Modella

MODELLA-Puppenmöbel mit ihrem bunten Farbmix und den schrillen Mustern werden in den 70ern ausschließlich aus Plastik gefertigt und in „Kartons aus einer liebevoll gestalteten, 2-seitig vierfarbig bedruckten Mikrowellpappe“ angeboten. Diese können als Puppenstuben verwendet werden und bieten dadurch nicht nur einen hohen Spielwert, sondern „verkaufen sich durch diese hervorragend gewählte Verpackung zudem wie von selbst“. 1955 von Paul Kerkmann in Düsseldorf gegründet, entsteht bald die „erste und größte europäische Spezialfabrik für Kunststoff-Puppenmöbel“, die 1962 nach Wesel-Flüren verlegt wird. Nach dem Tod Kerkmanns 1969 übernehmen Witwe Elisabeth und Sohn Erwin die Leitung. Jährlich bringt Modella eine Vielzahl von Neuheiten auf den Markt, wie 1972 die „Pop-Serie“ mit einem besonders gelungenen „modernen Schlafzimmer mit eingebautem Spiegel und Kleinteilen zum Spielen“. 1974 präsentiert man mit dem „Combibox-System“ ein „neues Puppenmöbelkonzept“. Es handelt sich um genormte Elemente, die in Form und Farbe zueinander passen, beliebig austauschbar sind und so die Entwicklung in den realen Wohnzimmern aufgreifen, wo „moderne Anbausysteme mit unbegrenzten Möglichkeiten durch eine Vielzahl verschiedener Einzelschränke jede individuelle Kombination gestatten“ und Platz für ein beleuchtetes Schreibfach oder eine eingebaute Hausbar bieten. Auch die Modella-typische Farbkombination Orange/Braun findet ihr Vorbild in den Szenarien der Möbelkataloge. Dort bietet sich dem Betrachter zusätzlich eine unüberschaubare Zahl von Abstufungen, die Farbtöne der Zeit heißen mehr oder weniger fantasievoll havanna, india, terra, rodeo, bernstein, karamel, gobi, licht- und zigarrenbraun, cognac, mais, mandarin, zitronen- und dottergelb. Ebenfalls sehr beliebt ist die Farbe Grün in jeder Spielart. So wird im Wohnbereich wald- und jagdgrün, olive oder amazonas bevorzugt, der „flauschige fußfreundliche Teppichboden“ im Flur präsentiert sich in laub-, blatt- oder lindgrün, die Fronten der Küche glänzen in apfelgrün, während sich der WC-Sitz mit seinem moosgrün dezent zurückhält. Als zeittypisch erweisen sich auch die von den Herstellern erdachten Bezeichnungen der Möbel: Neben dem Stuhlprogramm „Piccadilly“, der Anbaugarderobe „Life in“ und dem Schirmständer „Joy“ gibt es den Vorhangstoff „Butterfly“, das Beistellmöbel „Combi-Boy“ oder die Kosmetik-Bar „Lady-Boy“ zu entdecken.

Ein absolutes Muss der frühen 70er sind Stereo-Anlagen, die, neben Farbfernsehen, den neuesten Stand in der Unterhaltungstechnologie darstellen. Offensichtlich unverzichtbarer Bestandteil einer Anlage ist das Spulen-Tonbandgerät, das in nahezu sämtlichen Möbelkatalogen, abgesehen vom Bad, in wirklich jedem Zimmer zu entdecken ist. Komplettiert wird die Stereoanlage durch einen Plattenspieler. Dabei verbirgt sich das „Schallplattenarchiv hinter einer Klappe der Schrankwand, wo rund 280 Schallplatten untergebracht werden können. Ob Janis Joplin, The Fifth Dimension, Beethoven, Rudolf Schock, die Wiener Sängerknaben oder die Beatles – senkrecht stehend in einer Platten-Stellage fühlen sich alle wohl.“ Eine Stereoanlage en miniature hat folglich auch Modella im Programm, als Zubehör sind sogar kleine Schallplatten mit Covern zu erstehen.

