Sammlung Ursula Luhr
Ursula Luhr war Sammlerin mit Leib und Seele, über viele Jahre hinweg trug sie ausgesuchte Puppenstuben, Kaufläden und Puppen zusammen. Das Ganze entwickelte sich schließlich zu einer ebenso exquisiten wie aussagekräftigen Sammlung und so entstand der Wunsch, das alles der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. – Ich freue mich sehr, dass diese wunderbare Sammlung zu diesem Zweck meinem Museum anvertraut wurde und werde hier nach und nach möglichst viele der schönen Stücke präsentieren. Alle Objekte habe ich dabei so belassen, wie sie von Ursula Luhr zusammengestellt wurden. – Mehr über die Sammlerin am Ende der Bilderstrecke.
©Fotos: Jörg Bohn, Wirtschaftswundermuseum
Dieses klappbare Puppenzimmer aus der Zeit um 1890 bricht mit der traditionellen Puppenstubenbauweise aus Holz und setzt stattdessen auf eine zusammenfaltbare Rückwand aus starker Pappe, die mit farbig lithographiertem Papier kaschiert ist. Diese Konstruktion spiegelte das Bedürfnis des aufstrebenden Bürgertums nach platzsparendem Spielzeug wider, das nach dem Gebrauch flach zusammengelegt und verstaut werden konnte. Stilistisch zeigt der Raum ein gehobenes, historistisches Schlafzimmer, dessen Wände von aufgedruckten, reich verzierten Goldrahmen und bürgerlichen Bildmotiven (darunter Seestücke und Porträts) gegliedert werden. Den Mittelpunkt bildet das Himmelbett mit einer Baldachin-Drapierung aus Tüll, das von einem herrschaftlichen Schrank und grazilen, geschwungenen Stühlen im historisierenden Biedermeier- und Neorokoko-Stil flankiert wird. Solche faltbaren Kulissen wurden um die Jahrhundertwende in großen Stückzahlen produziert und machten das Spiel mit der Puppenhauswelt auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich.
Die Zweiraum-Puppenstube aus der Zeit um 1880 dokumentiert anschaulich die großbürgerliche Wohnkultur des späten 19. Jahrhunderts. Das Gehäuse ist in zwei separate Räume unterteilt, die ein Schlafzimmer und einen angrenzenden Salon darstellen. Die architektonische Aufteilung in zwei klar getrennte Lebensbereiche spiegelt exakt den Strukturwandel des großbürgerlichen Haushalts um 1880 wider. Während im repräsentativen Salon der soziale Status zelebriert wurde, zog sich das Familienleben zunehmend in das geschützte, private Schlafzimmer zurück. Das an der linken Wand angebrachte Kruzifix über dem Bett ist hierbei kein Zufall: Es dokumentiert den hohen Stellenwert von Religion, Moral und christlicher Tugendhaftigkeit, die im familiären Alltag jener Epoche fest verankert waren und den Kindern durch das Spiel vermittelt werden sollten. – Das Mobiliar belegt den technologischen Wandel im Zuge Industrialisierung. Im Gegensatz zu den von Hand getischlerten Unikaten des frühen Biedermeiers zeugen die Möbel in beiden Räumen von der aufkommenden seriellen Spielwarenproduktion. Hersteller wie Moritz Gottschalk oder sächsische Manufakturen im Erzgebirge fertigten solche Typenmöbel zu dieser Zeit in arbeitsteiliger Heimarbeit oder kleinen Fabriken an. Der reich gedeckte Tisch im Salon mit seiner detailgetreuen Zinn-Ausstattung verweist zudem auf die damals florierende deutsche Metallspielwarenindustrie (etwa aus Nürnberg oder Fürth), die Haushaltsgegenstände im Miniaturformat perfekt nachempfand. Auf diese Weise fungierte das Spielzeug als direktes, pädagogisches Anschauungsobjekt, um junge Mädchen auf die repräsentativen und organisatorischen Pflichten einer zukünftigen Hausherrin vorzubereiten.
Diese repräsentative Puppenstube datiert in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und lässt sich in die Jahrzehnte um 1870 bis 1880 einordnen. Die gezeigte Szenerie stellt einen großbürgerlichen Salon des Historismus dar, dessen Gestaltung sich stark an den Formen des Neobarock und Neorokoko orientiert. Kennzeichnend für diese Epoche sind die geschwungenen, goldenen Zierleisten oberhalb der Fenster und Wandpaneele sowie die reich verzierten, vergoldeten Möbel mit ihren kräftigen, roten Sitzbezügen. Die aufwendig bedruckte Papiertapete im Hintergrund imitiert täuschend echt die in wohlhabenden Haushalten der Gründerzeit üblichen schweren Stoffvorhänge und textilen Wandbespannungen. Auch die drei Puppen fügen sich nahtlos in diese Zeitspanne ein: Sie tragen die typische, hochgeschlossene Mode jener Jahre mit ausladenden Röcken und zeugen ebenso wie die detailreiche Raumausstattung vom herrschaftlichen Wohnideal des späten 19. Jahrhunderts.
Das Puppenstubengehäuse aus der Spielwarenfabrik von Moritz Gottschalk (späte Gründerzeit, um 1890/1900) samt arrangiertem Inhalt gewährt einen Einblick in das Bildungswesen des späten Kaiserreichs. Besonderes Merkmal dieser Puppenschule ist die Lehrerinnenfigur, die als katholische Ordensschwester mit Ordenstracht und langem Rosenkranz gekleidet ist. Im 19. Jahrhundert war die Volksschulbildung stark religiös geprägt, und die Erziehung junger Mädchen lag in vielen Regionen traditionell in den Händen katholischer Frauenorden. Die Ausstattung spiegelt den damaligen Schulalltag wider: An der Rückwand hängt eine historische Landkarte des Deutschen Kaiserreichs in den Grenzen nach 1871, die neben der Geografie auch dem vaterländischen Unterricht diente. Die starren, hellen Schulbänke, bei denen Sitzfläche und Pult fest miteinander verbunden sind, zeigen die damals modernen Konstruktionen zur Vermeidung von Haltungsschäden.
