©Text / Fotos: Jörg Bohn / VG WORT Wissenschaft
1956 werden in Frankfurt/Main und Kassel die ersten öffentlichen, als reine Zweckbauten konzipierten Parkhäuser in Betrieb genommen – Anlass für einige Spielzeughersteller, über die Produktion eines spielgerechten Abbildes der Realität nachzudenken.
Nachkriegsdeutschland in den 50er-Jahren – Zeit des Wirtschaftswunders. Die Zahl der Kraftfahrzeuge nimmt in rasantem Tempo zu und hat sich bereits 1956 mit circa 80.000 auf das Zwanzigfache des Standes bei Kriegsende vervielfacht, die Innenstädte entwickeln sich immer mehr zu reinen Büro- und Geschäftszentren, die Menschen ziehen an den Stadtrand oder in das Umland. Das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ist vielerorts noch lückenhaft, U-Bahnen befinden sich teilweise erst im Planungsstadium. Zunehmend gelangen auch Arbeiter und Angestellte in den Besitz eines eigenen PKW, mit dem sie zum Arbeiten und Einkaufen fahren, und entgegen der heute vorherrschenden Meinung, dass von Autos verstopfte Innenstädte ein Problem jüngerer Zeit darstellen, führt dieser Umstand bereits Mitte der 50er-Jahre dazu, dass etlichen Städten der Kollaps droht. Zudem werden große Flächen des begehrten und daher kostbaren innerstädtischen Raums dazu benötigt, den Berufspendlern und Kaufwilligen Abstellmöglichkeiten für ihre Autos zu bieten. Folgerichtige Lösung: die Reduzierung ebenerdiger Parkflächen und die Ausweitung des Parkraumes in die Höhe. Das erste Parkhaus der Nachkriegszeit entsteht 1951 in Düsseldorf und wird entworfen von Paul Schneider-Esleben. Der transparente Glasbau mit an Stahlseilen aufgehängten Fahrrampen bietet zwar Platz für 700 Autos, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings eher Dokumentation des Leistungsvermögens moderner deutscher Architektur denn verkehrsbedingte Notwendigkeit. 1956 werden dann in Frankfurt/Main und Kassel die ersten öffentlichen, als reine Zweckbauten konzipierten Parkhäuser in Betrieb genommen – Anlass für einige Spielzeughersteller, über die Produktion eines spielgerechten Abbildes der Realität nachzudenken.
ABBILD DER REALITÄT
So findet sich in der Fachzeitschrift Das Spielzeug erstmalig im Februar 1959 eine Anzeige des französischen Herstellers Depreux aus Roubaix, bisher spezialisiert auf Militárlager im Miniaturformat, der den interessierten Spielwarengeschäften einen illustrierten Katalog mit 20 Modellen von Hochgaragen offeriert, sowie der Firma Konrad Dressler aus Fürth, die eine „Großgarage in Plastik mit Aufzug“ in ihr Fabrikationsprogramm aufgenommen hat. Kurz darauf, noch rechtzeitig zur 10. Internationalen Spielwarenmesse 1959 in Nürnberg, folgt die Sportartikel- und Spielwarenfabrik Fritz Löhmann aus dem württembergischen Wildberg. Bei Löhmann findet sich auch erstmals die Bezeichnung „Parkhaus“ für dieses neuartige Spielzeug. Zur Grundausstattung der Parkhäuser gehören in der Regel eine Fahrrampe, mindestens ein Parkdeck, eine Hebebühne, eine Tankstelle mit Zapfsäulen und ein Auto-Lift, entweder manuell oder häufig als Sonderausstattung auch elektrisch zu betätigen. Dazu kommt eine variierende Anzahl von weiteren Zubehörteilen wie Firmenlogos und Fahnen zum Aufstecken, Werbeaufsteller, Sträucher und bisweilen auch einfachere Plastikautos. Ferner gehören zum Lieferumfang Abziehbilder und Aufkleber, mit denen „der beschenkte Junge sein Parkhaus nach Belieben selbst gestalten“ kann. Dies alles erweitert die Spielmöglichkeiten im Vergleich zu den bisher produzierten Tankstellen und Garagen beträchtlich. So vermeldet Das Spielzeug in seiner Berichterstattung über die Nürnberger Messe „reges Interesse für Spielzeughochgaragen“, und Fritz Löhmann bezeichnet sie im weiteren Verlauf des Jahres in seinen Anzeigen als „das Spielzeug des Jahres“.AUFBAUDer Grundaufbau der „echten“ innerstädtischen Parkhäuser besteht üblicherweise aus einem Stahlbetongerippe, das mit verschiedenartigen Fassaden verkleidet wird. Oft findet man große Glasflächen zwischen den Sichtbetonbrüstungen, bisweilen wird versucht, mit farbigen Kacheln oder Mosaiken städtebauliche Akzente zu setzen. Dies führt durch die rasch steigende Zahl der Parkhäuser vielerorts zu Kritik, da diese mittlerweile immer aufdringlicher das Stadtbild beeinflussen, oftmals sogar prägen. Bei den Miniaturen findet das Stahlbetonskelett seine Entsprechung in einer Holzpfostenkonstruktion mit stabilisierenden Parkdecks aus Presspappe, verkleidet mit großflächigen Fenstern aus transparentem Kunststoff.
