Astrid-Lindgren-Bücher aus aller Welt

©Text und Bilder: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft – Erstveröffentlichung im Sammlermagazin Trödler 4/2007

Pippi Langstrumpf, Deutsche Erstausgabe, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1949, Titelillustration Walter Scharnweber
Pippi geht an Bord, die deutsche EA erschien im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1951, Titelillustration Walter Scharnweber
Pippi in Taka-Tuka-Land, die deutsche EA erschien im Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg 1951, Titelillustration Walter Scharnweber

Holpriger Start

„So originell, phantasie- und humorvoll, so frisch und einfallsreich es auch ist, so ist es als Kinderbuch doch nur bedingt zu verwenden. Weniger weil man fürchten müsste, dass die Kinder in allem ihre ganz und gar nicht brave Heldin nachahmen könnten, sondern vor allem, weil Wirklichkeit und Phantasie so sehr miteinander verquickt sind, dass dem Kind die Unterscheidung schwerfallen muss“, argwöhnt eine zeitgenössische Rezension, als 1949 erstmals eine deutsche Übersetzung von Astrid Lindgrens bereits fünf Jahre zuvor in Schweden veröffentlichtem Kinderbuch Pippi Langstrumpf in den Regalen der hiesigen Buchhändler zu finden ist. Im Gegensatz zu den zwiespältigen Reaktionen der Kritiker jedoch stoßen die Geschichten um das außerordentliche Mädchen mit den abstehenden roten Zöpfen bei ihrer kindlichen Zielgruppe auf nahezu uneingeschränkte Gegenliebe und entwickeln sich für Autorin und Verlag zu einem immensen Verkaufserfolg. Darüber hinaus avanciert Lindgrens Protagonistin in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten zu einer regelrechten Kultfigur, die bis heute kaum etwas von ihrer offensichtlich zeitlosen Originalität eingebüßt hat. Wenn auch vielerorts mehr oder weniger darauf reduziert, besteht das Werk Lindgrens aber mitnichten nur aus den Bänden um Pippi Langstrumpf. Davon, dass nicht nur ein Großteil ihrer Bücher heute noch überaus lesenswert ist, sondern darüber hinaus viele der nahezu weltweit verbreiteten Ausgaben ihres Werks sich als überaus sammelnswert erweisen, soll in diesem und insbesondere auch im noch folgenden Text die Rede sein.

Pippi Langstrump, Stockholm 1945, Rabén & Sjögren, Ingrid Vang-Nyman
Pippi Langstrump, Stockholm 1945, Rabén & Sjögren, Titel :Ingrid Vang-Nyman.
Pippi Langstrump i Söderhavet, Stockholm 1948, Rabén & Sjögren, Titel: Ingrid Vang-Nyman
Pippi Langkous, Assen 1952, Uitgeverij Born N.V.

Geborgenheit, Freiheit und die Entdeckung der Bücherwelt

Die Geschichten Lindgrens geben das wieder, was sie als Kind „erlebt und in ihrer Erinnerung festgehalten hat“, fasst ihre Biografin Sybil Gräfin Schönfeld zusammen. Dies „ist ihr poetisches Material, nicht mehr und nicht weniger, und es wird immer wieder verwendet werden, in Märchen, in realistischen Kinderromanen und in jenen Geschichten, die gleichermaßen in der Wirklichkeit und im Traume spielen.“ Bilder und Geschehnisse ihrer Kindheit hat sie „mit einer beispiellosen Intensität aufgenommen und später mit einer ebenso beispiellosen Klarheit, Lebendigkeit und Einfachheit in Literatur umgesetzt, mit einer Einfachheit, die Leser ebenso entzücken wie reizen und provozieren wird.“ Geboren wird Astrid Lindgren am 14. November 1907 in Näs bei Vimmerby als zweites von vier Kindern des Landwirts Samuel August Ericsson und dessen Frau Hanna. In ihrem autobiographischen Buch „Das entschwundene Land“ erinnert sie sich später an glückliche Jahre im Kreis der Familie: „Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten … uns im Übrigen aber frei und unbeschwert herumtollen ließen.“ Besonders viel bedeuten ihr die Momente, in denen ihr die Tochter eines Stallknechts in der heimischen Küche Geschichten vorliest und damit den Grundstein zu einer lebenslangen Bücherliebe legt. „Sie versetzte meine Kinderseele dadurch in Schwingungen, die bis heute noch nicht ganz abgeklungen sind.“ Aufgewachsen im „Pferdezeitalter“, noch ohne landwirtschaftliche Tätigkeiten erleichternde Maschinen, ist den Ericsson-Geschwistern jedoch auch Arbeit keineswegs fremd. „Freiheit zu haben hieß aber keineswegs, ständig freizuhaben. Dass wir zur Arbeit angehalten wurden, war die natürlichste Sache der Welt“ und wurde von der Autorin auch im Erwachsenenalter noch positiv bewertet:“ Was einem aufgetragen war, das hatte man zu tun. Ich glaube, es war eine nützliche Lehre, die einem später im Leben half, auch mit eintöniger Arbeit ohne allzu viel Gestöhne und Gejammer fertig zu werden.“

