Puppenstuben der 70er Jahre
©Text und Fotos: Jörg Bohn / VG WORT Wissenschaft, Erstveröffentlichung im Sammlermagazin Trödler / Juli 2008
Galten für viele Puppenhaus-Liebhaber lange Zeit ausschließlich vor 1920 zu datierende Objekte als sammelnswert, haben mittlerweile auch die entsprechenden Spielzeuge der 50er-Jahre den Status von bewahrenswerten Zeitzeugnissen erlangt. Momentan ist zu beobachten, dass darüber hinaus die 1970er-Jahre immer stärker in den Fokus des Sammlerinteresses rücken.
Design und Zeitgeist
Dies liegt zum einen daran, dass in den 70ern aufgewachsene Kinder in ein Alter gekommen sind, in dem man sich intensiver mit der Spurensuche nach der eigenen Vergangenheit beschäftigt, zum anderen entdecken über den Kreis der Nostalgiker und Spielzeugsammler hinaus offenbar zunehmend Design-Interessierte den faszinierenden Mikrokosmos der Puppenhäuser und -stuben für sich. Und in der Tat spiegeln auch in den 70ern Miniaturhäuser, -möbel und -puppen in ihrer bunten Vielfalt das Spektrum zeitgenössischer Wohnkultur (und -unkultur) wider und lassen so den Zeitgeist dieser Epoche „greifbar“ werden. Doch was genau diesen Zeitgeist ausmacht und was charakteristisch für deutsche Wohnungen der 70er war, ist eine Frage, die gewiss nicht allein mit Nennung der „üblichen Verdächtigen“ befriedigend beantwortet werden kann: Denn so wenig, wie sich der Einrichtungsstil der 50er auf die im Nachhinein als prägend empfundenen Nierentische, Tütenlampen und Pastellfarben reduzieren lässt, waren für die 70er nur die heutzutage oft zitierten Lavalampen, Flokatis, Pril-Blumen oder Designobjekte eines Verner Panton bezeichnend. Den besten Weg, sich dem Thema zu nähern, bietet, entsprechendes Alter vorausgesetzt, die eigene Erinnerung in Verbindung mit einem Blick ins Familienalbum; andere Möglichkeiten erschließen sich durch das Sichten zeitgenössischer Zeitschriften und Möbelkataloge. Deren Studium vermittelt recht schnell die Erkenntnis, dass vieles dessen, was uns heute in puncto Wohndesign als „70er-typisch“ erscheint, seinen Ursprung bereits in den 60ern hat, in deren Verlauf umwälzende Veränderungen zu verzeichnen waren. Vietnam-Krieg und Proteste, Hippie-Bewegung, sexuelle Revolution und antiautoritäre Gesinnung führten zu einer Abkehr von den Ansichten der Mütter und Väter und damit auch von deren Lebensumständen. In der Bundesrepublik sorgten zudem die Studentenbewegung und deren eskalierende Folgen für einen klaren Trennungsstrich mit den elterlichen Idealen der Wirtschaftswunderjahre. Auf der anderen Seite ist eine regelrechte Fortschrittseuphorie spürbar, die durch Ereignisse wie den Start des Farbfernsehens oder die erste Herzverpflanzung geschürt wird und 1969 mit dem ersten Menschen auf dem Mond ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Als ebenso vielschichtig wie die gesellschaftlichen Strömungen offenbaren sich auch die Lebens- und Wohnumstände, wobei das Spektrum von einer improvisierten Behausung mit Apfelsinenkisten und auf dem Fußboden verteilten Matratzen bis hin zu einer bis ins letzte Detail durchgeplanten Designerwohnung reicht.
