Kaufladen-Miniaturen
Der Mikrokosmos der Spielkaufläden
Der Mikrokosmos der Spielkaufläden dokumentiert nicht nur die Entwicklung der deutschen Warenwelt vom Mangel der Nachkriegszeit bis hin zum Wirtschaftswunder-Überfluss, sondern begleitet auch den Übergang vom „Tante-Emma-Laden“ zum Supermarkt.
Frühe Markenbindung und Product Placement im Kinderzimmer
Nicht erst seit heute ist den Werbestrategen bekannt, dass eine Vorliebe für Produkte bestimmter Firmen und damit die Grundlage für eine „Markenbindung“ bereits im Kindesalter in die Wege geleitet werden kann. Wer sich einmal dahingehend mithilfe alter Fotos oder aus der Erinnerung heraus ein Kinderzimmer der 1950er Jahre betrachtet, wird bereits dort eine Vielzahl von Beispielen für mehr oder weniger ins Auge springende Schleichwerbung, das sogenannte „product placement“ entdecken. Ob Spielzeugautos mit Aufschriften von Mineralölkonzernen, Puppenküchen mit nach realen Vorbildern gefertigten Elektrogeräten inklusive entsprechendem Werbeaufdruck oder Modelleisenbahnen, die Waggons mit Erzeugnissen bekannter Konzerne hinter sich herziehen: der Spaß beim Spielen sorgt für eine positive Belegung der jeweiligen Markennamen. Selbst wenn ein Kind noch nicht lesen kann, wird es sich höchstwahrscheinlich, ob bewusst oder unbewusst, das eine oder andere Herstellerlogo einprägen, sich später, beispielsweise im Angesicht eines Supermarktregals, an so manches vertraut wirkende Firmenzeichen erinnern und das entsprechende Produkt unwillkürlich bevorzugen.
Einen Glücksfall vor allem für Produzenten von Nahrungsmitteln und Haushaltsbedarf stellen daher Spielkaufläden dar, die Gelegenheit bieten, Kinder schon frühzeitig in Form von maßstabsgerecht verkleinerten originalen Verkaufsverpackungen ohne jegliche Umwege mit dem eigenen Sortiment vertraut zu machen. Dass sich eine große Anzahl von Firmen diesen Werbeeffekt zu Nutzen gemacht hat, belegt die schier unübersehbare Vielfalt solcher Kaufladenminiaturen, die bei eingehender Betrachtung eine abwechslungsreiche Zeitreise in die Vergangenheit von Konsumverhalten und Produktdesign ermöglichen.
Miniaturisierte Abbilder vergangener Jahrzehnte
Gab und gibt es wohl nur wenige Gründe, handelsübliche Warenverpackungen in Normalgröße über einen längeren Zeitraum aufzubewahren, sind dagegen verhältnismäßig viele der Miniaturschachteln bis heute erhalten geblieben. Zusammen mit den entsprechenden Kaufläden wurden diese vielfach in Kellern oder auf Speichern zwischengelagert, um sie für Kinder nachfolgender Generationen aufzubewahren. In so manchem Fall stießen sie bei diesen jedoch auf Desinteresse oder gerieten aus anderen Gründen in Vergessenheit, sodass solche Spielzeuge inklusive kompletter Ausstattung auch heute noch ab und an auf Spielzeugbörsen, Trödelmärkten und Internetauktionen auftauchen und derart als miniaturisierte Abbilder Einblicke in die Warensortimente vergangener Jahrzehnte ermöglichen. Ganz besonders interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Zeit nach 1945, da sich für die Deutschen innerhalb relativ weniger Jahre so viel verändern sollte, wie wohl nie zuvor in der Geschichte in einem vergleichbar kurzen Zeitraum.