Pippi Langkous, Sammelband, Amsterdam 1972, Titel: Carl Hollander, 19 X 26,5 cm, mit sehr schönen farbigen Innenillustrationen
Pippi Langkous gaat aan boord, Amsterdam 1969, Uitgeverij Ploegsma, Titel: Carl Hollander
Pippi Langkous in Taka-Tuka-land, Amsterdam 1972, Uitgverij Ploegsma, Carl Hollander
Pippi Langkous, Gesamtausgabe, Amsterdam o.J., Uitgeveriy Ploegsma, Titelgestaltung "Paperview"

Schulzeit, Lesehunger und frühe Zweifel

Die Bewältigung der schulischen Anforderungen fällt dem wissenshungrigen Kind leicht und schließlich besucht es sogar eine „höhere Schule“, was für ein Bauernkind zu dieser Zeit noch eine seltene Ausnahme ist. Obwohl die Schülerin sehr gute Aufsätze verfasst, liegen ihr weitergehende schriftstellerische Ambitionen fern. Im Gegenteil reagiert sie sogar trotzig auf Anspielungen, sie müsse später einmal Dichterin werden. „Dieses Gerede festigte in mir nur den Entschluss, niemals Bücher zu schreiben.“ Die literarischen Erzeugnisse anderer hingegen nimmt sie begierig in sich auf. Nachdem es bis dahin für die Heranwachsende schwierig bis unmöglich war, überhaupt an genügend Lesestoff heranzukommen, empfindet die junge Astrid Ericsson nun die Bestände der Schulbibliothek als regelrechte Offenbarung. Sie verschlingt vom schlichten Mädchenbuch bis hin zu den Romanen von Verne, Twain und Scott nahezu alles, was sie in die Finger bekommt und räumt dem Lesen einen beständig größer werdenden Platz in ihrem Leben ein. Die Elektrifizierung des Elternhauses ermöglicht es ihr, sich nach Einbruch der Dunkelheit auch im Lampenschein mit den geliebten Büchern zu beschäftigen und so beruht es sicherlich auf eigenen Erfahrungen, wenn sie Jahrzehnte später eine ihrer Romanfiguren ausrufen lässt: „Es ist eine Unsitte, nachts im Bett zu lesen, aber herrlich!“

Pippi Langstrumpf, Berlin (DDR) 1989, Der Kinderbuchverlag, Titel: Cornelia Ellinger
Pippi Langstrumpf, Berlin (DDR) 1975, Der Kinderbuchverlag, Titel: Brigitte Schleusing
Pippi Langstrumpf Gesamtausgabe, Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, Titel: Rolf Rettich
Pippi Langstrumpf, Gesamtausgabe, Stuttgart 1987, Deutscher Bücherbund, Titel: Rolf Rettich

Auf der Suche nach Orientierung

Im Alter von 16 Jahren beendet sie die Schule erfolgreich, hat jedoch keine konkreten Ziele und ist noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Die Pubertät bereitet dem Teenager zusätzliche Probleme: „Ich merkte, dass ich erwachsen wurde, und das wollte ich nicht sein.“ Zudem plagen sie alterstypische Selbstzweifel: „Ich fühlte mich sehr unsicher. Ich fand, dass ich hässlich sei, und ich war völlig überzeugt davon, dass niemals irgendjemand sich in mich verlieben könnte.“ Doch die Bedenken zerstreuen sich recht schnell. Die Autorin schildert dies im Rückblick mit dem für sie so typischen und in vielen Interviews bewiesenen trockenen und selbstironischen Humor. „Als ich ungefähr siebzehn Jahre alt war, zeigte es sich, dass es nicht ganz so unmöglich war, wie ich geglaubt hatte … Ich hatte nur noch ein einziges Interesse, nämlich zu versuchen, dass sich möglichst viele in mich verlieben sollten Ach, ach, ach, das war eine Plagerei, das kann ich sagen.“ (Quelle: rororo Bildmonographien Astrid Lindgren).

