Erich Kästner
©Text und Bilder: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft – Erstveröffentlichung im Sammlermagazin Trödler 5/2008
Vielen Lesern ist er vor allem durch Kinderbuch-Klassiker wie „Emil und die Detektive“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ zum Begriff geworden, die in ungezählten Editionen und Übersetzungen nahezu weltweite Verbreitung gefunden haben. Gleichwohl ist Dr. Erich Kästner aufgrund seiner Romane und Gedichte "für Erwachsene“ sicherlich zu den vielseitigsten und bemerkenswertesten deutschsprachigen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts zu zählen.
"Ich kenne sechs Kästners", soll der amerikanische Dramatiker Thornton Wilder einmal in Anspielung auf die große Bandbreite dessen publizistischen Schaffens gefragt haben, "kennen die einander?" Da eine Antwort nicht überliefert ist, erscheint es lohnenswert, sich ein wenig eingehender mit Vita und Werk des Autors zu beschäftigen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, welche verschiedenen Kästners Wilder gemeint haben könnte: Den Kinderbuchautor oder den Romancier? Den ebenso präzise beobachtenden wie formulierenden Lyriker? Oder den Verfasser von Drehbüchern, Hörspielen, Kabaretttexten und Theaterstücken?Einer zumindest wohnt wohl allen diesen vermeintlich unterschiedlichen Persönlichkeiten inne: der Moralist. Einer, "der auf den Sieg der Anständigkeit hofft, wie ein Ungläubiger auf Wunder. Moral meint er, sei die beste Körperpflege, und indem er die Unmoral schildert, stellt er sie bloß", zieht der 1931 vom Verlag formulierte Klappentext zum Roman Fabian Parallelen zwischen dem Schriftsteller und einer seiner bekanntesten Figuren.Das Licht der Welt erblickt Erich Kästner am 23.Februar 1899 in Dresden, seine Eltern sind die eher in einer Art Zweckgemeinschaft denn durch Liebe und Leidenschaft verbundenen Ida und Emil Kästner. Zudem wird die Vaterschaft des zwar handwerklich fähigen, kaufmännisch hingegen erfolglosen Sattlermeisters später in Frage gestellt. Denn in seiner 1982 erschienenen Biographie erregt der Kabarettist und Autor Werner Schneyder großes Medieninteresse mit der Behauptung, dass in Wirklichkeit der Hausarzt der Familie Erich Kästners leiblicher Vater sei und belegt diese These mit Aussagen von Familienangehörigen, kann jedoch, durch die Natur der Sache bedingt, keine definitiven Beweise vorbringen. Wie auch immer - im Bezug auf die Entwicklung des Jungen Erich und somit auch auf dessen künftiges Wirken, nimmt ohnehin Mutter Ida die entscheidende Rolle ein. Frustriert durch eine Ehe, die keine ist und mangels eigener Zukunftsperspektive, stellt sie die Erziehung des einzigen Kindes in den Mittelpunkt ihres Lebens. Durch nächtelange Heimarbeit und eine noch im Alter von 35 Jahren begonnene Ausbildung zur Friseurin bessert sie das schmale Familienbudget auf, um derart auch den erforderlichen finanziellen Rahmen für eine positive Entfaltung des in mancherlei Hinsicht viel versprechenden Sohnes zu schaffen. Für den Heranwachsenden bedeutet diese ungewöhnlich enge Mutter-Kind Beziehung Fluch und Segen zugleich. Zwar genießt er die innige Nähe, doch leidet er zugleich immer stärker unter einem immensen Erwartungsdruck: Weil sie die vollkommene Mutter werden wollte, "nahm sie auf niemanden Rücksicht, auch auf sich selber nicht...All ihre Liebe und Phantasie, ihren ganzen Fleiß, jede Minute und jeden Gedanken, ihre gesamte Existenz setzte sie, fanatisch wie ein besessener Spieler, auf eine einzige Karte, auf mich". Er fühlt sich zutiefst verpflichtet, zu gewinnen und sie nicht zu enttäuschen. "Deshalb wurde ich der beste Schüler und der bravste Sohn. Ich hätte es nicht ertragen, wenn sie ihr großes Spiel verloren hätte", erinnert sich der "patentierte Musterknabe" 1957 in der Autobiographie seiner Kindheit "Als ich ein kleiner Junge war".Vor dem Hintergrund dieses nicht alltäglichen Verhältnisses wird denn auch offensichtlich, warum (Über-)Mütter in Erich Kästners Jugendbüchern einen solch großen Raum einnehmen, während Väter oft bereits "gestorben" sind oder lediglich eine Existenz als belanglose Randfigur fristen. Durchweg alle in seinen Romanen vorkommenden Mutterfiguren erweisen sich im Grunde als Beschreibungen Ida Kästners.Eine sicherlich nicht unbedeutende Rolle in Kästners Jugend spielen gewiss auch die im Laufe der Jahre von der Familie zwecks Nebenverdienst einquartierten Untermieter, anfangs durch Zufall, später durch die guten gemachten Erfahrungen bewusst