Die Nachkriegsjahre: Not, Mangel und Improvisation
Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutet nicht etwa, dass es den Menschen mit einem Mal besser geht – im Gegenteil verschlechtert sich die Versorgungslage in vielen Bereichen sogar dramatisch. Insbesondere Nahrungsmittel sind knapp, sodass Improvisation zur unumgänglichen Notwendigkeit wird. Ein gebräuchlicher Vorgang, die Essensportionen zu vergrößern, ist beispielsweise das „Strecken“, durch welches seltene Güter wie Wurst durch das Beimischen von Haferflocken, Trockenkartoffeln und Wasser „verlängert“ werden. Sind bestimmte Rohstoffe überhaupt nicht mehr zu bekommen, kennt der Erfindungsreichtum auf der Suche nach Ersatzstoffen kaum Grenzen. Vornehmlich Genussmittel wie Kaffeebohnen werden schmerzlich vermisst und auf vielerlei Art zu ersetzen versucht, so beispielsweise durch einen Aufguss mit geröstetem Getreide.
In welchem Maße solche Notlösungen den Lebensalltag bestimmten, zeigt, dass entsprechende Verkaufspackungen sogar in damaligen Kinderkaufläden zu finden sind. „Konsum Korn – das ideale Kaffeemittel“ ist dort ebenso präsent wie „kandierter Kornkaffee“ und eine Miniaturpackung mit „Kaffee-Ersatz Mischung“ wurde erstaunlicherweise in solch guter Qualität bedruckt, dass selbst die in winziger Schrift verfasste Gebrauchsanweisung auf der nur 5 cm hohen Schachtel lesbar ist: Die enthaltene Mischung aus Getreide ist dementsprechend „aufgußfertig und sehr ergiebig. 2 Teelöffel hiervon sind mit 1 Liter kochendem Wasser zu überbrühen und 5 Minuten ziehen zu lassen. Die Verwendung von Porzellan- oder Tongefäßen erhöht den Wohlgeschmack.“ Ein Geleepulver zur Zubereitung einer „Götterspeise ohne Zucker“ soll nicht etwa, wie heutzutage üblich, die kalorienbewusste Ernährung unterstützen, sondern belegt schlicht und einfach den damaligen Mangel an Zucker.
Andere Nahrungsmittel wiederum haben mittlerweile offensichtlich den ehemals gewohnten Standard wiedererlangt. So wird die „klare Rindfleischsuppe“ der Firma Boullo bereits wieder in „Friedensqualität“ offeriert. Insgesamt sind die Schachteln dieser Zeit recht schmucklos und in erster Linie zweckmäßig gestaltet. „Das Thema Verpackung ist wie kaum ein anderes elementar mit den Alltagsumständen, mit dem Lebensstandard, dem Konsumniveau, mit der Not und dem beginnenden Wohlstand der Nachkriegsjahre verknüpft. Die Verpackung hatte damals noch den Ruf, ein Luxusobjekt für bessere Zeiten zu sein und nur der optischen Veredelung der Güter zu dienen, obwohl doch eigentlich die Beschaffung das größte Problem war. Regulär zu kaufen gibt es ohnehin kaum etwas. Weil das alte Geld nur noch theoretischen Wert hat, werden Nahrungsmittel gegen Bezugsscheine ausgegeben. Der Schwarzmarkt blüht, etwaige noch vorhandene Wertgegenstände werden gegen Essbares getauscht und Zigaretten entwickeln sich zu einer Ersatzwährung.
