Modernes Wohnen in den 50er Jahren

Puppenhaus "Constanza"

Um die ganze Bandbreite der Puppenhauswelt anzudeuten, hier im direkten Kontrast zu den spartanischen Einrichtungen der Nachkriegsjahre ein Haus, das den bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder-Wohlstand dokumentiert, paradoxerweise aber – wie viele andere Häuser auch – in der sozialistischen DDR für den Export hergestellt wurde. Es ist mit allen zeittypischen Luxusartikeln vom Fernseher bis zum Kühlschrank ausgestattet und eine venezianische Andenken-Gondel im Wohnzimmer zeigt, dass sich die Familie auch bereits eine Urlaubsreise nach Italien leisten konnte.

Falls ich mich für ein Lieblingshaus-Puppenhaus entscheiden müsste, fiele die Wahl mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Haus CONSTANZA vom VEB Holzspielwaren Grünhainichen im Erzgebirge: Höchster Spielwert durch allseitige Bespielbarkeit, vereint mit einer mutigen und zugleich ausgesprochen gelungenen Linienführung. Aus jeder Perspektive offenbart dieses Haus immer wieder neue überraschende Einblicke.

"Haus Constanza", Einrichtung nachträglich zeittypisch zusammengestellt, Maße: 82 x 70 x 36 cm
Möbel: Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik
Blumenharfe
Küchenzeile: Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik

Gefragt! – Die „Constanza“- Küche in dem Magazin 1zu12 (Nr.29, Mai/Juni 2006) und – neben vielen anderen Objekten aus der Sammlung – in der Zeitschrift DAS NEUE BLATT (Hefte 47 und 48/2012).

Unverkennbare Ähnlichkeit: Titelbild der Zeitschrift "Selbst ist der Mann" (1959)
Caco-Biegepüppchen in Möbeln von "Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik"
"Wir haben es geschafft...!" - Bausparkassenwerbung um 1960

Nierentisch und Tütenlampe

Leicht, licht, luftig, schwebend und farbenfroh sind im Zusammenhang mit der neuen Wohnauffassung oftmals zu vernehmenden Attribute, rechte Winkel sind verpönt, die „freie Form“ soll darüber hinaus einen bewussten Kontrapunkt zum Massiven, Starren und Bedrohlichen des Nationalsozialismus setzten. Unverhältnismäßig häufig in Relation zum Vorhandensein in den „echten“ Wohnungen sind diese modernen Möbel in den Puppenstuben zu finden, möglicherweise Indiz dafür, dass im Miniaturformat Wünsche nach Veränderungen realisiert wurden, die man im wirklichen Leben nicht ausleben konnte, wollte oder durfte. Unterstützt wird diese Vermutung unter anderem durch das 1955 erschiene Bastelbuch „moderne Puppenmöbel selbstgemacht“, in dem es in einer an die Eltern gerichteten Einleitung heißt: „Eine Wohnung wie die Mutti möchte das kleine Mädchen haben. Dabei freut es sich bestimmt auch an einer schöneren und vollkommenen Einrichtung. Wir brauchen uns also keinesfalls zu sagen: solange wir um den alten vierbeinigen Eichentisch sitzen, kann ich doch meiner Sabine nicht diese hübschen Puppenmöbel bauen! O doch, wir können die Puppenwohnung getrost mit den modernsten Möbeln ausstatten!“

Und so finden sich in den zeitgenössischen Puppenhäusern und Puppenstuben Nierentisch und Tütenlampe ebenso wieder wie asymmetrische Wohnzimmerschränke und abenteuerlich geformte Blumenständer aus Bambusrohr. Doch die Möbel der neuen Generation werden in den Fünfzigern nicht nur ausschließlich nach ästhetischen Gesichtspunkten konzipiert, sondern müssen auch veränderte räumliche Gegebenheiten berücksichtigen. Aufgrund einer selbst in der Mitte des Jahrzehnts immer noch herrschenden Wohnraumnot wurde versucht, möglichst zahlreiche neue Wohnungen zu schaffen, was jedoch in der Regel nur zu Lasten der jeweiligen Größe zu bewerkstelligen war. So sahen sich allein schon aus Platzgründen viele Menschen gezwungen, sich von den ausladenden Buffets und großvolumigen Wohnzimmerschränken der Vergangenheit zu trennen und sie durch kompaktere Möbel zu ersetzen. Insbesondere in den Küchen wird diese Entwicklung deutlich, da eine durchschnittliche Neubauküche mit einer Grundfläche von lediglich 6,5 Quadratmetern bemessen ist und infolgedessen die traditionelle Wohn- einer reinen Arbeitsküche weichen muss. Die neuen Einrichtungen bestehen aus genormten, beliebig miteinander kombinierbaren Schrankelementen, die durch eine individuelle Anordnung den zur Verfügung stehenden Raum optimal nutzen können. Für die Versiegelung der Oberflächen werden kratzfeste und pflegeleichte kunststoffbeschichtete Hartfaserplatten (z.B. Resopal) entwickelt, die von den Herstellern problemlos einzufärben sind und somit für die im Nachhinein als typisch für die Fünfziger Jahre empfundene pastellfarbene Innenraumgestaltung verantwortlich zeichnen.

