© Text und Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft
Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg
Die Ursprünge der Firma reichen bis in das Jahr 1865 zurück, als der gelernte Buchbinder Moritz Gottschalk in Marienberg eine Werkstatt gründete und sich ab 1873 der Herstellung von hölzernem Spielzeug zuwandte. Hört man heutzutage im Zusammenhang mit Gottschalk oft den Begriff "Manufaktur", wurde die Firma seinerzeit im offiziellen Sprachgebrauch, in Katalogen und in Handelsregistern nicht mehr als solche bezeichnet, sondern konsequent Spielwarenfabrik genannt. Um 1900 galt die Bezeichnung „Fabrik“ als Symbol für Modernität, technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg, weshalb aufstrebende Betriebe den damals altmodisch anmutenden Begriff „Manufaktur“ bewusst ablegten. Die Nutzung von Dampfmaschinen, Kreis- und Bandsägen sowie der Anschluss an das Eisenbahnnetz im Falle Gottschalk wurden sogar regelrecht gefeiert.
In ihren Puppenhaus-Entwürfen orientierten sich die Gestalter stets eng am Zeitgeschmack: Während in der wilhelminischen Epoche um die Jahrhundertwende prunkvolle, mit lithografiertem Papier beklebte Miniaturvillen das Sortiment prägten, hielten in den 1920er- und 1930er-Jahren moderne Einflüsse wie der Art-déco-Stil und die klare Formensprache des Bauhauses Einzug. Nach dem Tod des Gründers und dessen Sohnes ging die Unternehmensführung schrittweise auf die Familie Wagner über: Der langjährige Mitarbeiter Kurt Alfred Wagner übernahm den Betrieb 1931 als Eigentümer. Durch die spätere Heiratsverbindung seines Sohnes mit Lotte Haunstein, einer Enkelin von Moritz Gottschalk, blieb das Werk auch familiär fest in den Händen der Nachkommen des Gründers. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam die gewohnte Spielzeugproduktion schrittweise zum Erliegen und musste auf Rüstungs- und Ersatzgüter umgestellt werden.
Die Nachkriegsjahre: Das Wirtschaftswunder im Miniaturformat
Nach 1945 stand der Betrieb vor gewaltigen Hürden. Sowjetische Demontagen, Rohstoffmangel und die politische Neuordnung im Osten Deutschlands machten einen Neustart schwer. Dennoch gelang unter der Führung der Familie Wagner bereits ab 1947/48 die Wiederaufnahme der Fertigung. In der DDR nahm das Traditionsunternehmen eine wirtschaftliche Sonderstellung ein. Gottschalk-Puppenhäuser entwickelten sich zu begehrten Exportgütern: Über die staatliche Handelsorganisation Demusa gelangten die Häuser in großem Stil in den Westen – insbesondere in die Bundesrepublik Deutschland (wo sie u. a. über VEDES-Kataloge vertrieben wurden), aber auch nach Skandinavien, Frankreich und Großbritannien. Da der Betrieb als verlässlicher Devisenbringer galt, blieb er verhältnismäßig lange mit staatlicher Beteiligung privat bzw. halbstaatlich geführter Familienbetrieb.
Architektonisch wurden die Puppenhäuser der 1950760er Jahre zu perfekten Zeitzeugen des Wiederaufbaus und des neu erwachten Wohnkomforts: Sie zeigten die Sehnsucht nach Helligkeit und räumlicher Großzügigkeit. Panoramafenster, Stoffmarkisen mit südländischem Flair, pastellfarbene Mustertapeten sowie kleine Terrassen, Balkone und hochklappbare Vorgärten bestimmten das Bild. Angebaute Garagen dokumentieren, dass sich mittlerweile auch schon Durchschnittsverdiener ein eigenes Auto leisten konnten.
Das Ende der Tradition
Das Ende der eigenständigen Firmengeschichte besiegelte die große Verstaatlichungswelle in der DDR im Jahr 1972. Gottschalk wurde enteignet und als VEB Holzspielwaren Marienberg weitergeführt, bevor der Betrieb später im Großkombinat VEB VERO Olbernhau aufging. Der berühmte Markenname verschwand von den Verpackungen. Zwar wurden Puppenhäuser im Stil der Gottschalk-Entwürfe noch bis in die 1980er-Jahre gefertigt, jedoch in stark vereinfachter und industriell standardisierter Form.