Mitte der 70er hat die Firma jedoch unter Konkurrenz von Billigimporten aus Fernost zu leiden, gerät 1976 in Schwierigkeiten und muss schließlich verkauft werden. Für ein paar Jahre werden diverse Modella-Klassiker sowie einige weniger gelungene Neuheiten noch unter dem Namen „Modella-best“ vom Spielzeughersteller Wader vertrieben, bis die Produkte Anfang der 80er dann ganz von der Bildfläche verschwinden. Da Plastikspielzeug von jeher geringer geschätzt wurde als Holzspielzeug und daher auch seltener aufbewahrt wird, sind Modella-Gehäuse inklusive kompletter Bestückung nur noch selten zu finden. Meist handelt es sich dabei um Lagerfunde, da bei bespielten Exemplaren aufgrund der Vielzahl kleiner Zubehörteile so gut wie immer etwas fehlt. –  (Auszüge aus meinem 9-seitigen Artikel über „Puppenhausdesign der 70er Jahre“ – nicht nur von Modella – im Sammlermagazin Trödler / Juli 2008. Das Heft ist beim Verlag noch vorrätig.)

Das Schlafzimmer der Firma Modella aus dem Jahr 1971 in der als Spielgehäuse nutzbaren Verkaufsverpackung bietet typisches Design der 70er Jahre mit der seinerzeit beliebten Kombination der Farben orange und braun. Maße 46 x 16 x 16 cm.
Wohnzimmer, Modella Puppenmöbel Kombibox-System, 1974, Gehäuse 46 x 18,5 x 14 cm
Modella, Wohnzimmer mit Terrasse
Modella, Wohnzimmer
Modella Esszimmer, 48 x 16 x 17cm. Leider ist die Plastikabdeckung nicht wie üblich mit Drahtkrampen befestigt, sondern geklebt und daher nicht ohne Beschädigungen zu entfernen. Damaliger Verkaufspreis: 13,50 DM
Aus dem Quelle-Katalog Herbst/Winter 1968/69: "Puppeneßzimmer aus Plasticmaterial: Gläserschrank, Anrichte, Tisch, 6 Stühle, Kerzenständer, Servierwagen, 10teiliges Geschirr. DM 7,90"
Gehäuse der spanischen Firma Hogarin, die offensichtlich die Modella-Reste aufgekauft hat.
Aus einem Katalog von 1976.

Modella Badezimmer, 48 x 16 x 18 cm. Die für ein Badezimmer eher ungewöhnlichen Bilder an der Wand lassen vermuten, dass es dieses Gehäuse wohl auch mit anderer Einrichtung zu kaufen gab. Es wurde offensichtlich wirklich mal damit gespielt – dabei ist es leider ziemlich nass (und dadurch wellig) geworden … Ich bin mir nicht sicher, ob der Stuhl original ist. Er war auf jeden Fall beim Kauf dabei und von Material und Farbe passt er durchaus dazu. Wer wohl der seriöse ältere Herr auf dem Bild sein mag? Möglicherweise der Modella-Firmenbesitzer Paul Kerkmann selbst?

Kaum zu glauben aber wahr: Solche Bauernmöbel waren in den späten 70ern wirklich mal kurzzeitig im Trend und sind daher in vielen damaligen Möbelkatalogen zu finden. Die Ausführung in Kunststoff "verschönt" diese Miniaturmöbel in diesem Fall noch einmal zusätzlich... Zeitgeist pur! Maße: 34 x 17 x 17 cm
Begeisterung sieht anders aus... Katrins Freude über die Heiligabend 1970 unter dem Weihnachtsbaum gefundene Modella-Puppenstube hält sich augenscheinlich in Grenzen. (Privatfoto Sammlung Wirtschaftswundermuseum)
Modella "Gartenparty"
Modella "Garten-Party"
Puppenschule der Firma Modella, um 1969. Tische und Stühle stammen aus zwei verschiedenen Funden, die ich in einem Gehäuse zusammengestellt habe - mit original in der Zeit beschriebenen und bemalten "Schulheften", 54 x 34 x 17cm

Die gleiche Modella-Schule wie oben, diesmal mit (wohl original dazugehörenden) Püppchen im schrillen 70er-Jahre-Outfit.

Modella Arztpraxis, Maße 48,5 x 16 x 16 cm
Modella "Puppen-Postamt"
Modella minimalistisch: Maße: 21 x 10 x 10 cm.
Modella Puppenmöbel, Verkaufskarton
Was bringt Modella 1960?
Modella, Werbung von 1971
Modella, Werbung von 1974

Bodo Hennig – Puppenhäuser und Puppenstuben der 70er Jahre

Sitzlandschaft, Bodo Hennig, 1976, Sesselhöhe 70 mm
Aus einem zeitgenössischen Möbelkatalog: Die abgebildete Schrankwand war ganz offensichtlich Vorbild für die Hennig-Miniatur.