Pippi Dlhá Pancucha, Bratislava 1968, Mladé letá, Titel: Karel Teissig
Pipi Dlha Pancucha, Bratislava 1985, Mlade leta, Titel: Peter Klucik
Astrida Lindgrena: Gramata Par Pepijv Garzeki, Izdevnieciba Riga 1972, Titel: Marite Birze
Pippi Ponczoszanka, Nasza Ksiegarnia, Warschau 1995, Titel: Ingrid Vang-Nyman

Erste Berufserfahrungen

Im Verlauf des nächsten halben Jahres erlernt sie von ihrer Mutter die Haushaltsführung und kommt danach mehr durch Zufall denn durch Eigeninitiative an ein Volontariat bei der Lokalzeitung ihres Heimatortes Vimmerby. Obwohl es ihr in der Folgezeit gelingt, das vorhandene natürliche Schreibtalent durch die journalistische Schulung stetig zu verbessern, spürt sie immer noch kein Verlangen, darüber hinaus etwas zu Papier zu bringen.

Fifi Brindacier, Paris 1962, Hachette, Titel: Noelle Lavaivre
Fifi Princesse, Paris 1963, Hachette, Titel: Noelle Lavaivre
Fifi Brindacier, Paris 1988, Hachette, Titel: Daniel Maja
Pippi Uzuncorap issiz köskte, Can Yayinlari Ltd., Istanbul 2004, Titel: Richard Kennedy

Aufbruch nach Stockholm und schwere Jahre als junge Mutter

Zwar gefällt ihr die Arbeit bei der Zeitung, doch die mittlerweile Neunzehnjährige erkennt, dass es für ihre weitere persönliche Entwicklung wichtig ist, den familiären Dunstkreis zumindest räumlich zu verlassen. Also fährt sie 1926 nach Stockholm und beginnt dort eine Ausbildung zur Sekretärin, sodass auch in diesem Zusammenhang das Zitat einer ihrer späteren Romanheldinnen durchaus einen autobiographischen Anstrich bekommt: „Aber zuerst will ich etwas lernen…Etwas Richtiges können, und ich will versuchen, ein richtiger Mensch zu werden, der in sich selbst einigen Wert besitzt und ihn nicht erst als Anhängsel eines Mannes bekommt. Ich werde mir einen Beruf erarbeiten.“ Das Leben in der Großstadt ist für das wohlbehütete „Landei“ ungewohnt und zu Beginn alles andere als leicht. Hinzu kommt, dass Astrid Ericsson noch im selben Jahr schwanger wird und im Dezember ihren Sohn Lars zur Welt bringt, über dessen Vater sie Zeit ihres Lebens nie Näheres verlauten lassen wird. Doch da eine Rückkehr zu den Eltern nicht mehr in Frage kommt, gibt sie das Kind vorerst in eine Pflegefamilie, um eine Stellung als Sekretärin antreten zu können. In der Radioverkaufsabteilung der Svenska Bokhandelscentalen wird sie, kuriose Randnotiz, Nachfolgerin von Zarah Leander, die in der Folge als Schauspielerin und Sängerin zu Weltruhm gelangt. Von letzterem ist die Berufsanfängerin zu dieser Zeit jedoch noch Lichtjahre entfernt. „Mehrere Jahre arbeitete ich sehr viel, aß sehr wenig und begann gleichzeitig zu denken. Ich begann zu erkennen, dass die Welt gar nicht so war, wie sie sein sollte. Ganz im Gegenteil. Beinahe alles war falsch, und die Menschen waren unglücklich.“ Trost und Ansprache verschafft ihr zu dieser Zeit die Wohngemeinschaft mit einer jungen Frau, die ganz ähnliche Lebensängste mit sich herumschleppt. „Wir zwei lösten zusammen Weltprobleme und kamen zu dem Entschluss, dass man eigentlich nicht leben könne. Fast jeden Tag nahmen wir uns auch vor, uns das Leben zu nehmen. Aber wir verschoben dies immer wieder auf den nächsten Tag.“ (Strömstedt: Astrid Lindgren).

