Wohnen in der Nachkriegszeit

Maße: 99 x 57 x 39 cm

Diese Puppenstube mit ihrer authentischen zeitgenössischen Bestückung spiegelt die Wohnverhältnisse einer Familie, die offensichtlich das Glück hatte, nicht ausgebombt zu werden, da sowohl Möbel als auch Hausrat (unter anderem „das gute Kaffeeservice“) noch vorhanden sind. Dennoch bekundet sie die Beschränkung auf das Notwendigste in dieser Zeit des Mangels: beispielsweise zeugt das Küchengerätebord von einem gewissen Wohlstand vergangener Tage, im Gegensatz dazu steht die spärliche Kochgelegenheit und auch die spartanische Badezimmereinrichtung lässt noch nicht ahnen, dass es den meisten Menschen in Westdeutschland bereits wenige Jahre später wieder besser geht. – Zwar strahlt die Puppenstube die Armut und schlichten Verhältnisse der damaligen Zeit aus, durch die Dachterrasse gleichzeitig aber auch den Wunsch nach Schönheit und Freude.

Nachkriegs-Mangel

Selbstgebaute Puppenstubenmöbel, 1945 
Einfachste, aus Streichholzschachteln zusammengebastelte Puppenmöbel. Foto aus einem Bastelbuch von 1945

Spielende Kinder der Nachkriegsjahre in Trümmerlandschaft, Privatfotos Sammlung Wirtschaftswundermuseum

Not macht erfinderisch: Selbstgebaute Möbel aus Federkielen, die mit Stecknadeln zusammengehalten werden.
Spielmöbel aus Holzresten und dünnem Blech, die offensichtlich mit Farbe aus militärischen Restbeständen angestrichen wurden
Ganz einfache, aus Holzresten zusammengezimmerte Puppenhausmöbel aus den Mangeljahren der Nachkriegszeit. Die "Bezüge" der Sitzmöbelpolster bestehen aus bemaltem Papier.

In den Mangeljahren unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Einrichtungsfrage für viele Deutsche noch gar kein Thema, da aufgrund der hohen Zahl im Krieg zerstörter Wohnungen froh sein konnte, wer überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte. Improvisation lautete das Gebot der Stunde und es galt, mit dem wenigen Vorhandenen etwas Brauchbares zustande zu bringen. Entsprechend schlicht fallen die in dieser Zeit gefertigten Puppenstuben aus, die von mehr oder minder geschickten Eltern oder älteren Geschwistern vorwiegend aus Kistenbrettern oder anderen Materialresten zusammengezimmert wurden. Andere Kinder wiederum hatten das Glück, auf Spielzeuge zurückgreifen zu können, die den Krieg unbeschadet überstanden hatten und derart den Stil der 30er Jahre oder der Zeit davor widerspiegelten. Kaum anders sah es in den realen Wohnungen aus: Die Zimmer waren mit selbst gebauten Notbehelfen oder aus der Vorkriegszeit hinübergeretteten Möbeln ausstaffiert, vielfach auch mit einer Mischung aus Beidem. 

Sehr aussagekräftiger Kaufladen einfachster Bauart aus den Nachkriegsjahren. Gefertigt wurde er aus Kistenbrettern, das rückwärtige Verkaufsregal steht auf ausrangierten Garnrollen und zur Beschriftung der Schübe dienten die unbedruckten Randstücke alter Briefmarkenbögen. Da die Versorgungslage in Deutschland über weite Strecken sehr schlecht war und es einige Rohstoffe so gut wie gar nicht mehr gab, sind innerhalb des Sortiments viele „Ersatzprodukte“ wie Getreide-Kaffee oder „Götterspeise ohne Zucker“ zu entdecken, die den deutschen Konsum-Alltag bestimmten. Insgesamt war die Auswahl in diesem Kinderkaufladen sicher vielfältiger als in der Realität. Maße 57 x 34,5 x 29 cm

Neuer Mut und Wiederaufbau

Das Motto der Nachkriegsjahre: „Wir bauen auf!“ – In Deutschland-West ebenso wie in Deutschland-Ost. – Übrigens wurde offiziell in der DDR in demonstrativer Abgrenzung zum Westen bewusst nicht von einem Wiederaufbau gesprochen, da ein solcher nach Interpretation des damaligen Ministers für Aufbau, Lothar Bolz, „nichts anderes bedeuten würde als Wiedererstehung alles Vernichteten mitsamt den ihm innewohnenden Keimen künftiger Zerstörung.“

"Hauptsache: Gemütlich!" - "Ein Brevier für Leute, die wenig Möbel und Raum, aber viel Sinn für Häuslichkeit haben" (1946)
Lux praktische Reihe: "Wir bauen auf - Neues Heim aus eigener Kraft BD.I" - "Selbsthilfe innerhalb des Hauses" (1946)