Bodo Hennig

Geboren in Grünhainichen inmitten des „Spielzeuglandes“ Erzgebirge, hat Hennig die Holzverarbeitung von der Pike auf gelernt und arbeitet nach Übersiedlung in den Westen in der von seinem Vater Walter 1950 im Allgäu gegründeten „Drei Könige Spielwarenfabrik“. Doch der Erfolg für seine aus rohem Fichtenholz gefertigten und handbemalten Puppenmöbel lässt auf sich warten, weil den Menschen zu Beginn der 50er bereits wieder der Sinn nach einer schickeren Optik steht.

Erst als die Erzeugnisse dem Zeitgeschmack angepasst werden, steigen die Verkaufszahlen. Das seit 1953 in Wildpoldsried beheimatete Unternehmen wächst stetig, sodass der 1959 von Bodo Hennig übernommene Betrieb 1962 ein neues Firmengebäude beziehen kann. Zu Beginn der 70er ist Bodo Hennig unter den deutschen Spielzeugherstellern eine feste Größe. Während er seine Spielzeuge anfangs im Maßstab 1:12 konzipierte, vermeldet der Katalog 1963, „dass sämtliche Einzelmöbel im Maßstab 1:10 gehalten sind“, was vermutlich zum Zweck einer besseren Bespielbarkeit durch Kinderhände geschah.

Der große Erfolg der Miniaturen basiert nicht zuletzt auf deren Nähe zu ihren großen Vorbildern. Zwar entwirft Hennig seine Möbel selbst, doch inspirieren lässt er sich durch Katalogabbildungen und Besuche in Möbelhäusern. In der Regel gelingt es ihm, durch schnelles Reagieren mit seinen spielgerechten Modellen nur unwesentlich später auf den Markt zu kommen als die Wohnmöbelfabriken mit ihren Neuheiten. Damit nicht genug, bezieht die Firma ihre Hölzer von denselben Anbietern. Und weil man für solch solide Puppenmöbel auch entsprechend dimensionierte Puppenhäuser benötigt, bietet Hennig diese ebenfalls an. Zwar hat er 1974 nur drei Typen im Sortiment, „um den Markt nicht durch zu viele Variationen zu überschütten“, doch die haben es in sich: Besonders imposant kommt ein beidseitig bespielbares, aus quaderförmigen weißen Elementen zusammengesetztes und somit Bauhaus-Architektur zitierendes Exemplar mit den stattlichen Ausmaßen 90 x 60 x 49 cm daher, das heute ausgesprochen selten zu finden ist. Recht häufig hingegen stößt man auf einige aus Kunststoff gefertigte Produkte aus dem damaligen Hennig-Programm. Dies ist nicht verwunderlich, wurden doch etwa von einem Set seit 1963 angebotener türkisfarbener Badezimmermöbel im Laufe der Jahre rund 300.000 Exemplare verkauft. Eine ebenfalls in hohen Stückzahlen produzierte Miniatur des 1960 entworfenen und nach seinem Designer benannten Panton-Chair fand zwar erst ein gutes Jahrzehnt nach Vorstellung des Originals den Weg in die Puppenhäuser, war dort aber vermutlich wesentlich häufiger zu finden als in den „echten“ Wohnungen. Zwar ist Pantons Freischwinger aus Kunststoff mittlerweile zu einem modernen Klassiker avanciert, doch stand das Publikum zu Beginn der 70er Sitzgelegenheiten aus dem neuen Material bezüglich ihres praktischen Nutzens noch skeptisch gegenüber, wie ein damaliger Bericht des Magazins hobby belegt: „Nehmen wir zum Beispiel die heute ganz groß in Mode kommenden Kunststoffmöbel näher unter die Lupe. Zugegeben: Sie entbehren keineswegs eines gewissen, teilweise sogar bestechenden Reizes. Sie sind originell, farblich und formell großartig, aber nie im Leben komfortabel.“ Auch andere außergewöhnliche Sessel erfreuten sich erst Jahre nach ihrem Entwurf größerer Verbreitung. So sind das „Ei“, 1958 von Arne Jacobsen entworfen, und ganz besonders der „Fledermaussessel“ Hardoy von 1938 in den Einrichtungsbüchern der 70er noch allgegenwärtig und folglich auch in den Puppenhäusern zu finden. Um ihr Angebot zu komplettieren, offeriert die Firma Hennig zudem Teppiche, Lampen, Gartenmöbel, Fernseher und jede Menge Kleinteile wie Küchen- und Badezimmerzubehör.

Abbildung aus einem Neckermann-Versandhauskatalog (1972)
Nicht Bodo Hennig;-) Sondern vielmehr eine selbstgebastelte Sitzgruppe aus DDR-Zeiten. Herzlichen Dank an Christel aus Nordhausen für dieses aussagekräftige Zeitzeugnis!

