© Text und Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft (2026)
Diverses – auch ursprünglich nicht dazugehöriges – Zubehör deutet darauf hin, dass die obige, aus den 1930er Jahren stammende Kinderpost sowohl in den letzten Kriegsjahren als auch noch in der Nachkriegszeit bespielt wurde. Krasse Gegensätze wie der feindliche Schatten hinter der Scheibe auf dem Stenoblock und die kindlich bunt gestaltete Kinderpostkarte dokumentieren die Extreme der damaligen Kinderwelt. Die ebenfalls abgebildete "Paketkarte" quittiert in kindlicher Schrift "1 CARE Paket" sowie Butter für "Frau Hansi Messerschmitt", Absender: "Amerika".
Die erste Postspiel für Kinder erschien um 1890, wobei es seinerzeit in erster Linie sicherlich nicht vorrangig um das Spielen ging. Der Titel einer um 1920 erschienenen Kinderpost bringt es auf den Punkt. Getreu ihrem Motto „Die Lehre für die Kleinen zu handeln wie die Großen“ war das Spiel seinerzeit meist nicht nur als Zeitvertreib gedacht, sondern bildete vielmehr ein erzieherisches Werkzeug, mit dem Kinder Lesen, Schreiben, kaufmännisches Rechnen und auch den Umgang mit Behörden üben sollten. Damals wie heute enthielten solche Sets in der Grundausstattung einen aufstellbaren Schalter aus starker Pappe, dessen Schaltertüren geöffnet und geschlossen werden konnten. Dahinter war Platz, um Spiel-Briefmarken, Telegrammformulare, Postkarten, Stempel und ähnliches Zubehör auszubreiten. Teurere Spiele enthielten noch weitere Accessoires wie kleine Briefkästen, Telefone oder Posttaschen. Oft sind die Mini-Briefmarken und Formulare ihren großen Vorbildern detailgetreu nachempfunden und dokumentieren derart Entwicklungen im Postverkehr über mehr als ein Jahrhundert. Auch Änderungen in Design und Ausführung von Briefkästen und Telefonzellen sowie Entwicklungen im Bereich Technik und Verkehr lassen sich durch solche Spiele anschaulich nachvollziehen.
Da es im Netz bereits viele weiterführende Seiten zur Postgeschichte gibt, soll an dieser Stelle vor allem herausgestellt werden, wie Kinderpost-Spiele von Kindern genutzt wurden. Erste, vor Fehlern strotzende Schreibversuche sind ebenso zu finden wie penibel ausgefüllte Formulare oder phantasievolle Zeichnungen. Ein Stempel, der statt kindgerechter Blumen- oder Tierbilder den Jahrestag der Nationalen Volksarmee zum Motiv hat, belegt, in welch frühem Alter Kinder in der DDR bereits mit politischer Ideologie in Berührung kamen. Gemeinsamkeit in beiden deutschen Staaten: Das Zubehör, das am häufigsten genutzt wurde, war mit Sicherheit der Stempel;-)
Wer nach Postspielen recherchiert, erfährt auch, dass der materielle Wert insbesondere antiker Spiele maßgeblich von Vollständigkeit und Unberührtheit der Objekte beeinflusst wird. Mag ja sein … Für mich persönlich gilt jedoch, wie schon vielfach auf diesen Seiten erklärt, ganz besonders auch bei einer Kinderpost, deren besonderer Charme für mich eben gerade darin besteht, dass Kinder ihre Spuren hinterlassen haben:
Unbespieltes Spielzeug hat seinen Daseinszweck verfehlt!
Diese schlichte Kinderpost aus den 1920er Jahren mit dem Motto "Die Lehre für die Kleinen zu handeln wie die Großen." bringt den damaligen Zeitgeist auf den Punkt. Kinderpost war kein reiner Zeitvertreib, sondern ein erzieherisches Werkzeug, um Kindern Disziplin, kaufmännisches Rechnen und den Umgang mit Behörden beizubringen.
Kinderpost um 1930 mit dem Hersteller-Logo "Liliput". Der Markenname „Liliput“ war damals ein eingetragenes Warenzeichen des Nürnberger Spieleverlags C. Abel-Klinger. Im Inneren des Kartons befand sich unter vielem anderen obiger Brief mit folgendem Text:
"Liebe Anna, Mutti sagt immer Christkind bringt heuer nichts. Morgen darf ich nicht mehr in das Zimmer g... "
Kinderlandpost. Dresden, Leutert & Schneidewind (um 1950), 35 × 43 cm. Großer aufstellbarer farblithographierter "Postschalter" (34 × 42 × 22 cm) mit Papp-Briefkasten und Telefon, illustriert von Lotte Greeven.