Pippi Goes on Board, New York 1957, The Viking Press, Titel: Louis S. Glanzman
Pippi in the South Seas, New York 1959, The Viking Press, Titel: Louis S. Glanzman
Pippi Longstocking, New York 1950, The Viking Press, Titel: Louis S. Glanzman
Lina Langsokkur i Sudurhöfum, Island 1950, Félagsútgáfan

Familiengründung und ein Leben als Hausfrau

1928 kann sie sich beruflich verbessern und findet auch privat ihr Glück. Sie nimmt eine Stellung bei einem Automobilclub an und lernt dort ihren zukünftigen Mann Sture Lindgren kennen. Drei Jahre später heiratet das Paar und zieht in eine größere Wohnung, die auch genügend Platz für Lindgrens zwischenzeitlich bei ihren Eltern untergebrachten Sohn bietet. In den folgenden Jahren ist sie Hausfrau und Mutter, erledigt kleinere Aufträge für den Automobilclub und verfasst darüber hinaus eigene Texte: „Wenn ich knapp bei Kasse war, geschah es schon, dass ich das eine oder andere kleine närrische Märchen aufschrieb und an eine Wochenzeitung verkaufte, aber im Großen und Ganzen blieb ich meinem Vorsatz, keine Dichterin zu werden, treu.“ Weitere drei Jahre später schließlich komplettiert Tochter Karin die kleine Familie. Da ihr Mann inzwischen recht gut verdient, kann sich die zweifache Mutter nun gänzlich den hausfraulichen Pflichten widmen. Dies tut sie nicht ungern, zumal sie die damals noch unumstößliche Rollenverteilung der Geschlechter für durchaus sinnvoll erachtet. „Eine Frau hat das Recht, einen eigenen Beruf zu haben, selbstständig zu sein und Geld zu verdienen, aber wenn sie Kinder bekommt, so sollte sie diese so lieben, dass sie mit ihnen zumindest die ersten Jahre verbringt. Sie sollte nicht denken: was für eine Schande, dass ich jetzt an die Kinder gebunden bin!“ (im Gespräch mit Sybil Gräfin Schönfeldt). Während ihr Mann also ins Büro geht, kümmert sie sich um den Nachwuchs, spielt mit den Kindern und erzählt ihnen selbst erfundene Geschichten.

Pippi Langstrumpf, Bunrin-Shoin, Tokyo, vermutlich 60er Jahre, japanisches Lehrbuch zum Erlernen der deutschen Sprache (German language textbook with Japanese annotations)
Pippi Langstrumpf, China 1983, Titel: Ingrid Vang Nyman
Tel Aviv 1973. - Vielen Dank an Lila aus Israel für folgende Information: "Pippi heißt auf Hebräisch Bilbi bat-gerev (Bilbi Strumpftochter). Die Illustrationen sind von der schwedischen Originalausgabe übernommen."
Pippi Langstrumpf ("Gilgi") hebräisch, Israel, Zackpublishers 2004, Titel: Heyman

Kriegsjahre, Tagebücher und Zensurdienst

„Damals schrieb ich nicht. Ich hatte nicht einmal die Absicht, Bücher zu schreiben. Überhaupt nicht.“ Als ihre Kinder 1937 „aus dem Gröbsten heraus“ sind, sucht sich Astrid Lindgren erneut eine Stellung und arbeitet fortan für den Kriminologen Harry Södermann. Hat sie bis dahin die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und den Beginn des Zweiten Weltkriegs vornehmlich aus der Zeitung verfolgt, kommen die Geschehnisse nun näher an sie heran, weil ein Bekannter ihres neuen Arbeitgebers um das Leben seiner verschleppten Angehörigen bangt. Unter diesem Eindruck beginnt Lindgren, die Ereignisse um sie herum schriftlich festzuhalten. „Ich fing an, Tagebuch zu führen, um meine Erinnerung auf dem Laufenden zu halten und mir ein Gesamtbild zu machen, was draußen in der Welt geschah und welche Auswirkungen das auf uns hatte.“ Noch tiefere Einblicke erhält sie, als sie ab 1940 für den Schwedischen Nachrichtendienst Briefe zensiert. „Solange man nur in den Zeitungen über Krieg liest, glaubt man nicht so recht daran. Aber wenn die Briefe erzählen…dann wird er plötzlich grausame Wahrheit.“ Ihr persönlich geht es jedoch gut, Ehemann Sture klettert die Karriereleiter empor und die Familie kann sich dadurch eine größere Wohnung in der Stockholmer Dalagatan leisten, welche die Schriftstellerin bis zu ihrem Lebensende bewohnen wird.

