©Text und Bilder, sofern nicht anders angegeben: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft
Meine erste Berührung mit DDR‑Papierpuppen: ein riesiges Konvolut Ausschneidepuppen mit vielen noch vorhandenen Accessoires, die stilgerecht in der abgebildeten Schachtel "Rotstern Diplomat"-Pralinen des VEB Süßwarenfabrik Rotstern aufbewahrt waren. Auf der Schachtel befindet sich ein Stempelaufdruck mit der Jahreszahl 1960. Maße der Schachtel: 21 x 20 x 4 cm (geschlossen). Ganz herzlichen Dank an die Sammlerinnen Christel und Renate, die beide jeweils wesentlich umfangreichere Sammlungen als ich besitzen und mich beim Sortieren meiner Konvolute tatkräftig unterstützten! Hat Spaß gemacht!
Bisher haben mich Abbildungen von Babys eigentlich kaum interessiert, weil ich fand, dass Papierpuppen mit Motiven von Heranwachsenden oder Erwachsenen wesentlich mehr "Zeitgeist" vermitteln. Jedoch hat Christel aus Nordhausen/Thüringen, selbst Sammlerin, in dieser Hinsicht mit folgender E‑Mail meinen Horizont beträchtlich erweitert: "Übrigens - Sachen mit Zeitgeist (MÄNNER!!!) Was meinst Du, wieviel die Babykleidung über diese Zeit aussagt, bequeme Strampelanzüge und Jüpchen (bei Euch wohl Jäckchen), alles Baumwolle. Wenn ich daran denke, was mein armes Enkelkind vor knapp 5 Jahren "leiden" musste, winzige Jeans oder Jogginghose, dazu Sweatshirt – lustiges Strampeln vorbei, so eingepfercht..."
©Text: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft (2026)
Papier- oder Anziehpuppen erfreuten sich bei Kindern in der DDR großer Beliebtheit. Insbesondere, wenn "echte" Spielpuppen – wie sie in den traditionellen Spielzeugzentren in Sonneberg oder Waltershausen gefertigt wurden – zu teurer oder nur schwer zu bekommen waren, boten die bedruckten Papierbögen eine kreative Alternative mit simplem Grundkonzept: Nachdem die Figuren und ihre Kleidung mit einer Schere ausgeschnitten wurden, ließen sich die einzelnen Kleidungsstücke mithilfe kleiner, biegsamer Papierlaschen passgenau an den Schultern und Hüften der Puppen fixieren und eröffneten den Kindern ein Tor zu Rollenspielen, Alltagsszenen und vor allem zur Modewelt. Die Garderoben orientierten sich oft dicht am Geschmack der jeweiligen Entstehungszeit und waren so ein Spiegel der wirklichen Mode. Die Gestalter der Papierpuppen griffen thematisch aber auch historische Trachten, Märchenmotive oder typische Berufskleidungen auf. Im Alltag der DDR waren diese Bögen auf vielerlei Art zu bekommen, ein Großteil der Kinder kam zum Beispiel auch über die monatlich erscheinenden Zeitschriften des Verlags Junge Welt mit ihnen in Berührung. In Magazinen für die Jüngsten wie Bummi, in der ABC-Zeitung für Schulkinder oder in den aufwändigen Bastelbeilagen der Jugendzeitschrift FRÖSI (Fröhlich sein und singen) lagen den Heften regelmäßig entsprechende Ausschneideseiten bei. Derart wurde das traditionelle Mädchenspielzeug nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen nähergebracht.
Vielfältig war auch das Angebot an großformatigen Einzelbögen, die im Schreibwaren- oder Spielzeughandel erhältlich waren. Besonders beliebt waren die Bögen im Stil der hier gezeigten „Jochen", Jutta“, "Steffi", "Uwe" und Co. aus den 1960er Jahren, die jeweils durch die letzten beiden Ziffern der Druckgenehmigungsnummer (die als staatlicher Registrierungsnachweis des DDR-Publikationswesens fungiert) zeitlich exakt einzuordnen sind. So hat zum Beispiel "Steffi" die Nummer A 24/62, die für das Jahr 1962 steht. Zusammen jeweils 35 Pfennig (EVP DM —,35) kosteten vier Bögen. Einige der Papierpuppen hatten identische Proportionen und Körperhaltungen, sodass die Kleidungsstücke in vielen Fällen untereinander ausgetauscht werden konnten. Nicht selten sind in original erhalten gebliebenen Konvoluten, die von den Kindern seinerzeit gut gehütet und in Pralinen- oder anderen Schachteln aufbewahrt wurden, auch selbstgefertigte Kleidungsstücke zu finden.
Der Code III-9-5 steht im DDR-Drucknummernsystem für die VEB Landesdruckerei Sachsen, Dresden (auch unter dem Namen Sachsen-Verlag Dresden beziehungsweise später als Teil des Grafischen Großbetriebs Völkerfreundschaft). Diese staatliche Großdruckerei produzierte im Auftrag verschiedener Bild- und Kinderbuchverlage offizielle Drucksachen, Plakate und Spielbögen.