"Modernes Wohnen...!" auch im Puppenhaus (1964)
"Modern und trotzdem gemütlich wohnen unsere Püppchen (1962)

Stahlrohrsessel, Freischwinger, Designerstühle & Co.

Der Begriff „modern“ war im Zusammenhang mit „echten“ Möbel beileibe nicht uneingeschränkt positiv belegt. Moderne Sitzmöbel z.B. galten zwar als schick, wurden aber auch häufig als unbequem empfunden und fanden sich nicht selten auf den Witzseiten zeitgenössischer Zeitschriften wieder („So wohnt man modern“, 1957). Die oben zu sehende Katalogseite schlägt, sicherlich unfreiwillig, in dieselbe Kerbe und dokumentiert derart den schlechten Ruf der modernen – und oft auch nur modischen – Möbel auf das Schönste: „Modern und trotzdem gemütlich wohnen unsere Püppchen“.

Der 1938 entworfene "Hardoy Chair" wurde in Deutschland von der Firma Mauser als "Schmetterling" vertrieben. Ende der 1950er und in den 1960er Jahren ist der Schmetterlingssessel auf den Abbildungen vieler Einrichtungsratgeber als fester Bestandteil modernen Wohnens zu entdecken. Als Spielzeug der Firma Bodo Hennig war das alternativ auch Fledermaussessel genannte Sitzmöbel ab den frühen 1960er Jahren auch in Puppenstuben zu finden."
"Bizarre Sitzmöbel mit heiterer Bespannung verbreiten eine Atmosphäre stilvoller Behaglichkeit", Witzzeichnung (1955)

Selbstgebaute Stahlrohr-Sitzmöbel im Puppenhausformat und eine Witzzeichnung aus der Zeitschrift „Das Haus“ (1955): „Bitte, machen Sie’s sich bequem!“

Vorbild: Mauser Clubsessel Stahlrohrsessel Freischwinger
Vorbild: "Egg Chair" von Arne Jacobsen
"Moderne Puppenmöbel, elegante Clubgarnitur, Couch und Sessel sind mit abwaschbaren Plastikstoffen bezogen. Die Gestänge sind bei allen Möbeln aus Dural, also nicht rostend. Stabile Ausführung. Hersteller: Wilhelm Hergenröther, Nürnberg." (Aus "Das Spielzeug", 1952) - Maße: Tischhöhe 7,5 cm, Durchmesser der Tischplatte 14,5 cm
60/70er Jahre Sessel mit Drehkreuzgestell
Kunstledersessel mit Drehkreuz-Gestell – im Puppenhausformat komplett aus Plastik und knapp 6 cm hoch. Hersteller: Crailsheimer Spielwarenfabrik, 60er Jahre 

Puppenhaus "Kathrin"

An "Haus Kathrin" , DDR, VEB Holzspielwarenfabrik Grünhainichen, produziert ab ca. 1962, habe ich mich auch nach vielen Jahren noch nicht sattgesehen. Es gehört sicherlich zu den interessantesten und gelungensten Nachkriegspuppenhäusern überhaupt und vereint eine Vielzahl von Stilelementen der 50er und 60er Jahre. Maße ca. 73 x 62 x 47 cm.  

„Auch Peter hat Anteil am Puppenhaus „Kathrin“, denn die Garage ist sein Bereich. Mädel und Jungen spielen gemeinsam mit diesem stabilen Puppenhaus, das von allen vier Seiten, ja mit jedem Fleckchen Spielmöglichkeiten bietet. Garage mit Klapptor, Dachgarten mit Sonnendach, Balkon, Freitreppe, Doppeltüren, Gartenleuchte und Hauseingang – an alles ist gedacht, was moderne Wohnkultur und zeitgemäßes Spielen einschließt.“

Puppenhaus mal anders… Im Rahmen einer Fotostrecke zum Thema „Schmuck“ im renommierten Süddeutsche Zeitung Magazin kam auch mein „Haus Kathrin“ zum Einsatz. Die gesamte Fotostrecke ist in der Ausgabe Nummer 13 / 28.März 2013 und online HIER zu sehen.

Bei dem seit 1973 von der Körber-Stiftung durchgeführten „Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“ handelt es sich um den größten historischen Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Ich freue mich sehr, dass im begleitenden Printmagazin des Jahres 2022 zum Thema: „spurensuchen – Mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen hat Geschichte“ ein Foto meines „Haus Kathrin“ Verwendung fand. – Passt!