Wohnen in den frühen 50er Jahren

Als nach der Währungsreform und einer beginnenden Normalisierung der Verhältnisse wieder verstärkt neue Konsumgüter produziert wurden, orientierte sich die Möbelbranche weiterhin an den alten Vorlagen. Die Menschen wollten das Geschehene ungeschehen machen, wollten die Kriegszeit aus ihren Köpfen verdrängen und so tun, als wäre nichts gewesen, indem sie sich einrichteten „wie früher“. Entsprechend präsentierte sich das Angebot in den Katalogen der Möbelfabrikanten und entsprechend dazu wiederum das Angebot der Puppenmöbelhersteller. In erster Linie solide und zweckmäßig sollten die Möbel sein, stilistisch reichte die Bandbreite von schlichter Sachlichkeit bis hin zu den ausladenden, verschnörkelten und dadurch Wertigkeit vorgaukelnden Schränken des „Gelsenkirchener Barock“. Noch Mitte der 50er entscheidet sich im Verlauf einer Meinungsforschung die überwiegende Mehrheit der Befragten für Möbel konventioneller Machart, lediglich 7 Prozent bevorzugen den Nierentisch. Eine Einrichtung mit modernen Möbeln hätte einen Bruch mit Altvertrautem bedingt, der Vielen zu diesem Zeitpunkt offensichtlich als zu radikal erschien.

Eine zu 100 % im originalen Fundzustand befindliche, überwiegend selbstgebaute Puppenstube um 1955, die anschaulich die zu Beginn des Jahrzehntes noch altmodischen 1950er Jahre dokumentiert. In dieser Stube wird vor allem Wert auf praktischen Nutzen und Solidität der Einrichtung gelegt, modische Trends haben hier, abgesehen von Wohnzimmerlampe und -tapete, keinen Platz. Selbst der Blumenständer, in der Regel Symbol für eine neue Leichtigkeit, kommt eher rustikal daher. Maße: 96 x 32 x 22 cm.

Eine ähnliche Tapete wie in der Puppenstube. – Vielen Dank an Uta  für dieses aussagekräftige Foto aus ihrem Familienalbum.

Puppenhäuser dokumentieren Technikgeschichte: Der Begriff „Fön“ war ursprünglich ein geschützter Markenname der Firma Sanitas (Vorläufer von AEG) für elektrische Haartrockner. Wie z.B. bei Papiertaschentüchern auch („Tempo“) wurde er durch häufige Nutzung irgendwann zum Gattungsbegriff für Haartrockner allgemein. – In den 1950er Jahren begann die flächendeckende Elektrifizierung der Haushalte. Da es aber noch lange keine Selbstverständlichkeit war, dass in jedem Zimmer Steckdosen vorhanden waren, besaßen viele Elektrogeräte wie dieser Fön „Gewindestecker“, die in Lampenfassungen geschraubt wurden. (Länge der Puppenhausminiatur: 4 cm)

Alle sollen besser leben

Musterring Möbel "Alle sollen – alle können besser wohnen" (1953)
Ausstellung-Motto "Alle sollen besser leben" (1953)
Ratgeber "Schön wohnen – schöner leben" (1954)

„Puppenhaus, bestehend aus drei Zimmern und Balkon mit Blumenkästen. Eine kleine Treppe verbindet das Wohnzimmer mit dem Schlafzimmer und der Küche. Die Fenster aus durchsichtigem Plastikmaterial und die Türen sind zu öffnen. Die Räume sind mit neuzeitlichen Möbeln wohnlich eingerichtet. Die modern gestalteten Lampen können an eine Batterie angeschlossen werden. Alle Holzteile sind verzapft, die Ausführung sehr solide und zweckentsprechend. Herbert Dohnalek oHG.,Westerburg/Westerwald“ (aus „Das Spielzeug“, 1954).  Maße: 64 x 64 x 28 cm, inklusive der hinter dem Wohnzimmer aufstellbaren Terrasse 71 x 71 x 28 cm

Arrangierte Szene: „Familie beim gemeinschaftlichen Radio hören“. Die Wohn- und Schlafzimmermöbel gehören zur originalen Dohnalek-Einrichtung, die Küche zumindest teilweise möglicherweise nicht – diese war aber schon drin, als ich das Haus bekommen habe. Auf dem Katalogbild unten kann man es leider nicht genau erkennen. Radioschrank, Lampe, Gummibaum, Zeitungsständer, Teppiche sowie diverse Kleinteile wurden von mir hinzugefügt.

Abbildung aus einem zu Weihnachten 1954 erschienenen Spielzeugprospekt: „Puppenhaus mit Beleuchtung, eingebautem Trafo, Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Komplett eingerichtet.“ Damaliger Preis: stolze 87 DM. Zum Vergleich: Der monatliche Brutto-Durchschnittsverdienst lag 1954 in der Bundesrepublik bei rund 353 DM.

Gehäuse mit zwei Räumen und originaler Möblierung der Firma Herbert Dohnalek, Maße: 63 x 34 x 27,5 cm

Behaglichkeit

Ratgeber "Unser Heim wird behaglich (1953)
Kaufhof-Möbelprospekt "Wegweiser zur Behaglichkeit" (1954)
Möbelprospekt "... und drinnen viel Behaglichkeit" (1954)
Altmodische 50er Jahre-Möbel, noch beeinflusst vom Stil der 1930er Jahre