Puppenhäuser und Puppenstuben von Moritz Gottschalk

© Text und Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft

Riesiges Puppenhaus der Firma Moritz Gottschalk Holzspielwarenfabrik aus Marienberg / Erzgebirge (DDR), 1960, Maße 91 × 52 × 49 cm

Mehrere Generationen wohnen unter einem Dach – in den 50er und frühen 60er Jahren noch eher Regel denn Ausnahme.

Als ich das Haus bekommen habe, war es leider leer – die Einrichtung samt Bewohnern wurde daher von mir zusammengestellt und arrangiert. Einziges Überbleibsel der ursprünglichen Bestückung war die auf obigem Bild zu sehende, etwas überdimensionierte Toilettenpapierrolle, die sich in einem unter der Treppe befindlichen Kämmerlein versteckt hatte. Obwohl sich der kleine Raum (der die Liebe des Herstellers zum Detail dokumentiert) als Besenkammer geradezu anbietet, habe ich ihn natürlich seiner durch Kinderspiel bestimmten Rolle entsprechend eingerichtet und ein „Klo“ herein gestellt.

Meiner vierjährigen Lieblingsnichte, zu deren absoluten Lieblingsspielzeugen dieses Puppenhaus gehört, war die von mir arrangierte Einrichtung scheinbar zu langweilig. Sie veranstaltete lieber eine Party auf der Dachterrasse, zu der auch Bewohner der benachbarten Puppenhäuser eingeladen wurden. Für die ganz Kleinen war da aber offenbar schon „Bettzeit“.

Eine gänzlich andere Sicht der Dinge hatte die Stuttgarter Photokünstlerin Sabine Bloch, die diese Küche als Location für ein Bild ihres Kunstprojektes „NahrungsAufnahmen“ auswählte. Die vollständige Bilderserie, komplett entstanden in Puppenstuben und -häusern des virtuellen Puppenhausmuseums, ist auf Sabines Homepage zu sehen.

Firmengeschichte Moritz Gottschalk

Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg

Die Ursprünge der Firma reichen bis in das Jahr 1865 zurück, als der gelernte Buchbinder Moritz Gottschalk in Marienberg eine Werkstatt gründete und sich ab 1873 der Herstellung von hölzernem Spielzeug zuwandte. Hört man heutzutage im Zusammenhang mit Gottschalk oft den Begriff "Manufaktur", wurde die Firma seinerzeit im offiziellen Sprachgebrauch, in Katalogen und in Handelsregistern nicht mehr als solche bezeichnet, sondern konsequent Spielwarenfabrik genannt. Um 1900 galt die Bezeichnung „Fabrik“ als Symbol für Modernität, technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg, weshalb aufstrebende Betriebe den damals altmodisch anmutenden Begriff „Manufaktur“ bewusst ablegten. Die Nutzung von Dampfmaschinen, Kreis- und Bandsägen sowie der Anschluss an das Eisenbahnnetz im Falle Gottschalk wurden sogar regelrecht gefeiert.
In ihren Puppenhaus-Entwürfen orientierten sich die Gestalter stets eng am Zeitgeschmack: Während in der wilhelminischen Epoche um die Jahrhundertwende prunkvolle, mit lithografiertem Papier beklebte Miniaturvillen das Sortiment prägten, hielten in den 1920er- und 1930er-Jahren moderne Einflüsse wie der Art-déco-Stil und die klare Formensprache des Bauhauses Einzug. Nach dem Tod des Gründers und dessen Sohnes ging die Unternehmensführung schrittweise auf die Familie Wagner über: Der langjährige Mitarbeiter Kurt Alfred Wagner übernahm den Betrieb 1931 als Eigentümer. Durch die spätere Heiratsverbindung seines Sohnes mit Lotte Haunstein, einer Enkelin von Moritz Gottschalk, blieb das Werk auch familiär fest in den Händen der Nachkommen des Gründers. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam die gewohnte Spielzeugproduktion schrittweise zum Erliegen und musste auf Rüstungs- und Ersatzgüter umgestellt werden.