Hersteller wie Konrad Dressler, August Tinnefeld aus Borken oder Matchbox, das 1961 die lt. Werbung „langerwartete Hochgarage“ präsentiert (wobei „hoch“ in diesem Falle eine Höhe von maßstabgerechten 12 Zentimetern bedeutet), vertrauen gänzlich auf das in immer größerem Maße in die Spielzeugwelt Einzug haltende und als „nahezu unzerbrechlich“ gepriesene Plastik. Ein großer Vorzug des Plastiks besteht in der Möglichkeit, auch kleinste Details präzise abbilden zu können, sodass selbst traditionelle Holzspielzeughersteller wie Löhmann in der Folge nicht auf diesen Werkstoff verzichten möchten. So werden zum Beispiel die anfangs durch einen simplen Metallstift lediglich angedeuteten Zapfpistolen recht schnell durch präzise dem Original nachempfundene Kunststoffminiaturen ersetzt. Löhmann und Dressler bieten die Parkhäuser wahlweise fertig montiert oder als Baukasten an. Letzteres verringert bei diesen recht platzintensiven Spielzeugen die Kosten für Transport und Lagerhaltung beträchtlich, bietet zudem Kind und Eltern zusätzlichen Spaß beim Zusammenbau und führt weiterhin dazu, dass man auch heute noch mit etwas Glück einen kompletten unbespielten Bausatz im Originalkarton finden kann, der einst von einem bastelunwilligen Kind als klassisches Fehlgeschenk „links liegen gelassen“, in den Keller verbannt und dort über Jahrzehnte vergessen wurde.
DEPREUX
Von Beginn an kooperieren die Parkhaushersteller mit Mineralölkonzernen und Autofirmen, eine für beide Seiten lohnende Zusammenarbeit, denn der Versuch der Markenbildung war schon zu dieser Zeit für die Werbeagenturen längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Wenn ein Kind von klein auf seine Spielzeugautos mit einem bestimmten Kraftstoff „betankt“, ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass es als Erwachsener eine Vorliebe für eben diese Marke behält. Ein willkommener Nebeneffekt für den Sammler besteht darin, dass es gelingt, anhand der Firmenwerbung einige Parkhäuser den jeweiligen Herstellern zuzuordnen. So fertigt Depreux ausschließlich Modelle mit Esso-Werbung und prägt sein Firmenlogo in den auf das Dach aufsteckbaren Esso-Schriftzug – da dieser aber in der Regel bereits abhandengekommen ist, identifiziert man diese Parkhäuser anhand des meist mehrfach an exponierter Stelle angebrachten Esso-Männchens „Max“, dem Firmenmaskottchen vor der „Tiger-im-Tank“-Ära. Die geschwungenen Fahrrampen sind noch aus Blech, die geraden aus Holz, während sie bei den meisten Konkurrenten bereits aus Kunststoff gefertigt werden. Auffällig sind die vielen, sehr schön im Stil der Zeit gestalteten Miniatur-Werbeplakate für Kraftstoff, Schmiermittel, Reifen oder Zündkerzen. Und da die Hochgaragen durch eine batteriegespeiste Esso-Leuchtreklame oder zumindest eine kleine Glühbirne illuminiert werden können, lässt man es sich zumeist nicht nehmen, in die Nähe des Ein- und Ausschalters das Werbeplakat eines Batterieherstellers zu platzieren. Depreux legt auch großen Wert auf den Wiedererkennungseffekt der eigenen Produkte. Um eine möglichst große Produktpalette anbieten zu können und aus Gründen der Modellpflege, werden zwar Größe, Ausstattung und in begrenztem Maß auch Farbgebung der Parkhäuser variiert, einige gemeinsame charakteristische Merkmale wie Form und Farbe von Dächern, Aufzügen und Kunststoffschaufenstern bleiben jedoch weitestgehend unverändert.