Beim Logo vor der Druckgenehmigungsnummer (M&B im Wappenschild) handelt es sich um das offizielle Verlagsmonogramm von Meissner & Buch.
Der Verlag Meissner & Buch aus Leipzig blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die beispielhaft für die Entwicklung des deutschen Druck- und Verlagswesens vom Kaiserreich bis in die Zeit der DDR steht und deshalb an dieser Stelle etwas ausführlicher beschrieben werden soll. Gegründet im Jahr 1861, nutzte das Unternehmen die Standortvorteile Leipzigs, das sich zu jener Zeit als weltweites Handelszentrum für das Buch- und Druckwesen etablierte. Als Chromolithographisches Institut spezialisierte sich der Betrieb auf hochwertige, mehrfarbige Steindruckverfahren. Die außergewöhnliche Druckqualität verhalf dem Haus rasch zu internationalem Ruhm. In der Folge expandierte die Firma unaufhaltsam und eröffnete Zweigstellen in Weltmetropolen wie London, Paris, New York und Brüssel, um den globalen Markt mit luxuriösen Präge-Alben, Kalendern oder feinen Gratulationskarten zu beliefern. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 brach der internationale Exportmarkt schlagartig zusammen. Meissner & Buch war gezwungen, sich neu zu orientieren, und konzentrierte sich fortan auf den deutschsprachigen Raum. Das Sortiment verlagerte sich zunehmend auf Schulbedarf und Papierwaren für Kinder. Trotz folgender Wirtschaftskrisen blieb das Leipziger Stammhaus eine feste Größe für Adventskalender, Malbücher, Stundenpläne und Ausschneidebögen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich der Standort Leipzig in der Sowjetischen Besatzungszone und wurde anschließend Teil der DDR. In den darauffolgenden Jahrzehnten änderte sich die Struktur des traditionsreichen Privatunternehmens grundlegend. Im Zuge der wirtschaftlichen Umgestaltung und Enteignungswellen in der DDR wurde die Kunstanstalt schrittweise verstaatlicht und in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt. Aufgrund der enormen Markenbekanntheit und Beliebtheit in der Bevölkerung durfte das Werk unter der Leipziger Betriebskennung sein historisches Verlagsmonogramm noch bis in die 1960er Jahre hinein als Herkunftsnachweis auf seinen Produkten weiterführen. Das Ende der eigenständigen Marke kam mit den Zentralisierungsmaßnahmen der DDR-Führung in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren. Um die Produktion zu straffen, wurden kleinere grafische Betriebe zusammengeschlossen. Die Spiel-, Bastel- und Postkartenproduktion von Meissner & Buch wurde schließlich komplett dem zentralen VEB Planet-Verlag Berlin angegliedert. Als Folge dieser Zusammenlegung erlosch der geschichtsträchtige Name des Leipziger Traditionsverlags endgültig auf den Papierwarenbereich.
Über die Identität der Gestalter sind auf den Bögen leider keinerlei Hinweise zu finden, was seinerzeit bei solchen Massen-Papierwaren durchaus üblich war. Möglicherweise wurde die Serie direkt im verlagseigenen Atelier von fest angestellten Gebrauchsgrafikern im Rahmen einer reinen Dienstleistung entworfen. Stilistische Ähnlichkeiten zu anderen ihrer Arbeiten lassen jedoch durchaus auf Inge Gürtzig schließen. In den frühen 1960er Jahren erlebte sie (oft auch gemeinsam mit ihrem Mann Erich) ihren großen Durchbruch in der DDR-Kinderbuch- und Spieleillustration. In der Entstehungszeit der Papierpuppen-Bögen gestaltete sie intensiv für Leipziger und Berliner Verlage. Da Meissner & Buch zu den führenden Qualitätsbetrieben für Papierwaren gehörte, engagierten sie oft die besten freischaffenden Künstler der Zeit. – Falls ein Besucher dieser Seite Näheres weiß, freue ich mich über entsprechende Informationen!
Bei dieser Papierpuppe aus der DDR ist bei genauerer Betrachtung möglicherweise ein Beispiel versteckter Systemkritik auszumachen: So ist ein unter den Arm geklemmtes Radioprogramm zu erkennen, auf dem Titel staatskonformer Sendebeiträge wie „sowjetische Künstler musizieren“ zu entziffern sind. Unter dem anderen Arm steckt eine Zeitung, von deren Namen nur drei Buchstaben erkennbar sind. Diese lassen jedoch als einzigen Schluss zu, dass es sich um den Eulenspiegel handelt, das seinerzeit einzige Satiremagazin der DDR.
"WER ZIEHT EUCH AN?" - "Kaufhaus Magnet will euch zum zwanzigsten Jahrestag unserer Republik mit diesen Anziehpuppen eine Freude machen. Wenn alle Teile des Bogens ausgeschnitten sind, dann könnt ihr die Puppen anziehen wie es euch gefällt. Viel umfangreicher ist die Auswahl in den Kaufhäusern Magnet, wenn sich eure Eltern neu kleiden wollen, wie es ihnen gefällt. Für euch gibt es natürlich eigene Kinderkaufhäuser Magnet." Maße: 41 x 29 cm (1969)