© Text und Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft
Die Kulturgeschichte der Puppenstuben und Puppenhäuser
… spiegelt seit über 400 Jahren die Entwicklung von Architektur, Wohnkultur und gesellschaftlichen Rollenbildern wider.
Die Wiege des Puppenhauses liegt im 16. Jahrhundert und war eine reine Welt der Erwachsenen. Als historischer Meilenstein gilt das Jahr 1557, als Herzog Albrecht V. von Bayern ein prachtvolles Miniaturschloss in Auftrag gab. Dieses Prunkstück war natürlich keineswegs als Spielzeug gedacht, sondern stellte ein bestaunenswertes Kunstobjekt dar, das den fürstlichen Reichtum repräsentieren sollte. Im 17. und 18. Jahrhundert griffen wohlhabende Patrizierfamilien in den großen Handelsstädten wie Nürnberg oder Amsterdam diesen Trend auf. Es entstanden die berühmten barocken Kabinetthäuser – wie das kunstvolle Puppenhaus der Petronella Oortman in Amsterdam –, die als exklusive Statussymbole dienten. Die in mannshohen Schränken untergebrachten Miniaturwelten wurden von angesehenen Handwerkern der Zeit mit echtem Porzellan, Silberminiaturen und kostbaren Stoffen ausgestattet, dienten den Damen der Gesellschaft zur Repräsentation und wurden Gästen voller Stolz im Salon vorgeführt.
Das Biedermeier und der Wandel zum pädagogischen Spielzeug
Erst im 19. Jahrhundert, mit dem Erstarken des Bürgertums in der Biedermeierzeit, vollzog sich ein Wandel. Die kostbaren Welten öffneten sich auch für Kinder, allerdings weniger zum Spielen, sondern vielmehr für pädagogische Zwecke. Da komplette, freistehende Häuser für viele bürgerliche Familien zu kostspielig und auch zu sperrig waren, entwickelte sich die kompaktere Puppenstube, die meist auf ein oder zwei einzelne Zimmer reduziert war. Besonders die Puppenküche und der herrschaftliche Salon wurden zu zentralen Erziehungsinstrumenten. Junge Mädchen sollten hier spielerisch, aber zielgerichtet auf ihre spätere Rolle als Hausfrau, Mutter und Organisatorin eines großen Haushalts vorbereitet werden. Das Eindecken der Tische, das Ordnen des Hausrats und das stilvolle Arrangieren der Möbel sollte eine Vorschule für das reale Leben sein. In der Regel waren solche Objekte den Kindern jedoch nicht permanent zugänglich. Oft wurden die Stuben mitsamt fragilem Inhalt das ganze Jahr über weggeschlossen und durften von den Kindern nur zur Weihnachtszeit bespielt werden, natürlich unter den wachsamen Augen der Eltern. Möglicherweise auch der Grund dafür, warum auf alten Fotos Mädchen vor ihren Puppenstuben selten freudig strahlen, sondern häufig eine eher ernste Miene aufsetzen.
Einzug der Technik
Im Zuge der Industrialisierung brach um 1900 für die deutsche Puppenhausindustrie eine goldene Ära an. In dieser Epoche von Gründerzeit und Jugendstil fertigten Hersteller wie Moritz Gottschalk, Albin Schönherr oder Christian Hacker Puppenhäuser, Puppenstuben und Kaufläden in Serie. Hört man heutzutage im Zusammenhang mit den genannten Firmen oft den Begriff "Manufaktur", wurden sie seinerzeit im offiziellen Sprachgebrauch, in Katalogen und in Handelsregistern nicht mehr als solche bezeichnet, sondern firmierten strikt als Fabrik. Moritz Gottschalk leitete die Spielwarenfabrik Moritz Gottschalk in Marienberg, während sein einstiger Mitarbeiter Albin Schönherr sein Unternehmen als Albin Schönherr Holzspielwarenfabrik in Niederlauterstein eintragen ließ. Um 1900 galt die Bezeichnung „Fabrik“ als stolzes Symbol für Modernität, technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg, weshalb wachsende Betriebe den damals altmodisch anmutenden Begriff „Manufaktur“ bewusst ablegten. Die Nutzung von Dampfmaschinen, Kreis- und Bandsägen sowie der Anschluss an das Eisenbahnnetz im Falle Gottschalk wurden sogar regelrecht zelebriert.
© Text: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft (2026)