ausgewählt, allesamt Lehrer. Die wohl nachhaltigste Wirkung hinterlässt Paul Schurig, zu dem der Junge als "eine Art Onkel" eine besonders intensive Beziehung entwickelt und in ihm den schon früh entstandenen Wunsch untermauert, ebenfalls diesen Beruf zu ergreifen. Darüber hinaus bietet die staatlich geförderte Lehrerausbildung in der damaligen Zeit für Kinder einkommensschwächerer Familien eine der wenigen realistischen Möglichkeiten für einen sozialen Aufstieg. Im Alter von 14 Jahren besucht der wissbegierige Schüler folglich das "Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar", findet dort allerdings sein durch die umgänglichen und aufgeschlossenen häuslichen Mitbewohner geprägtes Lehrerideal nicht bestätigt. Im Gegenteil wähnt er sich in einer "Lehrerkaserne", in der weit reichende Verbote und drastische Strafaktionen an der Tagesordnung sind. "So wurde das Rückgrat geschmeidig gemacht und, war das nicht möglich, gebrochen". Diszipliniert und sich seiner moralischen Verpflichtung gegenüber der Mutter bewusst, setzt er die Ausbildung zunächst jedoch fort. 17jährig unterrichtet er erstmals eine Schulklasse, um schließlich festzustellen, dass dieser Berufswunsch die bis dato größte Fehleinschätzung seines Lebens bedeutete. "Ich war kein Lehrer, sondern ein Lerner. Ich wollte nicht lehren, sondern lernen. Ich hatte Lehrer werden wollen, um möglichst lange ein Schüler bleiben zu können." Sein neues Vorhaben, das Abitur zu erlangen und anschließend zu studieren, wird allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen.War das Kriegsgeschehen für den Seminaristen anfangs noch kein zentrales Thema, ändert sich dies jedoch bald durch das vermehrte Auftauchen von Namen gefallener Mitschüler in der Schulzeitung - das bis zu diesem Zeitpunkt weit entfernte Geschehen wird für ihn nun greifbarer. 1917 erhält er ein Kriegsabgangszeugnis und muss selbst als "Einjährig-Freiwilliger" einrücken. Zwar bleibt ihm ein Einsatz an der Front erspart, jedoch zieht der schikanöse Drill durch einen vorgesetzten Offizier eine schwere Herzerkrankung nach sich. Die schonungslose Abrechnung mit dem dafür Verantwortlichen erfolgt in seinem 1929 erschienenen, von Rudolf Grossmann illustrierten zweiten Gedichtband "Lärm im Spiegel": „Er war ein Tier. Und er spie und schrie. Und Sergeant Waurich hieß das Vieh, damit es jeder weiß. Der Mann hat mir das Herz versaut. Das wird ihm nie verziehn."Nach Kriegsende kommt der Besuch des Gymnasiums für den Lernwilligen einer Offenbarung gleich. Der junge Kästner ist in höchstem Maße angetan von Lehrkräften, die daran interessiert sind, Wissen zu vermitteln und nicht nur Wert auf Ordnung und Disziplin legen. Sein Abiturzeugnis ist schließlich so vortrefflich, dass ihm ein Stipendium für eine Universität innerhalb Sachsens anerboten wird. Da sich als neuer Berufswunsch unterdessen der des Regisseurs herauskristallisiert hat, kommt als Studienort nur Leipzig in Frage, wo er Vorlesungen in Germanistik und Literaturwissenschaften belegt. Aus dem eher beschaulichen Dresden kommend, fühlt er sich bald heimisch in der mit kulturellem Leben erfüllten Großstadt. Durch den Ortswechsel erstmals räumlich von der Mutter getrennt, entwickelt sich mit dieser in der Folge ein reger Briefwechsel, der schließlich bis zum Tode Ida Kästners fortdauern soll. Er schildert ihr detailliert seine Tagesabläufe und lässt sie auch über recht private Einzelheiten in Liebesangelegenheiten, wie beispielsweise einer Liaison mit der Chemiestudentin Ilse Julius, nicht im Unklaren. Zudem schickt er regelmäßig seine schmutzige Wäsche nach Hause, ein Vorgang, der sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte zu einem weiteren vertrauten Ritual entwickeln wird.Zur Finanzierung seines Studiums verfasst er für verschiedene regionale Zeitungen erste ernstzunehmende, zumeist feuilletonistische Texte, die auf solch positive Resonanz stoßen, dass er 1924 festes Redaktionsmitglied der sozialdemokratischen "Neuen Leipziger Zeitung" wird und im Jahr darauf schließlich zum Doktor der Germanistik promovieren kann. Die Regiepläne mittlerweile ad acta gelegt, fühlt er sich durch die Zeitungsarbeit endlich in seinem Element und entwickelt eine enorme Produktivität, schreibt über das berufliche Pflichtpensum hinaus für literarische Zeitschriften und arbeitet an Geschichten für Kinder. Zu dieser Zeit lernt er auch den Zeichner Erich Ohser kennen, der 1928 "Herz auf Taille", Kästners ersten, von Curt Weller in Leipzig verlegten Gedichtband illustrieren wird. „Ohser, dem Schlosserhandwerk entlaufen...