Aufbruch ins Wirtschaftswunder: „Alle sollen besser leben“
Die Situation ändert sich im Jahr 1948 mit der Währungsreform und Einführung der DM. Über Nacht füllen sich die Regale der Geschäfte mit Waren, die die Händler zuvor zurückgehalten hatten. Welch immense Bedeutung diese Entwicklung für die Normalisierung des Alltagslebens hat, erschließt sich aus einer persönlichen Erinnerung des späteren Wirtschaftsministers Ludwig Erhard: „Wir haben es erlebt, als Persil und die anderen Henkel-Fabrikate wieder in den Verkehr gelangten, daß imVolke das Vertrauen wuchs, daß nun wieder Frieden eingekehrt sei.“
Für Zweifel an einem dauerhaften Frieden und eine Unterbrechung des Aufschwungs sorgt im Winter 1950/51 jedoch das Aneinandergeraten der Großmächte USA und UdSSR im Korea-Krieg. Paradoxerweise zeichnet aber eben dieser Konflikt für den wirtschaftlichen Boom der Westdeutschen in nicht geringem Maße mitverantwortlich. Während andere Nationen vorhandene Gelder in die Rüstung stecken, fließen in der entmilitarisierten Bundesrepublik die von den USA im Rahmen des Marshallplans zur Verfügung gestellten Hilfsgelder zu großen Teilen in den Wiederaufbau der Konsumgüterindustrie. Das Nachholbedürfnis der Deutschen ist ebenso groß wie ihre Leistungsbereitschaft und mit wachsender Produktivität steigt das nationale Selbstbewusstsein. „Alle sollen besser leben“ ist das Motto einer Düsseldorfer Messe im Jahre 1953 und auch das viel zitierte „Wir sind wieder wer“ lässt nicht mehr lange auf sich warten. Gegen Ende der Fünfziger können immer mehr Menschen am sogenannten Wirtschaftswunder teilhaben und in Bereichen, in denen noch vor wenigen Jahren großer Mangel herrschte, hat „König Kunde“ nun die freie Auswahl. Bei den Produzenten hat dies zur Folge, dass selbst ehemals marktbeherrschende Produkte „mit der Zeit gehen müssen“.
Der Wandel des Verpackungsdesigns am Beispiel von Persil und Kaffee Hag
„Tradition plus Fortschritt“ oder ganz konsequent „Innovation statt Tradition“ lauten bei vielen Firmen die Devisen und beschreiben damit eine Entwicklung, die besonders anschaulich am Verpackungsdesign des Waschmittels Persil ablesbar ist und damit wiederum auch in den zeitgenössischen Kinderkaufläden vorgefunden werden kann.
Seit 1907 auf dem Markt und nicht, wie zu dieser Zeit weitestgehend üblich, als lose Ware in Tüten abgefüllt, sondern in einer Portionspackung mit bedruckter Papierumhüllung feilgeboten, gehörte das von Henkel hergestellte Persil zu den ersten Markenartikeln überhaupt. Im Laufe der Zeit erlangte es durch seine Qualität, nicht zuletzt aber auch durch einen Reklameaufwand in zuvor nicht gekannten Dimensionen zu einer regelrechten Monopolstellung. So ist es denn nicht weiter verwunderlich, dass die optische Erscheinung dieses so erfolgreichen Artikels in den folgenden Jahrzehnten nur in Kleinigkeiten verändert wurde und Persil auch nach der kriegsbedingter Produktionsunterbrechung in alt vertrauter Aufmachung in den Regalen zu finden war, um den nahtlosen Anschluss an die Vorkriegszeit und damit an die „Friedensqualität“ zu bekunden. Doch mittlerweile war dem auf die Wirkung von Seife und Soda vertrauenden Waschpulver eine Konkurrentenschar in Form moderner synthetischer Produkte erwachsen, die um die Gunst einer neu herangewachsenen Hausfrauengeneration warben, sodass nach anfänglichen Verkaufserfolgen der Marktanteil Ende 1958 mit rund 20 Prozent einen absoluten Tiefpunkt erreichte. Da die Versuche von Henkel, mit ergänzenden Erzeugnissen wie Wipp und Fewa verlorenes Terrain zurückzuerobern, vergeblich waren, entschloss man sich schließlich nicht nur zur inhaltlichen, sondern auch zur optischen Runderneuerung seines Renomierproduktes.