Pippi Longstocking, New York 1959, Scholastic INC., Titel: Nancy Seligsohn
Pippi in the South Seas, New York 1960, Scholastic INC, Trina Schart
Pippi Goes on Board, New York 1960, Scholastic INC., Titel: Louis S. Glanzman
Pippi Goes Aboard, Middlesex 1977, Puffin Books, Titel: Richard Kennedy

Die Geburtsstunde von Pippi Langstrumpf

Im Herbst des folgenden Jahres ereignet sich dann eine Begebenheit, die Lindgrens weiteren Werdegang maßgeblich beeinflussen soll und die sie im Laufe ihres Lebens bis zum spürbaren Überdruss immer und immer wieder preisgeben muss: „Wie die Pippifigur ursprünglich entstanden ist, habe ich so oft erzählt, weil ich so oft danach gefragt worden bin. Es hier noch einmal zu tun, kommt mir zwar dumm vor, aber trotzdem. 1941 lag meine Tochter Karin krank im Bett, und eines Tages sagte sie: „Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf.“ Es war ein Name, der ihr gerade in diesem Augenblick durch ihren fieberheißen Kopf geschossen war. Ich…dachte mir eine närrische Range aus, die zu dem Namen passen konnte, und ich musste bald entdecken, dass uns eine Pippi ins Haus geschneit war, die wir nicht wieder loswerden konnten.“ (Lindgren: Das entschwundene Land).

Pippi Longstocking, London 1954, Oxford University Press, Titel: Richard Kennedy
Pippi in the south seas, Puffin Books, Middlesex, 1979, Richard Kennedy

Die erste Verlagsabsage

Die Geschichten um die unkonventionelle rothaarige Rebellin finden bei anderen Kindern ebenfalls großen Anklang, doch um niedergeschrieben zu werden, bedarf es weiterer drei Jahre und einer erneuten Fesselung ans Krankenbett – nur mit dem Unterschied, dass diesmal Astrid Lindgren selber die Betroffene ist. Auf spiegelglatter Strasse rutscht sie aus und verletzt sich so stark, dass sie einige Wochen das Bett hüten muss. Aus purer Langeweile beginnt sie mit der Niederschrift der Erlebnisse um Pippi Langstrumpf, um das Ergebnis ihrer Tochter zum 10. Geburtstag zu schenken. Doch als sie das Manuskript schließlich fertig in ihren Händen hält, beschließt sie, es spaßeshalber einem Verlag anzubieten. So schickt die Hobbyautorin eine Kopie samt launigem Begleitschreiben an den Verlag Bonniers – und erhält eine glatte Absage.

KENDER DU PIPPI LANGSTRØMPE?, Copenhagen 1978, Titel: Ingrid Nyman, Großformat 22 X 29cm, mit sehr schönen farbigen Innenillustrationen
PIPPI NA POŁUDNIOWYM PACYFIKU, Nasza Ksiegarnia, Warschau 1992, Titel: Ingrid Vang-Nyman
Pippi wchodzi na Poklad, Wydawnictwo "Nasza Ksiegarnia", Warschau 1996, Titel: Ingrid Vang-Nyman
Pipi Duga Carapa, mladost, Zagreb 1977, Titel: Zlata Zivkovic-Zilic