übernahm mit heiterem Feuereifer den graphischen Teil", erinnert sich Kästner 1959 im Vorwort einer Neuauflage. Von Natur aus eher unpolitisch, hat Ohser als das Tagesgeschehen kommentierender Pressezeichner dennoch eine ausgesprochen kritische, antifaschistische Sicht der Dinge, was dazu führt, dass er in den ersten Jahren der Hitler-Diktatur mit einem Berufsverbot belegt wird. Trotz aller Widerstände gelangt er dennoch unter dem auf den Wohnort seiner Kindheit bezogenen Pseudonym "e.o.plauen" (Erich Ohser aus Plauen) durch seine "Vater und Sohn" - Bildergeschichten zu großer Bekannt- und Beliebtheit. 1944 wird er wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" dennoch inhaftiert und nimmt sich, einer Verurteilung zum Tode zuvorkommend, das Leben. Mitte der 20er Jahre jedoch verbindet ihn nicht nur die gemeinsame Arbeit, sondern auch Freundschaft mit Erich Kästner. Letzterer stößt durch sein selbstbewusstes und bisweilen wenig umgängliches Auftreten allerdings längst nicht bei allen Mitmenschen auf Sympathie. So wird sein von Ohser illustriertes Liebesgedicht "Nachtgesang des Kammervirtuosen" offensichtlich gewollt als Verunglimpfung Beethovens fehl interpretiert und bietet den Anlass, ihm im April 1927 den Stuhl vor die Tür zu setzten.Damit nicht genug, ist auch Kästners schon seit geraumer Zeit kriselnde Beziehung zu Ilse Julius mittlerweile in die Brüche gegangen. Obwohl er durch diverse Seitensprünge den Großteil der Verantwortung dafür selbst zu tragen hat, lässt er in dieser Phase kaum eine Gelegenheit aus, über die Frauen seiner Epoche im Allgemeinen und seine Ex-Geliebte im Speziellen vom Leder zu ziehen. In einem Brief an die Mutter zeigt er sich davon überzeugt, dass die Beziehung zu Ilse "alle Fähigkeit, ein Mädchen richtig liebzuhaben, vollständig ruiniert hat" ("Mein liebes gutes Muttchen, Du!" Briefe und Postkarten aus 30 Jahren). Auch sein Gedicht "Sachliche Romanze" spielt mit großer Wahrscheinlichkeit auf diese Trennung an. Allerdings - und das sagt einiges über Kästners Selbstverständnis aus - wird darin die Rolle des Mannes wesentlich vorteilhafter geschildert, als sie sich in der Realität dargestellt hat.Im Juli 1927 zieht er in die pulsierende Metropole Berlin, die sich in den ausklingenden 20er Jahren als Zentrum von Kultur, Vergnügen und Sinnlichkeit präsentiert und wie ein Magnet Künstler aller Nationalitäten anzieht, nirgendwo sonst findet man so viele Verlage, Zeitungen und Bühnen. In den unzähligen Cafes kommen Schriftsteller, Schauspieler und Maler zusammen, einen zentralen Treffpunkt bildet das Romanische Cafe im Schatten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Kästner findet sich schnell zurecht und schreibt bald für namhafte Zeitschriften wie den Simplicissimus, das Berliner Tageblatt und die Weltbühne. Zu seinen bevorzugten Themen gehören die Aufarbeitung des 1.Weltkrieges inklusive heftiger Angriffe gegen Militarismus und blinden Gehorsam (Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen?), aber auch seine Gedichte über die selbstbewusste "neue Frau" der Zwanziger Jahre, mal unterschwellig, ein anderes Mal ganz offen erotisch, finden großen Anklang. Er liefert "Gebrauchslyrik" aus seiner "kleinen Versfabrik", die oft das aktuelle Tagesgeschehen behandelt, verfasst Hörspiele oder Theaterkritiken. Statt am heimischen Schreibtisch arbeitet er vorzugsweise in Cafes. "Man müsste mal 8 Tage gar nicht ins Bett. Bloß schreiben", heißt es in einem Brief an seine Mutter, "Doch das lass ich lieber bleiben. Gesundheit ist auch was Hübsches..." In Wirklichkeit jedoch mutet er seinem Körper viel zu, fühlt sich vom schillernden Berliner Nachtleben angezogen, raucht viel, ist dem Alkohol nicht abgeneigt und findet häufig erst im Morgengrauen ins Bett. Sein Arbeitspensum leidet nicht unter diesem Lebenswandel, im Gegenteil inspirieren ihn die mannigfaltigen Impressionen der brodelnden Weltstadt. Von der "Weltbühne" -Verlegerin und Besitzerin des "Williams & Co" Kinderbuchverlags, Edith Jacobsohn, zudem zum Schreiben eines Romans für Kinder angeregt, erscheint dann im Oktober 1929 mit "Emil und die Detektive" ein Buch, welches ihn mit einem Schlag berühmt macht und sich zu seinem größten Publikumserfolg überhaupt entwickeln soll.Die darin erzählte Geschichte des Jungen Emil Tischbein, dem während der Zugfahrt nach Berlin vom zwielichtigen Mitreisenden namens Grundeis Geld gestohlen wird, das er schließlich mit Hilfe einer vom "Straßenjungen Gustav mit der Hupe" angeführten Bande Berliner Kinder nach spektakulärer und perfekt durchorganisierter Verfolgung des Übeltäters wieder zurückerlangt, weist etliche autobiographische Züge auf. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Kästner für jedes der auftretenden Kinder einen eigenen, unverwechselbaren Charakter entwickelt, ein zur damaligen Zeit innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur noch höchst selten anzutreffendes Stilmittel. Kästner spricht die Sprache seiner jungen Leser und versteht es gleichzeitig, die eine oder andere pädagogische Botschaft unterzubringen, bremst sich, zumindest in den meisten Fällen, aber noch rechtzeitig, wenn das Ganze allzu moralinsauer zu werden droht. Zeichnerisch kongenial in Szene gesetzt werden die beschriebenen "Berliner Gören" durch den 1890 in Prag geborenen Illustrator Walter Trier. Es ist der Beginn einer für beide Seiten ebenso inspirierenden wie erfolgreichen Zusammenarbeit, die bis zum Tode Triers 1951 im kanadischem Exil fortdauern soll."Emil" wird sowohl von den Lesern als auch von der Kritik überaus wohlwollend aufgenommen und ist dementsprechend gleichfalls kommerziell ein großer Wurf, ebenso kommen eine Bühnenfassung des Stoffes sowie die von Billy Wilder bearbeitete Verfilmung beim Publikum gut an. Kästner kann es sich leisten, mit Elfriede Mechnig eine Sekretärin zu beschäftigen, nennt diese scherzhaft das "& Co" seiner kleinen Versfabrik und zieht nach seinem bisherigem Untermieterdasein in eine eigene, größere Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Zwar ist er zu dieser Zeit mit der Kunstgewerbeschülerin Margot Schönlank liiert, die den Kosenamen "Pony" trägt und als Namenspatin für die Emil-Figur "Pony Hütchen" fungierte, bezeichnet diese in einem der weiterhin regelmäßig an die Mutter geschriebenen Briefe dennoch lediglich als "neue kleine Freundin" und hofft, dass irgendwann vielleicht "doch noch die Richtige" käme. Eine lange Zeit unerfüllt bleibende Hoffnung, denn seit der Trennung von Ilse Julius wechseln die Frauen an seiner Seite überaus häufig und auch die momentane Verbindung ist nur vorübergehender Natur. Der aufstrebende Autor unternimmt diverse Lesereisen, empfindet diese jedoch mehr als notwendiges Mittel zum Zweck denn als Vergnügen. "Ganz sicher aber haben mir die Kästners eine Familieneigenschaft in die Wiege gelegt, die alle meine Freunde immer wieder verwundert und oft genug ärgert: die echte und unbelehrbare Abneigung vorm Reisen...Wir leiden nicht am Fernweh, sondern am Heimweh...Es ginge noch, wenn wir daheim einschliefen und in Buenos Aires aufwachten! Das Dortsein wäre vorübergehend zu ertragen, aber das Hinkommen? Niemals!" beschreibt er später in "Als ich ein kleiner Junge war" seine Unlust, vertraute Gefilde zu verlassen.In seiner Wahlheimat Berlin hingegen hat für ihn, beflügelt durch den Erfolg, die produktivste Phase seines gesamten publizistischen Lebens begonnen. Mit "Ein Mann gibt Auskunft" veröffentlicht 1930 die Deutsche Verlagsanstalt, bei der sein bisheriger Verleger Weller derweil als Lektor beschäftigt ist, den nunmehr dritten eigenständigen Gedichtband, Umschlag und Vignetten gestaltet wiederum Erich Ohser. Darin enthalten ist sein "Kurzgefasster Lebenslauf", eines der am häufigsten abgedruckten Kästner-Gedichte, das mit der viel zitierten Schlusszeile "Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter" endet. Es folgen die bei Williams & Co verlegten und von Walter Trier illustrierten Bilderbücher "Arthur mit dem langen Arm" und "Das verhexte Telefon". Letztgenanntes beinhaltet das Kindergedicht "Der Preisboxer", in dessen Verlauf ein "tückischer" Junge die Kinder der Nachbarschaft tyrannisiert, indem er wahllos mit den Fäusten auf sie losgeht. Erst der neu zugezogene Fritz kann den groben Klotz dank seiner ausgefeilten Boxtechnik zu Boden strecken, obwohl er ihm körperlich hoffnungslos unterlegen scheint. "Da lag er wie vom Blitz getroffen, und hielt die Augen zugepresst. Und Fritzchen sprach: 'Es steht zu hoffen, dass er Euch jetzt in Ruhe lässt'". Kindgerecht formulierte Verse, vielleicht nicht weiter erwähnenswert, wenn ihr Urheber den großen, bösen Jungen nicht ausgerechnet Adolf benannt hätte. So ist dieses Gedicht wohl zum einen Beispiel für die vielen offen - versteckten politischen Anspielungen Kästners auch in seinem vermeintlich unpolitischen Werk, muss zum anderen jedoch als Beleg für eine fatale Unterschätzung der drohenden