Puppenstubenwelt und Wirklichkeit: Ein Bodo-Hennig-Sessel und eine Abbildung aus einem Möbelkatalog der 70er Jahre.

Nicht Bodo Hennig;-) Sondern vielmehr eine selbstgebastelte Sitzgruppe aus DDR-Zeiten. Herzlichen Dank an Christel aus Nordhausen für dieses aussagekräftige Zeitzeugnis!

In der Regel gelingt es Hennig, durch schnelles Reagieren mit seinen spiel gerechten Modellen nur unwesentlich später auf den Markt zu kommen als die Wohnmöbelfabriken mit ihren jeweiligen Neuheiten. Damit nicht genug, bezieht die Firma ihre Hölzer von denselben Anbietern. Und weil man für solch solide Puppenmöbel auch entsprechend dimensionierte Puppenhäuser benötigt, bietet Hennig diese konsequenterweise ebenfalls an. Zwar hat er 1974 nur drei verschiedene Typen im Sortiment „um den Markt nicht durch zu viele Variationen zu überschütten“, doch die haben es in sich. Besonders imposant kommt ein beidseitig bespielbares, aus quaderförmigen weißen Elementen zusammengesetztes und somit Bauhaus-Architektur zitierendes Exemplar mit den stattlichen Ausmaßen 90 X 60 X 49 cm daher, das heute trotz seines vergleichsweise geringen Alters nur mehr ausgesprochen selten zu finden ist. Recht häufig hingegen stößt man noch auf einige aus Kunststoff gefertigte Produkte aus dem seinerzeitigen Hennig-Programm. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wurden doch beispielsweise von einem Set seit 1963 angebotener türkisfarbener Badezimmermöbel im Laufe der Jahre rund 300000 Exemplare verkauft. – (Auszug aus meinem Artikel „Puppenhäuser der 70er Jahre“ im Sammlermagazin Trödler / Juli 2008) 

Küche, Bodo Hennig, 1972, Schrankhöhe 18 cm
"Panton-Chair" des Designers Verner Panton als Bodo Hennig-Spielzeug, 1972
"Puppen-Bungalow", Bodo Hennig, 1974, 90 x 60 x 50 cm
Aus einem Spielzeugkatalog von 1974: "Moderner Puppen-Bungalow, der sich sehen lassen kann. Mit Dachgarten, Terrasse und Swimming-Pool. 90 x 60 x 50 cm DM 89.- (leer). Schickes Drum und Dran wie Wohnraum-, Garten- und Terrassenmöbel in großer Auswahl vorrätig, desgl. Biegepüppchen."
Puppenstuben-Farbfernseher, 1973, von Bodo Hennig
Puppenstuben-Farbfernseher (mit Fernbedienung!), 80er Jahre, nicht von Bodo Hennig;-)
Puppenhaus der Firma Bodo Hennig, um 1968, 100 x 65 x 48 cm, Puppen: Erna Meyer, Schrankwand: DDR-Poduktion, Lampe: Modella, Rest: Bodo Hennig
Puppenstubenpuppen von Erna Meyer in zeittypischer Kleidung
Rückseitiger Treppenaufgang
Bodo Hennig Deckenlampen
Schlafzimmer-Möbel der Firma Bodo Hennig im "Flower Power"-Blümchen-Design

Riesiges (93 x 61 x 59 cm) „Midi-Puppenhaus Bodensee“ von der Firma Bodo Hennig. Dieses Haus ist zwar erstmals 1981 in einem Katalog der Firma zu finden, basiert aber auf einer Häuser-Linie aus den 70er Jahren. Es wurde als Bausatz in einem 70 x 40 x 20 cm großen Karton geliefert. Wie bei vielen neueren Bodo Hennig Produkten war es bei mir erst „Liebe auf den zweiten Blick“. Inzwischen gehört es jedoch zu meinen absoluten Favoriten, da sich aus nahezu jedem Blickwinkel neue spannende Ansichten offenbaren.

Originalkarton "Drei Könige Spielwarenfabrik", später "Bodo Hennig"
Bodo Hennig: Sitzgruppe mit Stehlampe, 50er Jahre

An dieser Stelle habe ich ausschließlich Bodo Hennig-Möbel der 1970er Jahre dokumentiert, da diese mich ganz besonders ansprechen. Auf meinen 50/60er Jahre-Seiten gibt es aber auch diverse ältere Puppenstubenmöbel dieser Firma zu entdecken.