Durchbruch und Beginn einer großen Karriere

Aber Lindgren „hatte Blut geleckt“. Sie versucht sich nun an einem typischen Mädchenbuch mit dem Titel „Britt-Mari erleichtert ihr Herz...“, beteiligt sich noch im selben Jahr an einem Preisausschreiben des Verlags Rabén & Sjögren und gewinnt mit diesem Text den 2. Preis. Das Buch wird verlegt, ist recht erfolgreich und trägt sicherlich maßgeblich dazu bei, dass Lindgren bei einem neuerlichen Wettbewerb desselben Verlags im Jahr 1945 für ihre inzwischen überarbeitete und etwas gemäßigtere Pippi Langstrumpf den 1. Preis zuerkannt bekommt. Die entsprechende Buchveröffentlichung wird auf Anhieb ein großer Erfolg und bringt damit eine der erstaunlichsten schriftstellerischen Karrieren aller Zeiten unaufhörlich ins Rollen. So sehr sie sich bis dahin gegen das professionelle Schreiben gesträubt hat, so wenig kann sie nun davon lassen. Ihre Phantasie kennt kaum Grenzen und da sie zudem ausgesprochen produktiv ist, folgen neben Langstrumpf-Fortsetzungen bald weitere Bücher mit Figuren wie dem Meisterdetektiv Kalle Blomquist, den Kindern aus Bullerbü oder Karlsson vom Dach. Daneben arbeitet sie noch als Lektorin für Rabén & Sjögren und ist dort maßgeblich am erfolgreichen Aufbau der Kinderbuchabteilung beteiligt.

Pippi goes aboard, London 1971, Oxford University Press, Richard Kennedy
Pippi Longstocking, England 1976, Puffiin Books, Titel: Richard Kennedy
Pippi in the South Seas, London 1979, Puffin Books, Titel: Richard Kennedy
The complete Pippi Longstocking Stories, Book Cub Associates, London 1979, Titel: Richard Kennedy

Partnerschaft mit dem Oetinger Verlag

Als ausgesprochen glücklich erweist sich auch ihr Zusammentreffen mit dem deutschen Verleger Friedrich Oetinger. Letzterer, auf der Suche nach vielversprechenden Autoren für seinen 1946 neu gegründeten Verlag, wird während einer Skandinavienreise durch Zufall auf die aufstrebende Schriftstellerin aufmerksam. Und obwohl deren Bücher bereits von fünf anderen deutschen Verlagen abgelehnt wurden und er selber bis dahin vorwiegend wissenschaftliche Schriften publiziert hat, nimmt Oetinger die Schwedin unter Vertrag und legt dadurch mit seiner Mischung aus Flexibilität, Wagemut und Tatendrang Eigenschaften an den Tag, die im Deutschland der Nachkriegsjahre so oft für unternehmerischen Erfolg maßgeblich verantwortlich waren. So auch in diesem Fall: Oetinger beweist mit seiner risikofreudigen Wahl ein glückliches Händchen und verkauft von der ersten deutschen Pippi-Langstrumpf-Ausgabe innerhalb weniger Monate 3000 Exemplare. Die Reaktionen des Publikums gleichen denen in anderen Ländern: aufgrund der geradezu provokativen Unangepasstheit der Titelheldin gescholten vom Gros der Kritikern und Pädagogen, hingegen gelesen und geliebt von Kindern und jung gebliebenen Erwachsenen. Folglich lassen weitere Auflagen nicht lange auf sich warten auf einem Buchmarkt, der durch die jahrelange Zensur während des Nazi-Regimes ein immenses Nachholbedürfnis insbesondere auch an ausländischer Literatur offenbart. Über die geschäftlichen Interessen hinaus wird Lindgren, Friedrich Oetinger und dessen Frau Heidi eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Pippi goes aboard, London 1956, Oxford University Press, Titel: Richard Kennedy
Pippi in the South Seas, London 1954, Oxford University Press, Titel: Richard Kennedy
Pippi goes aboard, Puffin Books, Middlesex, 1977, Richard Kennedy
Pippi Goes Aboard, Oxford 1979, Oxford University Press, Titel: Richard Kennedy