Das Deckelbild dieser Kinderpost von Josef Friedrich Schmidt München lässt sich historisch und technisch in die frühen 1950er-Jahre einordnen. Es ist ein Paradebeispiel für die Aufbruchsstimmung und die Faszination für moderne Verkehrsmittel in den ersten Jahren der Bundesrepublik. Abgebildet sind viermotorige Propeller-Passagierflugzeuge (stilistisch angelehnt an die berühmte Lockheed Constellation oder die Douglas DC-6), die ab Ende der 1940er-/Anfang der 1950er den zivilen Luftpost- und Luftverkehr dominierten. Der Ozeandampfer steht für die wiederauflebende Schiffspost und Übersee-Auswanderungswelle der 50er-Jahre.
"Post-Spiel", herausgegeben von der Deutschen Bundespost. Werbe-Würfelspiel mit launigen Reimen: "Der Dumme spart in Topf und Tasse, der Kluge bei der Postsparkasse!", "Die arme Post hat es oft schwer, fehlt auf dem Brief der Absender ...!", "Was immer Du per Post schickst fort, frankier' es richtig und sofort!" Spielplan: 59 × 42 cm
Sehr hübsch illustrierte Kinderpost um 1955. Bemerkenswertes zeitgeschichtliches Detail: Der Slogan „Fasse Dich kurz!“ an der gelben Telefonzelle vom Seitenteil. Dieser Appell wurde in den 1950ern von der Deutschen Bundespost an allen öffentlichen Fernsprechern angebracht, um lange Wartezeiten an den Kabinen zu vermeiden. Die große Fensterfront gibt den Blick frei auf die Wiederaufbau-Fassaden der 1950er Jahre.
Diese Kinderpost des Nürnberger Verlags Abel-Klinger (AK-Spiele) stammt aus den frühen 1960er-Jahren. Ein kleines Zeit-Detail: Der schwarze Pudel ganz links – Pudel waren in den 1950er und frühen 60er Jahren die absoluten Modehunde in Deutschland.
In den 1960er Jahren vollzog sich in der Gestaltung von Kinderpost-Spielen ein prägnanter Wandel, der den Optimismus und die Modernisierung jener Zeit widerspiegelt. Die beiden Illustrationen der Schachteldeckel brechen bewusst mit dem detailverliebten Zeichnungsstil der unmittelbaren Nachkriegszeit und setzen stattdessen auf eine expressive, stark von der Werbegrafik und Pop-Art geprägte Formensprache. Leuchtendes Signalgelb als dominante Hintergrundfarbe, plakative Kontraste sowie flächig aufgetragene Farben verleihen den Szenen eine hohe Dynamik und machen die Verkaufsschachteln zum Hingucker. Auch das Schriftbild folgt diesem Trend: Wuchtige, klare Blockschriften im oberen Bildbereich ersetzen die Schnörkel- und Schreibschriften früherer Jahrzehnte. Während ein Motiv das Thema noch mit verspielten Bildelementen wie Handkarren, Briefmarkenautomat und Postbus vor nostalgischer Altstadtkulisse interpretiert, schaltet das andere vollends auf die technische Nüchternheit der Moderne um. Hier prägen die sachliche Architektur der Nachkriegsmoderne mit Flachdach, Glasfronten und Klinkerelementen das Bild. Ein vorbeirauschender Motorroller bringt Schwung und Energie der Zeit zum Ausdruck. Trotz dieser thematischen Unterschiede – von der bunten Alltagsszene bis hin zum urbanen Hauptpostamt – bilden beide Motive eine klare stilistische Einheit. Sie stehen exemplarisch für das Grafikdesign der 1960er Jahre, das in diesen Fällen den kindlichen Spieltrieb mit der Bildsprache einer sich rasant modernisierenden Welt verknüpfte.
Kinderpost um 1970 von Josef Friedrich Schmidt, München (J.F.S.M.). Die Firma nutzte Ende der 60er/Anfang der 70er verstärkt romantisierende Postkutschen- und Retro-Motive für Klassiker wie die Kinderpost, kombiniert mit den damals modern geföhnten Frisuren und farbenfrohen Kleidern der abgebildeten Kinder.
DDR-Kinderpost (Famos Nr. 516), die einen Stempel beinhaltet, dessen Abdruck ein Motiv zeigt, welches den "Tag der NVA" (NVA = Nationale Volksarmee) thematisiert.