politischen Gefahr betrachtet werden. Wie viele seiner Zeitgenossen hält er den Nationalsozialismus für eine vorübergehende Erscheinung, die bald wieder von der Bildfläche verschwinden wird.1931 erscheint mit "Pünktchen und Anton" ein weiterer Roman für Kinder, der von der reichen, „Pünktchen“ genannten Fabrikantentochter Luise sowie dem armen Jungen Anton erzählt, die sich trotz diverser Komplikationen miteinander anfreunden. Wahre Freundschaft hebt sich über alle sozialen Gegensätze hinweg, lautet Kästners Botschaft, und trotz anfänglicher Skepsis bei Verlegerin Jacobsohn und Illustrator Trier verkauft sich das Buch ähnlich gut wie "Die Detektive". Entstanden ist die Geschichte nach einer wahren Begebenheit innerhalb kürzester Zeit, sozusagen als Intermezzo zur Arbeit an seinem wohl bedeutendsten und noch im selben Jahr erschienenen Roman Fabian.„Die Geschichte eines Moralisten“ ist literarischen Vertreter der Neuen Sachlichkeit, einer sich Mitte der 20er Jahre entwickelnden Gegenströmung zum Expressionismus, die zeitbezogene soziale und wirtschaftliche Realitäten unverklärt darstellt. Kästners Geschichte beschreibt die Stimmung im Berlin der ausklingenden 1920er Jahre und zeigt auf, dass nach dem New Yorker Börsencrash und der folgenden Weltwirtschaftskrise mit einhergehender hoher Arbeitslosigkeit die Zwanziger Jahre für Viele alles andere als „Golden“ waren. Auch Protagonist Jacob Fabian, seines Zeichens promovierter Germanist (und das bleibt nicht das einzige autobiographische Element), verdingt sich unter seinen Möglichkeiten als Adressenschreiber und Werbetexter. "Dieser Fabian ist das Opfer einer führungslos gewordenen Menschheit. Ein schwacher, aber wertvoller Mensch, ein Nichtschwimmer in übertragener Bedeutung, der im Strudel der Gegenwart untergehen muss, ein Typ unserer heutigen jungen Generation, die, hin und her geworfen durch die Zeitgeschwindigkeit, alles beginnen muss und nichts durchführen darf, für die überdies zwischen Ja und Nein keine eigentliche Distanz liegt" (Klappentext von 1931). Mit seinem politisch engagierten Freund Labude durchstreift der passive Fabian ziellos das nächtliche Berlin und beschreibt mit drastischen Worten die Stimmung vor dem drohenden Untergang: "Ich treibe mich herum wie damals im Krieg, als wir wussten, wir werden eingezogen...Saßen wir nicht wie unter einer Glasglocke, aus der man langsam aber unaufhörlich die Luft herauspumpt? Wir begannen zu zappeln, doch wir zappelten nicht aus Übermut, sondern weil uns die Luft wegblieb. ...wir hatten einen gefährlichen Lebenshunger, weil wir glaubten, es sei die Henkersmahlzeit". Diesen Hunger versucht er durch sexuelle Ausschweifungen zu befriedigen. Vergeblich, denn Liebe ist zur Ware verkommen und zurück bleibt nur ein schales Gefühl. Fabian ist fiebriger Akteur und paralysierter Betrachter zugleich: "Wer Gefühle untersuchen wollte, musste sie haben. Nur während man sie besaß, konnte man sie beobachten. Man war ein Chirurg, der die eigene Seele aufschnitt." Als er die Referendarin Claudia kennen lernt, erlebt er Momente des Glücks, um bald darauf umso tiefer zu fallen. Fabian verliert unerwartet seine Stellung und Claudia verlässt ihn aus Angst vor Armut, sie lässt sich mit einem Filmproduzenten ein, um Karriere zu machen: "Man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man sich dreckig macht." Als sich auch noch sein Freund Labude aufgrund eines tragischen Irrtums erschießt, resigniert Fabian vollends. Er verlässt Berlin und sucht Halt bei den Eltern in der Provinz, doch auch hier findet er weder innere Ruhe noch Lebensziel. Im letzten, "Lernt schwimmen" überschriebenen Kapitel des Buches wird er Zeuge, wie ein ihm fremder Junge in einen Fluss stürzt. Ohne zu zögern, springt er hinterher, das Kind zu retten. "Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen."Beschränkten sich Kästners Einmischungen und Stellungnahmen bis dahin weitestgehend auf den Aktionsradius seines Schreibtisches, befürchtet er nun immer konkreter einen politischen Umsturz mit einhergehender Beschneidung der Pressefreiheit und beteiligt sich an verschiedenen öffentlichen Kundgebungen; nichtsdestotrotz bleibt er äußerst produktiv. 1932 erscheinen sein von Erich Ohser illustrierter vierter Gedichtband "Gesang zwischen den Stühlen" sowie mit "Der 35. Mai" ein für den Autor vollkommen untypisches Kinderbuch. Weder Musterknabe noch treu sorgende Mutter sind diesmal die Hauptpersonen einer surrealistisch anmutenden Handlung, sondern der eher mittelmäßige Schüler Konrad und sein „im Geiste Kind gebliebener“ Onkel Ringelhuth, denen auf einer phantastischen Reise in die Südsee allerlei Skurriles widerfährt.