Schicksalsschläge, Ruhm und literarische Unermüdlichkeit

1952 muss Astrid Lindgren mit dem Tode ihres Mannes einen persönlichen Schicksalsschlag verkraften und konzentriert sich fortan noch intensiver auf ihre Arbeit. Sie „hat nie wieder geheiratet. Sie blieb allein, aber sie empfand die Witwenschaft nicht als Verlassenheit. Ihr Drang zu schreiben war stärker als jede andere Empfindung“, beschreibt ihre Biografin und Freundin Gräfin Schönfeldt diese Lebensphase. Lindgren selber klingt desillusioniert: „Ich habe Kinder immer mehr geliebt als Männer. Die große Liebe habe ich nie kennengelernt, aber ich habe sie auch nie vermisst.“ In den nächsten Jahren folgen Bücher wie „Mio, mein Mio“, „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ und „Madita“. Die Zahl ihrer Anhänger übersteigt mittlerweile auch im Lager der Literaturkritiker bei weitem die ihrer Gegner und nachdem ihr bereits 1946 der Literaturpreis einer schwedischen Zeitung zuerkannt wurde, heimst sie nun auch international eine Auszeichnung nach der anderen ein, unter anderem den Deutschen Jugendbuchpreis für „Mio“, den Internationalen Jugendbuchpreis sowie die Hans-Christian-Andersen-Medaille für „Rasmus und der Landstreicher“. In den Zeittafeln der über sie verfassten Biografien nimmt die Aufzählung der ihr verliehenen Preise und Auszeichnungen den weitaus größten Raum ein und in Berlin-Spandau wird die erste von mittlerweile etlichen Dutzend Schulen nach Astrid Lindgren benannt. Phasenweise kann sie sich nicht mehr so intensiv dem Schreiben widmen, wie sie möchte, da die Ehrungen in der Regel zeitaufwendige Pflichten mit sich bringen und sie darüber hinaus nicht nur die meisten Drehbücher zu den Verfilmungen ihrer Bücher selbst konzipiert, sondern auch noch diverse Theaterfassungen ihrer Geschichten verfasst.

Kritik der 68er-Generation und bewahrte Identität

Ende der 60er Jahre mehren sich dann wieder die kritischen Stimmen. Wurde Lindgren in den Fünfzigern aufgrund des antiautoritären Gebarens ihrer Heldin Pippi Langstrumpf noch gescholten, vermisst man nun in ihren Texten die zu dieser Zeit unvermeidlichen sozialkritischen Ansätze und wirft ihr vor, den Kindern durch ihre Bücher eine (zu) heile Welt vorzugaukeln. Doch wie immer lässt sie sich von niemandem vereinnahmen, macht das, was sie für richtig hält und nimmt mit ihrer Selbsterkenntnis sämtlichen Kritikern vorab den Wind aus den Segeln. „Das Großstadtelend der Kinder, sozialpolitische Probleme, verschmutzte Umwelt: sie sähe ein, dass andere Schriftsteller diese Themen bearbeiten müssten. Sie aber könne nur sich selbst geben…“.

Tabubruch mit den Löwenherz-Brüdern und Friedenspreis

1973 stellt sie jedoch ihre literarische Vielseitig- und Unberechenbarkeit erneut nachhaltig unter Beweis. Das mittlerweile 32. Buch der Autorin löst selbst in ihrem Heimatland Schweden, wo sie geradezu als Volksheldin verehrt wird, heftige Kontroversen aus. Unter dem Eindruck des Todes ihres Vaters und dem tödlichen Verkehrsunfall eines ihrer Neffen in den vorangegangenen Jahren schreibt sie mit „Die Brüder Löwenherz“ ein Buch, das etliche Tabus ignoriert, indem es Tod und zudem Selbstmord zu Themen einer Kindergeschichte macht. Wie so oft wird sie durch die überaus positiven Reaktionen der lesenden Kinder rehabilitiert, das Buch bekommt die mittlerweile üblichen Auszeichnungen und darüber hinaus verleiht die schwedische Universität Linköping Lindgren eine erste Ehrendoktorwürde, der noch weitere folgen werden. Den nächsten Höhepunkt in ihrer Laufbahn bedeutete für sie die Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ im Jahr 1978, der erstmals in seiner Geschichte an eine Kinderbuchautorin verliehen wurde. In ihrer eindringlichen und viel beachteten Dankesrede „Niemals Gewalt“ adressiert sie einen bewegenden Friedensappell nicht nur an verantwortliche Politiker, sondern ebenso an alle „Normalbürger“: Kinder sehen, hören und lesen täglich von Gewalt und glauben gar, „Gewalt sei ein natürlicher Zustand. Müssen wir ihnen denn nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben gibt?“

