft ein „schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in seinen besten Jahren“. Und auf Nachfrage erläutert Karlsson auch bereitwillig, welches denn seine besten Jahre sind: „Alle!“ Das Besondere an Karlsson ist, dass er mit Hilfe eines auf seinem Rücken befindlichen Propellers, den er per Schalter in seinem Bauchnabel startet, fliegen kann. Nahezu sprichwörtlich ist mittlerweile auch seine Standarterwiderung, wenn er mal wieder Unfug getrieben hat und sich mit entsprechenden Vorhaltungen konfrontiert sieht: „Das stört keinen großen Geist“. Erstmals ins Bild gesetzt wurde Karlsson durch die 1930 in Estland geborene Ilon Wikland, die wohl bekannteste Lindgren-Illustratorin überhaupt. „Astrid war der Traum eines Zeichners. Wir arbeiteten 40 Jahre zusammen. Phantastisch! Sie gab mir viel Freiheit und glaubte fest an mich.“ Die Wertschätzung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit, denn Wiklands künstlerische Auffassung harmonierte mit der von Lindgren, sodass zwischen beiden Frauen ein intensiver Austausch von Ideen und somit eine ausgesprochen produktive Zusammenarbeit in freundschaftlicher Atmosphäre möglich war. Von allen Künstlern illustrierte sie insgesamt die meisten Bücher, ihre Kinderfiguren mit den roten Wangen, Stupsnasen und übergroßen Hinterköpfen sind vielleicht die Kindgerechtesten. Auf jeden Fall aber sind Wiklands vertraute Titelbilder bestens geeignet, nostalgische Gefühle zu wecken und sich an die Leseabenteuer der eigenen Kindheit zurückzuerinnern.In der DDR konnten die Bücher Lindgrens lange Zeit nicht legal erworben werden, Charaktere wie Pippi Langstrumpf waren offensichtlich mit der offiziellen SED-Ideologie nicht zu vereinbaren. Erst 1975 verlegte der Kinderbuchverlag eine Pippi-Ausgabe, in der es im Gegensatz zum Original „politisch korrekt“ zuging und beispielsweise aus der Kolonie Belgisch-Kongo das mittelamerikanische Nikaragua wurde und aus einem „Negerkönig“ ein ganz normaler „König“. Dies war jedoch durchaus im Sinne Lindgrens: aus heutiger Sicht „sagt Pippi Langstrumpf eine ganze Menge dummes Zeug, das ich besser nicht geschrieben hätte. Außerdem hätte ich ihren Vater nicht mehr zu einem Negerkönig gemacht.“Während sich das Pippi-Langstrumpf-Cover sichtlich an Rolf Rettichs Version orientiert, erschien vier Jahre zuvor im selben Verlag eine sehr schöne, eigenständige, von Elisabeth Shaw illustrierte Karlsson-Ausgabe. Durch ihre Heirat mit einem deutschen Maler kam die irische Kunststudentin Shaw 1946 nach Berlin, wo sie als freischaffende Graphikerin unter anderem Karikaturen für den Eulenspiegel zeichnete, später verfasste sie Kinderbücher und wurde in der DDR ausgesprochen populär. „Die Figuren, die Elizabeth Shaw in ihren Kinderbüchern schuf, begleiteten Generationen von Kindern auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Nie mit dem pädagogischen Zeigefinder drohend, hat sie, die in einem fremden Land heimisch werden musste, versucht, Werte wie Toleranz, Achtung, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. Darüber hinaus war es ihr wichtig, dass Kinder auch Freude und Spaß an ihren Geschichten haben ... denn Kinder lieben nun einmal Spaß.” (Homepage der Elisabeth-Shaw-Grundschule, Berlin-Pankow).Karlsson stellt gewissermaßen eine Weiterentwicklung des ebenfalls flugfähigen Herrn Lilienstengel dar, der im Original erstmals 1949 auftaucht und dessen Erlebnisse in Deutschland drei Jahre später unter dem Titel „Im Land der Dämmerung“ innerhalb des Geschichtenbandes „Im Wald sind keine Räuber“ zu lesen sind. 1969 erschien „Herr Lilienstengel“ bei Oetinger als farbenprächtiges und großformatiges Bilderbuch mit Bildern von Hans-Joachim Krantz und zählt heute zu den gesuchten Raritäten.Auch Horst Lemke, nach dem Tode Walter Triers „Stammillustrator“ von Erich Kästner, reihte sich in die illustre Schar der Lindgren-Zeichner ein. Er kreierte die Titelbilder für „Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker“ sowie für „Rasmus und der Vagabund“, letztgenanntes sogar in zwei verschiedenen Versionen jeweils für Oetinger und für BertelsmannRecht antiquiert wirkt heutzutage eine Buchreihe unter dem Titel „Kinder dieser Welt“, die aus einer langjährigen freundschaftlichen Zusammenarbeit Lindgrens mit der Fotografin Anna Riwkin-Brick heraus entstand. Riwkin-Brick fotografierte den ganz normalen Alltag von Kindern aus verschiedenen Ländern der Erde, um dem Betrachter deren Lebensweise näher zu bringen und Lindgren schrieb begleitende Texte dazu. Einige der dafür notwendigen Reisen unternahmen die beiden Frauen gemeinsam und so entstanden zwischen 1956 und 1969 insgesamt zehn einfühlsame Bände mit Titeln wie „Sia wohnt am Kilimandscharo“ oder „Matti aus Finnland.