1933, nach der Machtergreifung Hitlers, ist Kästner klar, dass dies für ihn weit reichende Konsequenzen haben wird, zu scharf waren seine niedergeschriebenen Attacken gegen den Militarismus. Insbesondere mit dem Gedicht "Die andere Möglichkeit" hat er sich im Lager der Nationalsozialisten viele Feinde gemacht. "Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus" beginnt seine unerbittliche literarische Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges und endet schließlich mit der viel zitierten Schlussstrophe "Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb's wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten - Zum Glück gewannen wir ihn nicht!"Während viele bekannte Schriftstellerkollegen und mit Walter Trier sowie Edith Jacobsohn auch Menschen aus seinem persönlichen Umfeld recht bald emigrierten, konnte sich Kästner nicht zu diesem Schritt entschließen, ein Entschluss, über den bis heute allerlei Mutmaßungen angestellt wurden. Einen wesentlichen Faktor stellte dabei sicherlich die nach wie vor ungemein enge Beziehung zu seiner Mutter dar, die er nicht alleine wissen wollte. Aber auch seine tiefe Verwurzlung im ihm vertrauten deutschen Sprachraum und, vielleicht ganz lapidar, seine bereits zitierte Reiseunlust werden eine Rolle gespielt haben. Nicht zu vergessen die spätere geäußerte eigene Darstellung, Augenzeuge des Geschehens sein zu wollen und das Erlebte als bilanzierender Chronist in einem großen Roman über das "Dritte Reich" zu verarbeiten. So muss er also erleben, wie im Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz auch seine Bücher verbrannt werden, ist sogar persönlich anwesend. Als ihn jedoch eine Zuschauerin erkennt und namentlich anspricht, wird er sich der Gefährlichkeit des Unterfangens bewusst und verlässt den Ort des propagandistischen Spektakels.Mit Ausnahme von "Emil und die Detektive" werden seine Bücher in Deutschland verboten. Das "Fliegende Klassenzimmer", eine klassische, zur Weihnachtszeit spielende Internatsgeschichte, darf noch erscheinen, neue Arbeiten sind ihm indes nur noch unter Verwendung von Pseudonymen möglich oder werden bei den Schweizer Verlagen Rascher, bzw. Atrium verlegt. Im Dezember wird er aufgrund eines falschen Vorwurfes erstmals verhaftet. Zwar kann er den Irrtum aufklären und wird wieder auf freien Fuß gesetzt, zurück bleibt jedoch die Gewissheit, in besonderem Maße gefährdet zu sein. Da Kästner seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, arrangiert er sich mit den äußeren Umständen, ohne jedoch seine innere Überzeugung zu verraten. Es entstehen eine Anzahl heiterer, unverfänglicher Arbeiten, wie zum Beispiel 1934 die Verwechslungskomödie "Drei Männer im Schnee". Anfangs aufgrund eines Werbeverbotes in Deutschland nur mäßig erfolgreich, entwickelt sich der Stoff im Laufe der Zeit durch diverse Verfilmungen und ungezählte Übersetzungen zu einer seiner kommerziell erfolgreichsten Schöpfungen überhaupt. 1935 folgt das Kinderbuch "Emil und die drei Zwillinge", insofern eine Fortsetzung von "Emil", als dass einige der dort beteiligten Charaktere im neuen Werk abermals auftauchen. "Georg und die Zwischenfälle", später umbenannt in "Der kleine Grenzverkehr" sowie "Die verschwundene Miniatur" sind ebenso in die Rubrik "Unterhaltung" einzuordnen, wie "Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke", eine Sammlung unpolitischer Gedichte sowie "Till Eulenspiegel", die von Walter Trier opulent bebilderte Nacherzählung des mittelalterlichen Themas. Des Weiteren schreibt er zusammen mit Freunden Boulevardstücke für das Theater, Drehbücher für den Film und zeichnet in dieser Funktion unter dem Pseudonym Berthold Bürger mit "Münchhausen" paradoxerweise für eines der prestigeträchtigsten Ufa-Projekte unter dem Nazi-Regime verantwortlich. Durch einige doppeldeutige Textpassagen gelingt es ihm zudem, sowohl seine Auftraggeber zufrieden zu stellen, als auch systemkritische Elemente unterzubringen.Mehrfach entgeht Kästner durch Glück und Geschick nur um Haaresbreite einer Verhaftung, 1944 wird bei einem Bombenangriff seine Wohnung letztlich doch zerstört und er verliert "Dreitausend Bücher, acht Anzüge, einige Manuskripte, sämtliche Möbel, zwei Schreibmaschinen, Erinnerungen in jeder Größe und mancher Haarfarbe". Er zieht zur Journalistin Luiselotte Enderle, die er noch