Politisches Engagement und gesellschaftlicher Einfluss

Überhaupt mischt sich Lindgren immer wieder in das politische Tagesgeschehen ein. Seit jeher eine ebenso rege wie kritische Leserbriefschreiberin, veröffentlicht sie nun in der Zeitung Expressen anlässlich einer drastischen Steuererhöhung der schwedischen Regierung das vor Ironie strotzende Märchen „Pomperipossa in Monismanien“, innerhalb welchem sie dem Finanzminister vorrechnet, dass sie nunmehr 102 Prozent Abgaben zu zahlen habe. Dieser weist ihrer Rechnung zwar Fehler nach und versucht, die Angelegenheit mit einer vermeintlich humorigen Antwort zu beenden, doch die öffentliche Diskussion ist unaufhaltsam in Gang gesetzt und tatsächlich folgt kurz darauf eine unerwartete Steuersenkung. Statt sich jedoch damit zufrieden zu geben, hakt Lindgren öffentlich nach und wundert sich darüber, dass „ein Märchen eine Regierung dazu bringen kann, einen Beschluss zu ändern.“ „Etwas ist faul in unserem Staate Schweden…eine tief greifende Veränderung brauchen wir, und sie müsste bald kommen…“. In der Tat werden die Sozialdemokraten nach 40 Jahren Regierungsarbeit erstmals nicht wiedergewählt. Lindgrens Einfluss daran ist unbestritten und dokumentiert eindrucksvoll ihre herausragende gesellschaftliche Stellung in ihrem Heimatland. In der Folgezeit engagiert sie sich unter anderem noch gegen die Massentierhaltung und erreicht abermals eine Gesetzesänderung, die ihr medienwirksam zu ihrem 80. Geburtstag „geschenkt“ wird, mit deren Umfang sie sich aber – wie nicht anders zu erwarten - keineswegs zufrieden zeigt.

Das Spätwerk

1986 muss sie den Tod ihres Verlegers und Freundes Friedrich Oetinger und vor allem auch ihres Sohnes verkraften, der nach langer schwerer Krankheit seinen Leiden erliegt. Zwar wird Lindgrens 90. Geburtstag in Schweden noch einmal wie ein Nationalfeiertag inszeniert, doch „Astrid altert so“, bemerkt Heidi Oetinger über die Schriftstellerin, die in den letzten Jahren ihres Lebens zunehmend unter dem Verlust von Hör- und Sehvermögen zu leiden hat und 1999 im Rahmen einer Umfrage zur „Schwedin des Jahrhunderts“ gewählt wird. Nach einer Virusinfektion stirbt Astrid Lindgren am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren in ihrer Stockholmer Wohnung, in der sie über 60 Jahre lang lebte.

Pippi Langstrumpf Gesamtausgabe, Hamburg 1967, Verlag Friedrich Oetinger, Titel: Rolf Rettich
Pippi Langstrompe, N.W. Damm & Son, Dänemark, o.J., Umschlag: Alice Midelfart
KENDER DU PIPPI LANGSTRØMPE?, Copenhagen 1978, Titel: Ingrid Nyman, Großformat 22 X 29cm, mit sehr schönen farbigen Innenillustrationen
Pippi Calzaslargas, EDITORIAL JUVENTUD, Barcelona 2005, Titel: Jose Maria Bea
Remarkable Pippi, "Four Stories from Pippi Longstocking", Chicago 1963, Science Research Associates INC., Titel: Betty Fraser
Peppi Dlinnyjtjulok /Mio, moj Mio, russisch, Nizjnij Novgorod SMM, 1993, Titelillustration: A. Guryev
Pippi Longstocking / Pippi Goes Aboard / Pippi in thr South Seas, Oxford 2006, Oxford University Press, Titel: Tony Ross
Amazing Pippi Longstocking, London 1996, Penguin Books, Titel: Paul Howard
Pippi außer Rand und Band, Hamburg 1973, Verlag Friedrich Oetinger
Pippi Goes Aboard, London 1977, Puffin Books, Titel: Filmfoto
Pippi Longstocking, London 1976, Puffin Books. Titel: Filmfoto, Tami Erin als Pippi
Pippi zieht ein, Hamburg 1970, Verlag Friedrich Oetinger, Comic von Ingrid Vang Nyman
Pippi regelt alles, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1970, Illustrationen: Ingrid Vang Nyman
Pippi gibt ein Fest, Verlag Friedrich Oetinger, 1971, Illustrationen: Ingrid Vang Nyman
Pippi Langstrumpf, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M - Wien - Zürich, 1972, Titel: Rolf Rettich