“ Heute geben sie Einblick in eine längst vergangene Zeit, in der beispielsweise „Japi aus Holland“ noch in Holzschuhen durchs Kinderleben geht. So veraltet diese Bücher bezüglich ihres Inhalts und der schlichten Einbandgestaltung auch auf den heutigen Leser wirken mögen, so interessant erscheinen sie hingegen aus der Perspektive des Sammelns. Sie gehören zu den ganz wenigen Büchern Lindgrens, die mittlerweile nicht mehr aufgelegt werden und trotz seinerzeit recht ansprechender Verkaufszahlen ausgesprochen schwer zu finden sind.Mindestens genau so rar, aber dagegen immer noch sehr schön anzuschauen, sind drei zwischen 1947 und 1954 erschienene Bilderbücher, die von Birgitta Nordenskjöld ausgestattet wurden und leider in dieser Form niemals in Deutschland veröffentlicht wurden. Dass in diesem Fall einmal nicht die Autorin die richtungsweisende Kraft war, sondern die als Zeichenlehrerin arbeitende Nordenskjöld, belegt die Vorgehensweise bei der Entstehung dieser Bücher: erst nachdem die Bilder fertig waren, schrieb Lindgren die Texte dazu.Noch ein Kuriosum: Die Mitarbeit Lindgrens am Bilderbuch „Die Kinder im Dschungel“ von Leif Krantz und Ulf Löfgren war lediglich redaktioneller Art, ihr Name wurde in der Originalausgabe nicht einmal genannt. Für die deutsche Ausgabe hatte sie den Text jedoch so stark bearbeitet, dass ihr Name „in Absprache mit den Autoren“ an erster Stelle genannt wurde (Quelle: „Das Astrid Lindgren Lexikon“, allumfassendes Nachschlagewerk von Bialek/Weyershausen).Zu Lindgrens in Deutschland bekanntesten Figuren gehört sicherlich Michel, der im Original Emil heißt und kurzerhand umgetauft wurde, da dieser Name durch Erich Kästners Emil und die Detektive auf alle Ewigkeit belegt schien. Sehr selten zu finden sind die beiden ersten, von Rolf Rettich illustrierten Oetinger-Ausgaben dieser Reihe im Querformat. Da sich die Buchhändler über die ungewöhnliche Größe beschwerten, beließ man es bei nur einer Auflage in dieser ungewohnten Form und passte alle weiteren der gängigen Norm an. Sehr zur Popularität von „Michel aus Lönneberga“ trug auch die gleichnamige Fernsehserie bei.Bücher von Astrid Lindgren sind ein ausgesprochen dankbares Sammelgebiet, in dem recht schnell ansehnliche Erfolge zu verzeichnen sind. Aufgrund der weltweiten Verbreitung ihrer Werke gibt es immer wieder neue „Schätze“ in Form zuvor noch nicht gesehener Ausgaben zu entdecken. Dank der vielfältigen Möglichkeiten des Internets kann sich jeder Interessierte mit einigen wenigen Mausklicks erschließen, wozu es vor einigen Jahren noch langwieriger Recherchen und aufwendiger Anfragen bedurft hätte. Er kann in Sekundenschnelle eintauchen in die facettenreiche Bücherwelt von Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, den Kindern aus Bullerbü oder der Räubertochter Ronja, indem er sich auf einer der diversen Fan-Seiten umsieht (Linkliste: www.wikipedia.de), weltweit die Antiquariats- und Bibliothekskataloge durchforstet oder bei Online-Auktionen als Bieter aktiv wird. Die Preise bei letzteren halten sich in erträglichen Grenzen, wenn man nicht nur auf die jeweiligen Erstausgaben fixiert ist, sondern sich, wie an dieser Stelle überwiegend geschehen, auch mit späteren Auflagen begnügt, die den Aufmachungen der Erstausgaben weitestgehend entsprechen. Nicht vernachlässigt werden dürfen jedoch die relativ hohen Portogebühren bei Büchern, die von Verkäufern aus den USA, Australien oder anderen „fernen“ Ländern angeboten werden. Aber auch innerhalb Europas sollte man Acht geben: sind die Kosten für eine Buchsendung aus England beispielsweise recht niedrig, erweisen sie sich dagegen bei einem Versand aus Schweden als unerwartet hoch. Wenn man sich jedoch grundsätzlich vorher darüber informiert, steht dem Sammelspaß nichts mehr im Wege.