aus Leipziger Tagen kennt und mit der er nach einem Wiedertreffen in Berlin seit 1940 liiert ist. Eine Verbindung, die mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen bis zu seinem Tod Bestand haben sollte. Die letzte Phase des Krieges überstehen die Beiden als Mitglieder eines Filmteams im Tiroler Ort Mayrhofen. Ungeachtet des bevorstehenden Unterganges sollen dort die Außenaufnahmen für einen Film gedreht werden, Normalität vorgaukelnd und als Beleg "für die unerschütterliche Zuversicht der obersten Führung, dass der deutsche Endsieg feststehe". Im Mai 1945 folgt schließlich die deutsche Kapitulation, Kästner hat den Krieg, zumindest nach außen hin, unbeschadet überstanden. Er nimmt ein Angebot der Amerikaner zur Mitarbeit an der "Neuen Zeitung" an, die einen Beitrag zur "reeducation", der Rückerziehung zur Demokratie leisten soll und übersiedelt zu diesem Zweck gemeinsam mit Enderle nach München. Darüber hinaus betätigt er sich unter anderem als Herausgeber der monatlichen Jugendzeitschrift "Pinguin" und schreibt Texte für das Kabarett "Schaubude". 1946 veröffentlicht der Rowohlt-Verlag mit "Bei Durchsicht meiner Bücher" eine Auswahl aus seinen Gedichtbänden, außerdem erscheinen im selben Haus Ausgaben einiger seiner bisherigen Werke im preisgünstigen Zeitungsformat (Rowohlt Rotations Romane). Die ersten Bände mit neuem Material und damit einen Querschnitt seiner bis dahin fertig gestellten Nachkriegs-Arbeit bilden 1948 "Der tägliche Kram" mit Chansons, Glossen, Kritiken und Leitartikeln, sowie die Epigramm-Sammlung "Kurz und Bündig", ein Versuch, diese literarische Kunstform wiederzubeleben und derart durch "Kürze und Bündigkeit unserer Sprach- und Denkvernebelung entgegenzuwirken". Letztgenanntes enthält einige Verse, die mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind, wie zum Beispiel Kästners Definition von Moral: "Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es".Dahingegen kann "Die Konferenz der Tiere" aus dem Jahr 1949 durchaus als Bilderbuch Walter Triers mit Texten von Erich Kästner bezeichnet werden, auch nach über fünf Jahrzehnten haben die zahlreichen farbenfrohen und vor originellen Einfällen geradezu sprühenden Zeichnungen nichts von ihrem Charme eingebüßt. Ein Zitat Kästners trifft das künstlerische Potential des Freundes auf den Punkt: "Alles, was er zeichnete und malte, lächelte und lachte, sogar der Schrank und der Apfel, die Wanduhr und der Damenhut". Noch im selben Jahr vollendet er den Kinderroman "Das doppelte Lottchen", der sich zu seinem letzten wirklich großen Erfolg entwickelt. Die Geschichte um die als Babys getrennten und sich im Ferienheim wieder findenden Zwillinge Lotte und Luise wird mehrfach verfilmt, die Thematisierung einer Ehescheidung im Rahmen eines Kinderbuches war für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich. Wie fast alle noch folgenden Bücher erscheint die Erstausgabe im Züricher Atrium - Verlag, dem der Autor auch nach dem Krieg verbunden blieb. Parallele deutsche Ausgaben in gleicher Ausstattung verlegte jeweils Cecilie Dressler, die 1933 nach der Emigration Edith Jacobsohns durch die Leitung von Williams & Co entsprechende Erfahrungen gesammelt hatte, anfangs als Atrium - Verlag Berlin West, später unter eigenem Namen im Cecilie Dressler Verlag.Kästner genießt nicht nur bei seinen Lesern, sondern auch im Kreis der Kollegen hohes Ansehen und wird 1951 zum Präsidenten der westdeutschen Sektion des Schriftstellerverbandes PEN gewählt. Kurz darauf bedeutet für ihn der Tod der seit längerem kranken Mutter Ida einen tiefen Einschnitt, hat jedoch auch eine Intensivierung des Kontaktes mit seinem "amtlichen" Vater Emil zur Folge, dem im fortgeschrittenen Alter erstmals der Ausbruch aus dem Zeit seines Lebens geführten Schattendasein gelingt.Als komplette Neuerscheinungen Kästners auf dem Buchmarkt folgen noch "Die kleine Freiheit", eine Sammlung von Texten aus dem Umfeld des gleichnamigen Münchener literarischen Kabaretts, sowie einige weitere, nicht wirklich weltbewegende aber durchaus lesens- und insbesondere anschauenswerte Adaptionen klassischer Themen wie beispielsweise "Der gestiefelte Kater" oder "Die Schildbürger", letzteres nach dem Tode Triers erstmalig von seinem neuem "Stamm-Illustrator" Horst Lemke bebildert. 