„Die traditionellen Persil-Farben wurden – wenn auch in frischeren Tönen – beibehalten. Der Schriftzug Persil wurde flott diagonal über die Vorderseite gemalt und mit einem ansprechenden Blau konturiert. Die Packung wurde außerdem von Hoch- auf Querformat umgestellt, der besseren Ausstellungswirkung im Einzelhandel wegen“, beschrieb der Wirtschaftsjournalist Willi Bongard seinerzeit die Veränderungen in Die Zeit. Eine im Jahr 1959 gestartete Kampagne richtete sich gezielt an den verlorenen Kundenkreis der jungen Hausfrauen und erzielte einen durchschlagenden Erfolg. Binnen kurzer Zeit verdoppelte sich der Marktanteil und der ursprünglich nur für das entsprechende Jahr gedachte und Modernität vermitteln wollende Zusatz „Persil 59“ überdauerte kurioserweise bis in die Mitte der 1960er Jahre.
Auch etliche andere traditionsreiche Produkte genügten nun in ihrer altbewährten Aufmachung nicht mehr den veränderten Ansprüchen der Konsumenten. Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatte „Kaffee Hag“ -Firmenchef Ludwig Roselius, ebenfalls ein Pionier auf dem Gebiet der Markenartikel, die Mechanismen des Geschäfts durchschaut und erkannt, „dass die Massen nur dann gewonnen werden können, wenn es gelingt, ihnen begreiflich zu machen, dass ihnen Vorteile geboten werden, und wenn ihnen weiterhin die Erlangung dieser Vorteile“ durch die konsequente Anwendung von Reklame „zum Selbstwunsch gemacht wird“. Einen nicht unerheblichen Anteil am großen Verkaufserfolg des von Roselius perfektionierten koffeinfreien Kaffees hatte in der Folge sicherlich die Verkaufsverpackung, kreiert vom seinerzeit sehr bekannten Jugendstilkünstler Eduard Scotland. Ein den charakteristischen Firmenschriftzug umschließender roter Rettungsring auf weißem Grund unterstrich die Herz schonende Wirkung des Koffeinentzugs und erfuhr in den folgenden Jahrzehnten nur unwesentliche Veränderungen, „Kaffee Hag“ avancierte zum Gattungsbegriff für koffeinfreien Kaffee schlechthin.
Doch die Eigenschaft, welche dem Produkt bis dahin zu seiner marktbeherrschenden Position verhalf, geriet ihm zu Beginn der 50er Jahre zum Nachteil. Die nachholbedürftigen Deutschen lechzten nach richtigem Bohnenkaffee und obwohl mit dem Koffeinentzug kein Aromaverlust einhergeht, haftete „Kaffee Hag“ das Image eines nicht vollwertigen „Schonkaffees“ an. Als in den folgenden Jahren auch die Ergänzung der Packungsvorderseite um den unübersehbaren Aufdruck „echter Bohnenkaffee“ nicht zum gewünschten Erfolg führt, entschließt man sich schließlich mit der kompletten Neugestaltung der Schachtel zu einer Radikalkur. „Den Packungshintergrund bilden seither appetitanregende dunkelbraun geröstete Kaffeebohnen. Als beherrschendes Packungselement dient eine Parabel, die von den Psychologen als „aktives, dynamisches Moment“ angeraten wurde. Der weiße Zwischenraum wurde mit Absicht gewählt, um eine farbpsychologische Brücke zu der alten weißen Packung zu schlagen.“ An zentraler Stelle prangt nun ein rotes Herz, welches auch in entsprechenden Werbekampagnen herausgestellt wird. „Der Rest ist Gold – eine Farbe, die von den Verbrauchern allgemein als Qualitätsmerkmal empfunden wird“ (Bongard). In der Folge stetig steigende Verkaufszahlen bestätigen die Richtigkeit der Bemühungen und unterstreichen wieder einmal sowohl die immense Bedeutung von Verpackungsdesign und Werbestrategie als auch die Beeinflussbarkeit der Käuferschaft.
