Puppen-Spielwelten der 1950er Jahre


Die Puppen-Spielwelt von Martina

„Diese Puppe war vermutlich ein Erbstück von der Nichte meiner Oma. Sie hatte den Namen „Ute“. Ich mochte sie nicht besonders, denn sie hatte so einen unfreundlichen Gesichtsausdruck, aber noch mehr störte mich, dass man ihre Haare nicht kämmen konnte, am Haaransatz vorne waren diese auch schon nicht mehr vorhanden, als ich sie frisierte.“

"Ich weiß nicht, ob ich dieses Kleid als Kleinkind getragen habe. Jedenfalls hatte es später diese 60 cm große Schildkröt-Puppe an."

""Annegret“ bekam ich ebenfalls von der gleichnamigen Nichte meiner Oma vererbt. Einerseits mochte ich sie ganz gern, da ich sie mit Buntstiften schminken konnte: Lippen rot malen, Augenbrauen nachziehen, Lidschatten, Rouge auf die Wangen; andererseits fand ich es nicht gut, dass man sie nicht richtig frisieren konnte. Denn ihre Zöpfe konnte man maximal auf- und gleich wieder zuflechten, das Material war zu widerspenstig. Außerdem war sie natürlich etwas zu steif. Sie hatte außerdem nicht viele Kleider." (Puppe 1940er Jahre)

"Der Puppe gab ich den Namen „Marita“. Ich mochte sie sehr gern, weil sie auch durch die Hautfarbe etwas Ungewöhnliches war. Faszinierend war natürlich als Kind, dass man ihr das Fläschchen geben konnte und dass sie dann sehr zeitnah „Pipi“ machte. Allerdings hatte ich dabei immer die Sorge, dass nicht alles Wasser aus der Puppe wieder herausfloss. (Öffnung fürs Wasserlassen in einer der Pobacken). Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie die gelb-gestreift-geblümte Kombi an, als ich sie von meiner Oma geschenkt bekam. Weitere Kleidchen hat meine Tante Klara für die Puppe genäht, sie war ausgebildete Schneiderin und von ihr bekamen meine Puppen ab und an eine neue Ausstattung." (Puppe um 1965)

"Auch diese Puppe bekam ich von der Nichte meiner Oma geschenkt. Als Teenager erzählte sie mir dann die Geschichte, dass sie beide Puppen bei den Luftangriffen im Ruhrgebiet in einem Köfferchen mit in den Luftschutzkeller nahm, sozusagen als Trost und Versicherung, dass alles gut gehen werde. Als Kind konnte ich jedoch mit dieser steifen Babypuppe nicht so viel anfangen, bemerkenswert fand ich aber damals schon diese wunderbare Haartolle!!

Sämtliche auf dieser Seite zu entdeckenden Puppen und Erinnerungen stammen übrigens von Frau Dr. Martina Schröder vom Heimatmuseum Reutlingen, die für meine Ausstellung "Das hab' ich auch gehabt!" verantwortlich zeichnete und meiner Sammlung die Spielsachen ihrer Kindheit anvertraute. Ganz herzlichen Dank dafür!

"Die Puppe auf dem Foto oben hieß bei mir auch „Schlummerle“, sie bekam keinen eigenen Namen. Ich mochte sie sehr gerne, weil sie durch die sehr beweglichen Gliedmaßen gut bespielbar war. Meine Oma schenkte mir immer wieder neue Kleidergarnituren für die Puppen. Sehr schick fand ich einen rot karierten Mantel mit passender Mütze, auch wenn er fast etwas zu damenhaft für die Baby-Puppe war."

"Da ich das erste Schlummerle so gern hatte, schenkte mir meine Oma noch ein zweites, eine etwas kleinere Version, vielleicht auch zu Ostern. Im Gegensatz zur „großen“ Schwester bekam diese Puppe einen Namen, an den ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Beim Spielen hatte sie jedenfalls einen Bruder, eine Puppe, die sich leider nicht erhalten hat, gleich groß, aber keine beweglichen Gliedmaßen, blonde Haare, Schlafaugen, der „Peter“ hieß. Sehr gern zog ich dem kleinen Schlummerle einen roten Skianzug mit weißer Kapuzenumrandung an, weil wir ja im Allgäu wohnten und damals die Winter noch schneereich waren. In der Fasnetszeit wurden die Puppen dann auch entsprechend verkleidet und wenn man der Puppe eine Maske aufsetzte (die man als Anhänger bei den Umzügen der Wangener Narrenzunft bekam), dann hielt diese dank der Kapuze natürlich hervorragend. Meine Oma schenkte mir noch Puppenkleider, als ich eigentlich schon aus dem Spielalter fast heraus war. – Heute stelle ich fest, dass es auch damals doch schon eine deutliche Tendenz zu Rosa gab."

"Schildkröt-Puppen – so richtig zum Liebhaben" - "SCHLUMMERLE und TRÄUMERLE sind ein ganz herziges Babypärchen mit mollig weichem Körper, Schlenkerarmen und Schlenkerbeinen, so richtig zum Drücken und Liebhaben. SCHLUMMERLE und TRÄUMERLE haben himmelblaue Augen und weiche, blonde Haare." – Zeitschriftenwerbung (1963)

"Diese ganz einfache kleine Puppe aus Gummi hieß „Susi“ und wurde sehr geliebt. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was sie denn an Kleidung trug, denn die hatte sie definitiv an." – Der Kopf ist fast lose und hängt nur noch am seidenen Faden."


Die Lieblingspuppe

Warum wird ausgerechnet eine ganz bestimmte Puppe zur absoluten Lieblingspuppe, während andere, vielleicht viel teurere oder vermeintlich schönere Modelle unbeachtet in der Ecke sitzen? Die Verwandlung einer ganz normalen Puppe in eine Lieblingspuppe hat weniger mit Machart, Marke oder Qualität zu tun, sondern einzig und allein mit Gefühl. Eine echte Lieblingspuppe riecht zum Beispiel nicht neu. Sie riecht nach dem eigenen Bett, nach dem vertrauten Waschmittel der Eltern, nach Trost, Tränen oder gemeinsam durchstandenen "kindlichen Katastrophen", sei es, zu früh ins Bett geschickt zu werden oder seinen Willen nicht zu kriegen. Der Geruch der Puppe signalisiert dem Kind sofort: Hier bist du sicher. Deswegen würde eine nagelneue Ersatzpuppe desselben Typs auch meist sofort im hohen Bogen aus dem Bett fliegen. Zudem fehlen ihr schlicht und einfach die gemeinsamen Erlebnisse.
Auch verändert die Lieblingspuppe nie ihr Gesicht. Sie bleibt immer gleich sanft, neutral und geduldig, sie schimpft nicht, sie bewertet nicht und sie stellt keine Bedingungen. Auf sie kann ein Kind jedes seiner eigenen Gefühle übertragen und mit der Puppe teilen: Wenn das Kind traurig ist, weint die Puppe mit; wenn es wütend ist, hält sie die Wut klaglos aus. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Normalerweise müssen Kinder das tun, was die Erwachsenen von ihnen verlangen. Beim Spiel mit der Lieblingspuppe drehen sich die Verhältnisse endlich einmal um, im Rollenspiel wird das Kind selbst zum fürsorglichen Elternteil. Die Puppe wird gewogen, gefüttert, ausgeschimpft, sorgfältig an- und ausgezogen oder getröstet. Dieses Umsorgen vermittelt Kindern ein tiefes Gefühl von Vertrautheit und auch eigener Stärke.

©Text: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft (2026)