LÖHMANN
Die Produkte von Fritz Löhmann hingegen zeichnen sich durch Abwechslungsreichtum und eine besonders große stilistische Bandbreite aus. Ob konventionell oder modern, ob Esso-, Shell- oder Aral-Parkhäuser in den verschiedensten Ausführungen hat er in seinem Lieferprogramm. Ins Auge springen auch die kräftigen Farben der Parkdecks. Blau, Gelb und Rot sind typisch für Erzeugnisse von Löhmann. Eine Art Markenzeichen ist jedoch die Rückwand des Autolifts, ausschließlich lackiert in metallic-blauer (anfangs grünlicher) Hammerschlagoptik, an der auch noch häufig eine Plakette mit dem Firmenschriftzug vorhanden ist.
NIEDERLANDE
Aus den Niederlanden bereichern die Firmen Sio und G. Okkerse den bundesdeutschen Spielzeugmarkt. Sio aus Amsterdam ist 1960 mit einer hochwertigen Esso-Garage aus „erstklassigem Holz mit sorgfältig abgerundeten Ecken und Kanten sowie ungiftigen, fröhlichen Farben“ vertreten. Der große Verkaufserfolg stellt sich dann mit den ab Mitte der 60er-Jahre produzierten Caltex-Garagen ein. Viel buntes Kunststoffzubehör und das modern wirkende Caltex-Emblem mit dem großen Stern treffen den Geschmack der Zeit und damit den der Käufer. Auch die Firma Okkerse aus Waddinxveen legt Wert auf qualitativ hochwertiges Holz. Trotz stabilster Bauweise strahlen die „Service-Stations“ aufgrund ihrer sehr gelungenen Linienführung eine große Leichtigkeit aus.
Nachdem die Eigenschaften des Materials Kunststoff im Laufe der 60er-Jahre permanent verbessert sowie neue Fertigungsmethoden entwickelt und perfektioniert werden, nimmt zum Ende dieses Jahrzehnts die Zahl der aus diesem Werkstoff gefertigten Spielzeuge stark zu. Götz & Sohn (Göso) aus Fürth stellen ab 1967 ihre Parkhäuser auf im Vakuum-Tiefziehverfahren gefertigte Sockel. Hierbei wird eine erwärmte und dadurch elastisch gewordene Kunststoffplatte mithilfe von Druck und Vakuum über ein Werkzeug verformt. Nach dem Abkühlen härtet das Gebilde aus und kann beliebig bedruckt werden, in diesem Fall mit Straßenpflaster und Parkplatzmarkierungen. Nach dem gleichen Prinzip verläuft auch die Fertigung bei den Gebr. Einfalt (Technofix) in Nürnberg, allerdings sind die Parkhausaufbauten auf deren Bahnen aus Blech. Bei der 1964 gebauten Lift-Garage werden Autos über einen uhrwerkbetriebenen Aufzug auf die verschiedenen Ebenen nach oben befördert, bei der ab 1968 produzierten Central-Garage geschieht dies bereits batteriebetrieben. Das Vakuum-Tiefziehverfahren vereinfacht die Produktion und senkt die Kosten. Im Gegensatz zu den heute erzielten Liebhaberpreisen gehörten die Technofix-Produkte in ihrer Zeit zu den vergleichsweise günstigen Spielzeugen.
Ein großes Zubehörsortiment inklusive Plastik-Autos, Verkehrszeichen und Ampeln sowie einfacher und sicherer Zusammenbau ließen 1967 auch die als Bausatz gelieferte Aral-Groß-Garage der Firma BIG-Plastic zum Verkaufserfolg werden. Das Parkhochhaus ist recht schlicht und spielgerecht gestaltet, etwaige den 60er-Jahren entsprechende typische Stilmerkmale lassen sich nicht mehr ausmachen und eine zeitliche Einordnung ist eigentlich nur noch anhand der mitgelieferten Autos möglich.
Der Mutterkonzern von Corgi Toys, Mettoy (Metal Toys) aus London, präsentiert im Mai 1961 eine komplett aus Blech lithographierte Hochgarage mit Tankstelle, die im weiteren Verlauf des Jahres mit deutscher Beschriftung von Tipp & Co. vertrieben wird. Clou ist das Zubehör: ein massiver metallener Scherenwagenheber und eine funktionstüchtige Waschanlage mit Handpumpe und Wasserreservoir.