Miniaturen für den Kinder-Kaufladen spiegeln das Produktdesign ihrer Zeit. „Echte“ Waren aus der DDR (oben links) und der Bundesrepublik im direkten Vergleich mit ihren spielgerecht verkleinerten Entsprechungen im Rahmen meiner Kaufladen-Ausstellung im Museum Petersberg.
Vom Bedientresen zum Supermarkt: Die Ära der Selbstbedienung
Aber ebenfalls bezüglich eines weiteren Kriteriums entspricht die neue Optik jetzt den Anforderungen der Zeit, da Verpackungen sich mehr und mehr vom „Warenschutz zum Selbstverkäufer“ entwickeln. Ist 1957 die Zahl der Selbstbedienungsläden mit einem Anteil von unter 1 Prozent noch zu vernachlässigen, steigt sie im Laufe der frühen 1960er Jahre dann umso schneller. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung wachsen Wünsche, Kaufkraft und damit auch das Angebot in solchem Maße, dass die traditionelle Warenverteilung durch den Kaufmann hinter der Ladentheke nicht mehr zu bewältigen ist. Da die Kunden in den neu entstehenden Supermärkten nun selbst in die Regale greifen, müssen die Verpackungen ihnen den Anreiz dazu liefern.
Größe und Aussehen werden „nicht mehr allein vom Nutzwert, sondern auch vom Werbewert bestimmt. Nicht mehr Zweckmäßigkeit aus der Sicht des Händlers, sondern Wünsche, Vorstellungen und Forderungen der Verbraucher sind entscheidend. Die Packung muss ihren Inhalt werbepsychologisch richtig und auch ästhetisch auf den möglichen Interessenten gezielt anbieten, dabei leicht identifizierbar sein, sodass das Markenbewusstsein und die Treue zum einmal gekauften Produkt gefördert werden“, empfiehlt Franz Hermann Wills in seinem 1960 erschienenen Fachbuch „Das Auge kauft mit“. Auch weitergehende Informationen über die Inhaltsstoffe und gegebenenfalls Gebrauchsanweisungen müssen indessen auf den Packungen zu finden sein, da der direkte Kontakt mit dem Kaufmann immer mehr zurückgeht und damit dessen beratende Funktion weitestgehend wegfällt. „Die Einkaufsgewohnheiten ändern sich. Der Verbraucher will in Ruhe wählen und sich selbst ein Urteil bilden. Der Selbstbedienungsladen kommt dieser neuen Art des Einkaufs entgegen. Die „aktive Packung“ muss sich also selbst verkaufen. Sie muss ohne Umweg selbst überzeugen und ein Maximum an gezielter Wirksamkeit in Form und Farbe, Bild und Wort aufweisen.“ Sehr anschaulich nachvollziehbar werden diese zeitgenössischen Forderungen erneut am Beispiel von Persil. Vertraute man bei der Gestaltung von „Persil 59“ noch hauptsächlich auf die Anziehungskraft des „guten Namens“, warten die Packungen ab 1965 mit dem von Werbezeichnern entworfenen Idealtyp einer fortschrittlichen jungen Hausfrau als Blickfang und Identifikationsfigur auf. Ebenso Details sind augenscheinlich von großer Bedeutung: als zwei Jahre später die Schachtel um einen zusätzlichen Werbeaufdruck ergänzt wird, nutzt man die Gelegenheit, die Kleidung der Frau zu modernisieren.
Herstellung und Vielfalt der Kaufladenminiaturen
Für die Spielzeughersteller ist die Anfertigung von Kaufladenminiaturen ein lohnendes Unterfangen, da sich die auf ihnen platzierten Firmen in der Regel an den Produktionskosten beteiligen oder diese bisweilen sogar ganz übernehmen. So konkurriert in den 50er Jahren ein gutes Dutzend Firmen mit umfangreichen Sortimenten um die Gunst der Kunden. Beliebteste Artikel hierbei sind Warenschachteln im Miniaturformat, die oft bis ins kleinste Detail ihren originalen Vorbildern entsprechen und die in verschiedenen Ausführungen fabriziert werden.