Die Rauchfangküche, auch als Kamin- oder Schwarzküche bekannt, bildet ein Herzstück der historischen Puppenhauswelt im 19. Jahrhundert. In einer Zeit, in der das echte Leben im Haushalt von schwerer körperlicher Arbeit am offenen Feuer geprägt war, holten diese detailreichen Miniaturen den damaligen Alltag direkt ins Kinderzimmer. Der charakteristische, trichterförmige Rauchfang diente im realen Vorbild dazu, den Qualm des offenen Herdes nach oben abzuleiten, und wurde in den Puppenküchen aus Blech oder Holz nachgebildet. Bestückt mit winzigen Kupfertöpfen, Messingkesseln und Miniatur-Küchengeräten spiegeln diese Sammlungsstücke den technischen Wandel des Biedermeier und der beginnenden Industrialisierung wider. Sie waren jedoch weit mehr als bloßes Spielzeug: Wohlhabende Familien nutzten die aufwendig ausgestatteten Rauchfangküchen als pädagogisches Anschauungsmaterial, um junge Mädchen spielerisch, aber zielgerichtet auf ihre spätere Rolle als Hausherrin vorzubereiten. Heute lassen sie uns auf höchst anschauliche Art und Weise am häuslichen Leben und der Küchenkultur längst vergangener Tage teilhaben.
Ursula Luhr hatte eine Vorliebe für hübsche kleine Schächtelchen, die immer wieder neue Überraschungen offenbaren. Diese hier beherbergen Glanzbilder / Oblaten sowie Puppen für die Puppenstube.
Puppenstube im um 1900 modernen ostasiatischen Stil. – Waren Europas Handelsbeziehungen zu China und Japan aufgrund deren politischer Abschottung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch recht spärlich, fand in den folgenden Jahren eine, wenn auch durch den englisch-französischen Krieg gegen China erzwungene, Öffnung zum Westen statt. Durch ihre Präsenz auf verschiedenen Weltausstellungen erreichten asiatische Waren in der Folge ein breites Publikum und erfreuten sich alsbald reger Nachfrage. – Maße: 60 x 40 x 27 cm
Puppen hatten im 19. Jahrhundert oft Wachsgesichter, weil Wachs eine täuschend echte, der Haut ähnliche Strukturierung ermöglichte. Das Material schimmerte ähnlich wie menschliche Haut, ließ sich feinsten Modellen anpassen und wirkte durch seine Transparenz lebendiger als harte Keramik oder bemalter Holz. Wachs nimmt Farbe hervorragend an, wodurch Wangenrötung und Lippen sehr realistisch wirken. Beeinflusst von berühmten Wachsfigurenkabinetten galten Wachsköpfe seinerzeit als Inbegriff von handwerklicher Feinheit und Eleganz.
Eine herrschaftliche Puppenstube aus der Zeit um 1880–1890, die die räumliche Trennung und die sozialen Rollenbilder im großbürgerlichen Haushalt des späten Historismus veranschaulicht. Der größere Raum fungiert als kombiniertes Schlaf- und Kinderzimmer. Das Vorhandensein einer Puppenwiege sowie des spielenden Kindes auf dem Teppich unterstreicht den damals wachsenden Stellenwert der behüteten Kindheit im Bürgertum. Im Gegensatz zum privaten Charakter des Schlafraums steht das rechte, kleinere Zimmer, das als Salon oder Herrenzimmer eingerichtet ist. Das Sofa und der davor platzierte Tisch mit feinen Gläsern verweisen auf die Kultur des geselligen Beisammenseins und den Rückzug ins Private. Maße: 68 x 26 x 30 cm
Hasenkinder / Rabbit Dolls, um 1910/20, wohl aus Thüringen. Höhe ca. 9 cm (ohne Ohren;-) Hierbei handelt es sich um Ganzbiskuit-Puppen im Hasenkostüm mit Körben auf dem Rücken, die als Osterdekoration genutzt wurden.
Dieses Einraum-Gehäuse stammt aus dem fortgeschrittenen Biedermeier (um 1850–1860). Die Szenerie zeigt einen bürgerlichen Salon, der den zeittypischen Übergang von der schlichten Eleganz des Biedermeiers zum aufkommenden, dekorativen Historismus veranschaulicht. Im Zentrum des Raumes steht die Geselligkeit im Vordergrund, symbolisiert durch die zentrale Sitzgruppe mit rundem Tisch. Links ergänzen ein Sofa, ein kleiner Kaffeetisch mit Porzellanservice und ein repräsentativer, mehrstöckiger Kachelofen das häusliche Idyll. Die rechte Raumhälfte ist dem Bereich des privaten Rückzugs und der Korrespondenz gewidmet. Der filigran bedruckte Parkettboden mit zentralem Rosettenmuster und die gemusterte, olivgrüne Wandtapete spiegeln das damalige Ideal des intimen, harmonischen Wohnraums wider. Die beiden Puppen tragen die charakteristische Mode der Jahrhundertmitte mit tief angesetzten Schultern, weiten Ärmeln und ausladenden Krinolinenröcken.