Die Nachkriegsjahre: Das Wirtschaftswunder im Miniaturformat

Nach 1945 stand der Betrieb vor gewaltigen Hürden. Sowjetische Demontagen, Rohstoffmangel und die politische Neuordnung im Osten Deutschlands machten einen Neustart schwer. Dennoch gelang unter der Führung der Familie Wagner bereits ab 1947/48 die Wiederaufnahme der Fertigung. In der DDR nahm das Traditionsunternehmen eine wirtschaftliche Sonderstellung ein. Gottschalk-Puppenhäuser entwickelten sich zu begehrten Exportgütern: Über die staatliche Handelsorganisation Demusa gelangten die Häuser in großem Stil in den Westen – insbesondere in die Bundesrepublik Deutschland (wo sie u. a. über VEDES-Kataloge vertrieben wurden), aber auch nach Skandinavien, Frankreich und Großbritannien. Da der Betrieb als verlässlicher Devisenbringer galt, blieb er verhältnismäßig lange mit staatlicher Beteiligung privat bzw. halbstaatlich geführter Familienbetrieb.
Architektonisch wurden die Puppenhäuser der 1950760er Jahre zu perfekten Zeitzeugen des Wiederaufbaus und des neu erwachten Wohnkomforts: Sie zeigten die Sehnsucht nach Helligkeit und räumlicher Großzügigkeit. Panoramafenster, Stoffmarkisen mit südländischem Flair, pastellfarbene Mustertapeten sowie kleine Terrassen, Balkone und hochklappbare Vorgärten bestimmten das Bild. Angebaute Garagen dokumentieren, dass sich mittlerweile auch schon Durchschnittsverdiener ein eigenes Auto leisten konnten.

Das Ende der Tradition

Das Ende der eigenständigen Firmengeschichte besiegelte die große Verstaatlichungswelle in der DDR im Jahr 1972. Gottschalk wurde enteignet und als VEB Holzspielwaren Marienberg weitergeführt, bevor der Betrieb später im Großkombinat VEB VERO Olbernhau aufging. Der berühmte Markenname verschwand von den Verpackungen. Zwar wurden Puppenhäuser im Stil der Gottschalk-Entwürfe noch bis in die 1980er-Jahre gefertigt, jedoch in stark vereinfachter und industriell standardisierter Form.

Puppenhaus mit Markise, Hersteller: Moritz Gottschalk, 1955/60, Maße 66 × 36 × 41 cm.

In den 1950er Jahren avancierten rot-weiß gestreifte Markisen zu einem Symbol für mediterranes Flair und die Sehnsucht nach dem Süden, was eng mit dem rasant wachsenden Tourismus der Wirtschaftswunderzeit verknüpft war. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog es die Menschen massenhaft über die Alpen an die italienische Adria, wo Städte wie Rimini oder Jesolo zu den Sehnsuchtszielen einer ganzen Generation wurden. Vor Ort prägten die auffälligen, rot-weiß gestreiften Stoffe an Sonnenschirmen, Liegestühlen und Strandkabinen das typische Bild der Promenaden und Straßencafés.

Dieses lebendige, sonnige Muster stand in starkem Kontrast zum oft noch grauen Nachkriegsalltag in Deutschland und vermittelte ein Gefühl von Unbeschwertheit und dem italienischen „Dolce Vita“. Um das Urlaubsgefühl zu verlängern, holte man sich das Design nach Hause: Eisdielen, Pizzerias und Balkonbesitzer nutzten hierzulande die gestreiften Markisen gezielt, um ein Stück südländische Atmosphäre in den heimischen Alltag zu bringen. Gleichzeitig griff auch die Werbung das Signalmuster dankbar auf, wodurch sich die rot-weißen Streifen fest als Zeichen für Sonne, Erholung und Reisen in den Süden im kollektiven Gedächtnis verankerten.

Langnese (1961)
Schultheiss - "Berliner Weisse..." (um 1956)
Knorr (1959)
3 Glocken (1959)

Puppenhaus mit Garage, Moritz Gottschalk, um 1957

Obiges Puppenhaus in einem Spielzeugprospekt aus dem Jahr 1957: „Puppenhaus – 2 Etagen mit je einem großen Raum; Treppenaufgang, Terrasse und Dachgarten. Angebaute Garage mit Auffahrt. Alle Fenster und Türen lassen sich öffnen. Das Haus ist hinten offen, so daß man bequem hineingreifen kann. Größe etwa 65 × 33 × 41 cm…….45.-„

"Damit läßt sich herrlich spielen – Puppenhäuser in modernen Ausführungen, in vielen Größen und Preislagen, Abb. leer DM 44,50 – Die vielen modernen Möbelstücke sind einzeln zu haben: Moderne Liege DM 2 – Moderne Gartenstühle DM 1,75 – Gartenschirm 2,25 und vieles mehr"