Heute vorwiegend zu finden sind kleine Pappschachteln, die ursprünglich meist mit buntem Puffreis gefüllt waren und mit denen nach Verzehr der Süßigkeiten weiterhin gespielt werden konnte. Eine andere Variante stellten mit bedrucktem Papier umwickelte Blöcke aus Zucker oder Schokolade dar, die gerne als Nascherei zu Weihnachten oder zum Geburtstag geschenkt wurden, daher gewöhnlich von recht begrenzter Lebensdauer waren und mittlerweile so gut wie gar nicht mehr zu entdecken sind.
Zu den bekanntesten Herstellern gehört J.J. Landmann, der bereits 1902 „Artikel für Kinderkaufläden und Puppenstuben, alle erdenklichen Glasfläschchen, Töpfchen, Packungen, gefüllt mit Zuckerwaren und Bonbons, den Originalen entsprechend“ offeriert und nach dem Wiederaufbau seiner im Zweiten Weltkrieg zerstörten Firma erstmals wieder 1949 im Fachblatt Das Spielzeug seine „Kaufladenartikel aus Zucker und Schokolade“ vorstellt. Drei Jahre später dokumentiert eine Anzeige an gleicher Stelle bereits eine offensichtliche Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände, da ein Teil von Landmanns „großer Auswahl bei niedrigsten Preisen“ nun auch mit Marzipan-Auflagen lieferbar ist. Verkauft werden die Artikel in kleinen Körben, Taschen, den für diese Zeit so typischen Einkaufsnetzen oder in Geschenkkartons, deren Deckel meist mit dekorativen, kindgerecht aufbereiteten Ansichten von zeittypischen Geschäftseinrichtungen illustriert sind.
Neben den Schachtelminiaturen beinhalten diese Packungen auch kleine Blechdosen, Seifenstücke und Fläschchen aus Glas oder Kunststoff. Bei letzteren wurden Spirituosen keineswegs ausgespart, sondern waren im Gegenteil in nahezu jedem Sortiment auch der anderen Hersteller zu finden. Gut sortierte Hausbars gehörten in den „echten“ Wohnungen zu den erstrebenswertesten Statussymbolen, waren daher auch als Spielzeug in den Puppenhäusern zu finden und wollten entsprechend bestückt werden. Auch in den Kaufläden erhielt die Option eines realitätsnahen Spielens offensichtlich den Vorzug vor einer möglichen Suchtvorbeugung.
Kaufhaus Kinderglück
Um 1960 entwickelt Landmann unter der Bezeichnung „Kaufhaus Kinderglück“ eine ganze Palette von weiterem Zubehör wie Papiertüten, Warenständer, Rechnungsblöcke und sogar Rabattmarken samt dazugehörigen Karten zum Einkleben. Selbst das damals neuartige Cellophan, das durch seine Transparenz den Blick auf die Ware zuließ und sie dennoch vor Berührung schützte, fand sich bald in den Kinderkaufläden wieder und spiegelte dort den neuesten Stand der Entwicklung.
Mit neuesten Fertigungstechniken vertraut war offensichtlich auch die 1938 gegründete Firma Koch & Hofmockel (KOHO) aus Nürnberg. Bereits 1953, etliche Jahre vor dem flächendeckenden Einzug der Kunststoffe in die Kinderzimmer, wirbt das „leistungsfähige Haus für Kinder-Kaufladenartikel“ anlässlich der Nürnberger Spielwarenmesse mit „Plastic-Neuheiten“.