1957 erhofft Kästner sich von dem Stück "Die Schule der Diktatoren" endlich den Durchbruch auf den Theaterbühnen, der große Erfolg und damit die lang ersehnte Anerkennung als Dramatiker bleiben ihm jedoch trotz durchaus vorhandener Qualitäten des Stoffes weiterhin versagt. Nach wie vor auf sich warten lässt allerdings der schon so lange immer einmal wieder angekündigte große Zeitzeugen-Roman über das "Dritte Reich", stattdessen erscheint 1961 mit "Notabene 45" ein Band, der im Tagebuchformat Kästners, im Nachhinein bearbeitete Aufzeichnungen aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges enthält. Eine Begründung für die Aufarbeitung der Ereignisse in dieser Form liefert der Autor persönlich im Vorwort: den großen Roman habe ich nicht geschrieben. "Ich merkte, dass ich es nicht konnte. Und ich merkte, dass ich's nicht wollte. Wer daraus schlösse, ich hätte es nicht gewollt, nur weil ich es nicht konnte, der würde sich's leichter machen, als ich es mir gemacht habe...Das Tausendjährige Reich hat nicht das Zeug zum großen Roman...Man kann eine zwölf Jahre lang anschwellende Liste von Opfern und Henkern architektonisch nicht gliedern. Man kann Statistik nicht komponieren."In Deutschland ist Kästner mittlerweile ein Medienstar, Illustrierte berichten von seiner Anwesenheit bei Festivitäten oder besuchen ihn in seinem Haus im Münchner Vorort Bogenhausen. Zwar haftet ihm durch seine Kinderbücher der Ruf des volkstümlichen Schriftstellers oder gar eines "Märchenonkels" an, doch die Privatperson Erich Kästner führt ein der Öffentlichkeit weitestgehend verborgenes Doppel-, mitunter gar Dreifachleben. Neben Liselotte Enderle, der offiziellen Frau an seiner Seite, gibt es immer wieder andere Frauen, von denen ihn eine sogar zum Vater eines Sohnes macht. Kästner gelingt es dennoch nicht, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Zunehmende gesundheitliche Labilität erfordert längere Klinikaufenthalte, während denen er immerhin wieder Ruhe zum Schreiben findet. So entstehen 1963 mit "Der kleine Mann" und 1967 mit dessen Fortsetzung "Der kleine Mann und die kleine Miss" lesenswerte, ursprünglich als Gutenachtgeschichten für seinen Sohn bestimmte Abenteuer um den winzigen, in einer Streichholzschachtel Platz findenden Mäxchen Pichelsteiner. Des Weiteren tritt er als Herausgeber verschiedener Textsammlungen in Erscheinung, deren Inhalte sich immerhin gehaltvoller erweisen, als Titel wie "Heiterkeit kennt keine Grenzen" oder "Schmunzelschmöker für Kurzstreckenleser" vermuten lassen könnten. Er schreibt ein Vorwort für das Sammelalbum eines Margarinewerkes mit Filmbildern des "Doppelten Lottchens", sowie unzählige weitere Vorworte für die Bücher von Freunden und verhehlt kaum, dass dies in einigen Fällen wohl eher aus einem Gefühl der Verpflichtung denn aus eigenem Bedürfnis geschieht: "…und wenn ein Freund, bei dessen Tochter man Pate gestanden hat, sagt: "Schreib mir doch für mein Bilderbuch ein Vorwort!" da kann man nichts machen. Da muss man sich auf die Hosen setzen und ein Vorwort schreiben." Kästners letzte Lebensphase ist von Krankheiten geprägt, er stirbt im Alter von 75 Jahren an Speiseröhrenkrebs.Wer die Werke Erich Kästners in Erstausgaben sammeln möchte, sollte auf eine wohl gefüllte Brieftasche zurückgreifen können. Insbesondere Bücher wie „Arthur mit dem langen Arm“ und „Das verhexte Telefon“ zählen zu den gesuchten Raritäten. Spätere Auflagen, in der Ausstattung häufig identisch mit den Erstausgaben, sind hingegen noch recht häufig und daher in der Regel verhältnismäßig preiswert zu finden. Durchaus reizvoll ist auch das Sammeln der unübersehbaren Zahl fremdsprachiger Editionen, die in der Regel eigenständig von Illustratoren aus den jeweiligen veröffentlichenden Ländern gestaltet wurden. Zudem stößt man bisweilen auf Kuriositäten wie die Einleitung einer russischen Ausgabe zu den „Detektiven“ aus dem Jahr 1962: „Liebe junge Freunde! Wenn ihr diese Buch lest, denkt daran, daß die Handlung im kapitalistischen Deutschland spielt.“ Seinerzeit in hohen Auflagen gedruckte preisgünstige deutsche Nachkriegsausgaben im Zeitungsformat hingegen spiegeln ein Stück bundesrepublikanische Verlagsgeschichte. Besonders reizvoll sind auch diverse zwischen 1954 und 1956 von der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt Kästner-Kinderbuch-Klassiker. Insbesondere einige Ausgaben mit von Carl Fischer zu diesem Zweck neu gestalteten Schutzumschlägen erweisen sich als unbedingt sammelwürdig. Carl Fischer (CeFischer) verlor im Krieg beide Arme und zeichnete fortan mit dem Mund, seine in den 50er Jahren für die "Frankfurter Illustrierte" in Szene gesetzten Bildergeschichten des "Kater Oskar" sind auch heute noch populär.