Der Traum vom Haus mit Garten

Ein platzsparendes Puppenhaus des Herstellers Moritz Gottschalk mit hochklappbarem Garten. Die vordere Hecke rastet nach dem Zusammenklappen im Gestänge der Markise ein. Maße ausgeklappt: 50 × 63 × 21 cm. – Das Puppenhaus war einmal ein Kauf für Selbstabholer in Berlin. Ich werde die Abholung sicherlich niemals vergessen, da ich das Haus unverpackt mit der U-Bahn durch die halbe Stadt transportiert habe. Niemals zuvor habe ich derart viele heitere, ja sogar strahlende, vorwiegend weibliche Gesichter entdecken können, die in meine Richtung geschaut haben. Seitdem habe ich immer ein Puppenhaus dabei, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel nutze;-)

Puppenhaus, Moritz Gottschalk, DDR, um 1960. Rechts fehlt eine rote Wendeltreppe aus Kunststoff – was aber nicht weiter auffiel, als das Haus in der ARD-Kindernachrichtensendung „neuneinhalb“ von „echten“ Schauspielern bewohnt wurde.  – Das Architekturmagazin „Louis – Licht Leben Architektur“ illustrierte mit dem Puppenhaus einen Artikel über 50er-Jahre-Architektur. Ich habe mich sehr gefreut, dass auch einmal außerhalb von Sammlerzeitschriften Interesse an Puppenhäusern besteht!

Repräsentativer Bungalow

Riesiger Bungalow, Firma Moritz Gottschalk, DDR, um 1960, Maße: 109,5 × 45,5 × 40 cm

Puppenhaus um 1960, Moritz Gottschalk, DDR, Maße: 78 × 43 × 41 cm. – Privatfoto um 1960 (© Sammlung DiePuppenstubensammlerin)

Traumwelten der 50er Jahre

Puppenhaus-Bungalow, um 1960, Hersteller: Moritz Gottschalk, DDR, Maße: 83 × 45 × 30 cm. – Es handelt sich übrigens um das Original aus dem Katalog „Traumwelten der 50er Jahre“, der seinerzeit Initialzündung für meine Sammelleidenschaft auf diesem Gebiet war. Mehr über diesen legendären Katalog auf der Seite „Über dieses Museum„.

Moritz Gottschalk, DDR, 60er Jahre, Maße: 74 × 40 × 44 cm
Puppenhaus, Moritz Gottschalk, Maße: 58 × 33 × 35 cm

Puppenhaus, Hersteller: Moritz Gottschalk, 1966, mit originaler Einrichtung.

„Modernes Puppenhaus, mit vier Räumen, in Holz und Hartfaserplatten, lackiert und in Rauputz gestrichen, mit Tapeten, Fußboden und Gardinen ausgestattet, dekoriert mit Steingartenbeet“ (Auszug aus einem zeitgenössischen Anzeigentext in der Fachzeitschrift „Das Spielzeug“). Maße: 85 × 46 × 48 cm

Puppenhaus, Hersteller: Moritz Gottschalk, nach 1960, Maße: 81 × 45 × 43 cm, Ausstattung weitestgehend original, diverse ARI-Püppchen wurden von mir hinzugefügt

Nettes Detail: Eine selbst zusammengelötete Fernsehantenne. Zur Erklärung für jüngere Besucher meiner Seiten: Solche Fernsehantennen waren bis in die 1980er Jahre hinein zwingend erforderlich, um Fernsehprogramme empfangen zu können und daher auf nahezu jedem Hausdach zu entdecken.

Bungalow mit Vorgarten, Moritz Gottschalk. Maße: 67 × 45 × 27 cm – Auf einem Trödelmarkt fand ich Fotos mit einer Variante dieses Puppenhauses.

Puppenhaus von Moritz Gottschalk, um 1960, mit ARI-Puppenstubenpuppen ergänzt, ansonsten 100 % original (d.h., wie von der ursprünglichen Besitzerin eingerichtet), Maße: 98 × 37 × 44 cm 

Ein Puppenhaus des Herstellers Moritz Gottschalk mit hochklappbarem Vorgarten, um 1960. Fußbodentapeten wie die im Wohnzimmer verklebte sind in verschiedenen Farbvarianten in DDR-Puppenhäusern öfter mal zu finden. Ein „großes Vorbild“ fand ich interessanterweise in einem englischen Versandhauskatalog aus dem Jahr 1961.

Puppenhaus mit Schmetterlingsdach, Hersteller: Moritz Gottschalk, DDR, Maße 96 × 44 × 30 cm