Weitere Hersteller sind unter anderen die„Spiel- und Kolonialwaren-Fabrik Gebrüder Bauer (BABI) aus Biberach, Eberlein & Co. aus Nürnberg (ECO), Paul Pfannkuch & Söhne (P.P. unter einem Trichter mit der Aufschrift „Nürnberg“), Eugen L. Rieker KG aus Stuttgart (ELR) und die auch heute noch auf diesem Gebiet aktive Firma Chr. Tanner aus Stuttgart.
Ein Blick auf die DDR und internationale Vergleiche
Auskunft über deutsch-deutsche Befindlichkeiten geben die Erzeugnisse von Herstellern aus der DDR wie L. Mocke aus Dresden oder Rudolf Thümmel / Leipzig. Trotz schroffer Verurteilung des Kapitalismus war man sich in der DDR nicht zu schade, zwecks Devisenbeschaffung emsig Waren wie beispielsweise Spielzeug in diverse westliche Nachbarländer zu exportieren. So stammen kurioserweise einige sehr eindrucksvoll den bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderwohlstand wieder spiegelnde Puppenhäuser samt Einrichtung aus ostdeutscher Produktion und auch viele in hiesigen Kinderzimmern vorzufindende Kaufladengehäuse wurden in der DDR hergestellt.
Obwohl aus nahe liegenden Gründen keine Kooperation mit westdeutschen Konsumgüterproduzenten zustande kam, finden sich dennoch einige vertraut klingende Namen in den entsprechenden Sortimenten. Der Grund hierfür ist, dass in einem ehemaligen Henkelwerk in Genthin auch ohne juristisch einwandfreien Besitz der Markenrechte weiterhin Reinigungsmittel unter den Namen Imi, Ata und Persil produziert wurden, die erst bei näherer Untersuchung als Erzeugnisse des VEB Waschmittelwerk Genthin identifizierbar sind. Insgesamt ist das Angebot der sich an originalen Vorbildern orientierenden Miniaturen aus Deutschland-Ost bei weitem nicht so umfangreich und daher auch nicht so aussagekräftig wie in Deutschland-West. Sehr ansehnlich sind jedoch die in kindgerechten Größen gefertigten Gipsnachbildungen von Obst, Gemüse, Kuchen oder belegten Broten. Auch die vielen verschiedenen bunt bedruckten Geschenkschachteln aus der Reihe „Für den kleinen Kaufmann“ der Firma Rudolf Tümmel sind sicherlich sammelnswert. Als überaus interessant erweist sich schließlich noch der Vergleich mit den Verpackungen anderer Länder, in denen uns hierzulande über Jahre vertraut gewordene Produkte häufig in einem stark abgewandelten oder sogar gänzlich anderem Erscheinungsbild in den Regalen zu finden sind.
Sammelleidenschaft und Konsumnostalgie
Während Kaufladenminiaturen aus der Vorkriegszeit mit zunehmendem Alter naturgemäß immer seltener zu finden sind und preislich recht hoch bewertet werden, sind Objekte aus der Wirtschaftswunderära noch ziemlich häufig und dadurch in der Regel auch entsprechend günstig zu erwerben. Die Erhaltungszustände erstrecken sich naturgemäß von „neuwertig“ bis hin zu „starken Gebrauchsspuren“, oft wurden die Schachteln von den bespielenden Kindern mit „Verkaufspreisen“ beschriftet. Mit ein wenig Glück kann man bisweilen immer noch komplette Bestände alter Kaufläden entdecken, die nicht selten auch originale kleine Warenproben beinhalten, welche aufgrund ihrer geringen Größe für das Spiel im Kinderkaufladen hervorragend geeignet sind.
Die Vielfalt dieser Miniaturen ist nahezu grenzenlos und auch nach Jahren des Sammelns tauchen immer mal wieder nie zuvor gesehene Stücke auf und geben Auskunft über den Konsumalltag der „Fünfziger“ oder wecken einfach nur nostalgische Erinnerungen an mittlerweile längst aus dem Gedächtnis entschwundene Produkte vergangener Tage.
DDR