Wohnkultur
Konzentriert sich der Interessierte auf seiner Suche nach der Wohnkultur der 70er zunächst auf Fachpublikationen, tun sich ihm zwei regelrechte Parallelwelten auf. Da gilt es zum einen das in den Katalogen der Kauf- und Möbelhäuser abgebildete Universum des Publikumsgeschmacks zu erkunden, zum anderen entführen ihn diverse exklusive Bildbände auf einen elitären Planeten, auf dem ausschließlich bekannte Designer zu leben scheinen und wo beispielsweise „als Plastiken konzipierte, wie Wesen mit Eigenleben wirkende Möbel rhythmisch den Raum gliedern“ oder „dickflorige Teppiche auf kunstvoll gefügtem Parkettboden Inseln für ein ruhiges Zwiegespräch bilden“. Was es zu dieser Zeit bedeutet, auf hohem Niveau „modern zu wohnen“, versuchen Bücher wie „Wohnen heute“ zu hinterfragen: „Mancher meint, es sei mit ein paar avantgardistischen Möbeln getan oder mit drei verrückt arrangierten Plakaten an der Wand. Für den anderen ist der Begriff modernen Wohnens unwillkürlich mit einem kühlen Hauch von Kahlheit und kühlem Funktionalismus verbunden, den er ablehnt. Der dritte wiederum führt die Perfektion technischer Apparate oder innenarchitektonischer Gags ins Feld, die er in seine Wohnung eingebaut hat.“ Fotografisch dokumentiert wird dies in den einschlägigen Veröffentlichungen mit Bildern großzügig dimensionierter und lichtdurchfluteter Häuser von Architekten, Künstlern oder Fabrikanten, in denen es vor heute gesuchten Designklassikern nur so wimmelt. Beim Durchblättern von Katalogen der „profanen“ Möbelhäuser kommt man dem Charakteristischen der 70er näher, da sich beispielsweise im Jahr 1970 innerhalb der abgebildeten Wohnzimmer recht bald einige stetig wiederkehrende Elemente ausmachen lassen: variable Sitzelemente, die je nach räumlichen Gegebenheiten zu regelrechten Sitzlandschaften erweitert werden können, Drehstühle und -sessel auf Kreuzgestellen, raumhohe Schrankwände, großgemusterte farbige Tapeten oder Vorhangstoffe sowie nicht zuletzt die zu dieser Zeit „hochmodernen Stereoanlagen“, die mitunter eine entscheidende Bedeutung für die Raumgestaltung einnehmen, da die Aufstellung der Möbel nicht selten in erster Linie auf „größtmöglichen Hörgenuss“ ausgerichtet ist. Empfohlen sei dem Interessierten die antiquarische Suche nach der zwischen 1960 und 1980 im Zwei-Jahres-Rhythmus von der Arbeitsgemeinschaft Wohnzirkel Detmold herausgegebenen „Wohnfibel“ (später „Farbige Wohnfibel“), die Aufschluss über Trends und Entwicklungen dieser Epoche gibt. Roland Gööck hat in „Das große praktische Einrichtungsbuch“ einen besonderen Tipp parat: „Wenn Sie demnächst eingeladen werden, wählen Sie Ihre Socken mit Bedacht. Ihre Gastgeber könnten vielleicht eine Sitzlandschaft besitzen, die man nur mit Strümpfen benutzen darf.“ Eine weitere ergiebige Quelle zum Thema Einrichtung der 70er-Jahre stellen die Ausgaben der Zeitschrift Schöner Wohnen dar, in denen zu dieser Zeit regelmäßig „die neuesten Anbausessel“ oder „farbenfrohe Sitzlandschaften“ zu entdecken sind. Über die Vorteile von Schrankwänden wird man wiederum in der „Wohnfibel“ informiert: Im Bezug auf „die perfekte Endlos-Schrankwand“ hat sich „die Möbelentwicklung in den letzten Jahren selbst übertroffen ... Aus dem herkömmlichen Schrank im Schlafzimmer, im Wohnzimmer – oder wo auch sonst – wurde die nahtlos ausgebaute Schrankwand von Wand zu Wand, vom Fußboden bis zur Zimmerdecke. Kein Zentimeter Platz wird verschenkt.“