DDR
Auch Parkhäuser aus DDR-Produktion tauchen Ende der 60er-Jahre im „Konsument-Versandhauskatalog“ auf, obwohl das erste Parkhaus für PKW in Ostberlin erst 1973 in der Nähe des Alexanderplatzes eröffnet wird. Produziert werden sie zum größten Teil von der Spielwarenfabrik Ernst Emil Schubert, die 1970 wie letztendlich fast alle erzgebirgischen und auch thüringischen Holzwarenbetriebe in das VEB Kombinat Holzspielwaren VERO eingegliedert wird. Während ein großer Prozentsatz der in den 50er- bis 70er-Jahren in der Bundesrepublik verkauften Puppenhäuser und -stuben in der DDR hergestellt wurde, ist der Anteil bei den Parkhäusern eher gering. Dies mag zum einen daran liegen, dass der Markt in diesem Bereich durch in der Bundesrepublik, in Frankreich und in den Niederlanden produziertes Spielzeug gesättigt ist, zum anderen daran, dass man nicht in der Lage ist, mit Aufklebern für Minol oder Wartburg das Käuferpublikum in westlichen Ländern zu aktivieren. Und Werbung für kapitalistische Mineralöl- oder Autokonzerne verbietet sich per se.
GARNIER
Einen gänzlich anderen Weg beschreitet die französische Firma Garnier. Durch einen ausgefeilten und präzise gefertigten Klappmechanismus lässt sich ein 43 x 30 x 40 cm großes Parkhaus derart zusammenlegen, dass es in einer Schachtel von nur 6 Zentimetern Höhe Platz findet und so nach dem Spiel bequem in einer Schranknische oder unter dem Bett verstaut werden kann – für manche Eltern ein mit Sicherheit nicht unwichtiges Kaufkriterium. Auch in anderer Hinsicht hat man sich bei Garnier einiges einfallen lassen: Bei der „Mini-Garage Pliant No. 2“ werden nach Hochklappen der Sperrschranke an der Parkhauseinfahrt Tankstelle und Firmenlogo automatisch durch kleine Glühbirnen beleuchtet, bei einem anderen Modell wird dieser Effekt durch das Hochschieben eines Rolltores ausgelöst. Trotz des kompakten Packmaßes braucht man auf das übliche Zubehör nicht zu verzichten, es gibt als zusätzliches Extra sogar noch eine aufklappbare Stoffmarkise. Nach anfänglicher Zusammenarbeit mit „Total“ scheint sich Garnier sehr kurzfristig umorientiert zu haben, da bei einigen späteren Verpackungen der Total-Schriftzug mit dem von Esso einfach überklebt wurde. Weitere nennenswerte Produzenten aus Frankreich sind Fraignier sowie Netar. Letztgenannter stellt 1967 Garagen vor, bei denen eine große Werbe-Leuchtschrift mit Blinklicht sowie die Kabelfernsteuerung für den elektrischen Aufzug mit zwei Kontrolllichtern ausgerüstet sind. Heutzutage in unserer hochtechnisierten Zeit wohl kaum noch nachvollziehbar, wird allein diese schlichte Funktion seinerzeit bei so manchem Kind den Wunsch, ein solches Parkhaus zu besitzen, in nicht geringem Maße beeinflusst haben.
BASTELEIEN
Schließlich seien noch die zumeist von mehr oder weniger geschickten Onkeln, Vätern und Großvätern selbst gebauten und gebastelten Parkhäuser erwähnt, die ungefähr gleichermaßen häufig Rückschlüsse auf Erbauer in der Bundesrepublik und in der DDR zulassen. Hier bietet sich dem Betrachter aus handwerklicher Sicht naturgemäß eine sehr große Spannweite vom grob zusammengezimmerten Modell aus Kistenbrettern bis hin zum kunstvoll gefertigten und auch stilistisch überaus gelungenen kleinen Kunstwerk, wobei oft auch gerade den schlichteren Stücken ein gewisser Charme nicht abgesprochen werden kann. Inwieweit er solche Parkhäuser als sammelwürdig erachtet, muss jeder Sammler für sich selbst entscheiden, aber auch hier sollte als Maxime über allem stehen: „Erlaubt ist, was gefällt!“