Zum Buch „Goldenes Puppenstuben-Zubehör“aus dem Swantje-Koehler-Verlag
©Text / Fotos: Jörg Bohn / VG WORT Wissenschaft
Die faszinierende Miniaturwelt historischer Puppenhäuser und Puppenstuben begeistert eine stetig wachsende Sammlergemeinde. Immer mehr Liebhaber erfreuen sich jedoch nicht mehr nur allein an der bloßen Betrachtung ihrer Preziosen, sondern interessieren sich zunehmend auch für deren zeitliche Einordnung sowie für Informationen über die entsprechenden Hersteller. Das Buch „Goldenes Puppenstuben-Zubehör“ der Sammlerin und Autorin Swantje Köhler katalogisiert und kommentiert auf ebenso informative wie unterhaltsame Art die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts produzierten Goldblechminiaturen der schwäbischen Firma Erhard & Söhne und schließt damit eine weitere Lücke in der Erforschung dieses kulturgeschichtlich so aufschlussreichen und spannenden Sammelgebiets.
Seit jeher sind Puppenstuben mitsamt ihren oftmals aufwändigen und detailverliebten Einrichtungen ein Spiegel ihrer Zeit und daher liegt es nahe, zu Beginn einen einstimmenden Blick in die realen deutschen Wohnungen der Jahrhundertwende zu werfen, wo zu dieser Zeit mit dem ausklingenden Historismus und dem in seiner Blüte stehenden Jugendstil zwei grundlegend verschiedene Wohnauffassungen auszumachen sind. Wer um 1900 das repräsentative Wohnen im Stil des Historismus bevorzugt, hat es in der Regel „zu etwas gebracht“ und ist nicht abgeneigt, dies auch vor seinen Mitmenschen zu dokumentieren. -Dreißig Jahre zuvor waren nach dem Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 durch französische Reparationszahlungen enorme Summen Geldes nach Deutschland geflossen, zudem waren die einzelnen Länder durch die Gründung des Deutschen Reiches mit Galionsfigur Kaiser Wilhelm I. an der Spitze zu einer politischen Einheit verschmolzen. Die Menschen „hatten das heiß und lang begehrte Reich und mit ihm den lang ersehnten Ausgleich von Monarchie und Freiheit bekommen.“ Neu entfachtes Nationalbewusstsein, eine wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung und nicht zuletzt ganz pragmatische Aspekte wie die Vereinheitlichung von Maßen, Münzen und Gewichten trugen ein Übriges dazu bei, dass es zu einer wahren Gründungsflut von Aktiengesellschaften, Unternehmen und Banken kam und diese Epoche schließlich als „Gründerzeit“ in die Geschichtsbücher einging. Im Zuge der Industrialisierung erlebte Deutschland einen schwindelerregenden Aufschwung, der zwar 1873 von einem Börsencrash, dem „Gründerkrach“, zwischenzeitlich unterbrochen wurde, letztlich aber nicht nur dem Kreis einer kleinen Oberschicht Wohlstand brachte, sondern sich bis ins Bürgertum fortsetzte und dort Bedürfnisse weckte, den neu erlangten Status auch nach außen hin zur Schau zu stellen. Der Wunsch der „Neureichen“ nach standesgemäßer Selbstdarstellung wurde in besonderem Maße in den damaligen Wohnungen sichtbar, innerhalb derer von ihren Bewohnern die verbesserte gesellschaftliche Stellung vielfach nach der Devise „Fülle gleich Wohlstand“ nicht nur durch die Qualität von Mobiliar und Zierrat zum Ausdruck gebracht wurde, sondern gleichzeitig auch durch deren Quantität. Auf jeden Fall aber sind hochwertige Einrichtungen nicht mehr nur das Privileg einiger weniger, was zur Folge hat, dass die in der Vergangenheit klar umrissene Abgrenzung zwischen „herrschaftlichem“ und „bürgerlichem“ Wohnen immer mehr verwischt. So oder so für entsprechende Repräsentationszwecke bestens geeignet erweist sich zu dieser Zeit der europaweit verbreitete Historismus, dessen deutsche Erscheinungsform heute auch als „Gründerzeitstil“ geläufig ist und der sich bei Kunstrichtungen vergangener Epochen bedient, indem er diese einfach mehr oder weniger nachahmt. Beginnend mit der Neogotik, entwickelt sich im Verlauf des 19.Jahrhundert mit Neoromanik, Neobarock, Neorokoko und weiteren Spielarten ein wahrer Stilpluralismus, nicht selten sind die jeweiligen Zimmer einer Wohnung in unterschiedlichen Stilen eingerichtet. Während der „dogmatische Historismus“ noch eine originalgetreue Kopie des historischen Vorbildes forderte, sind inzwischen aber sogar innerhalb einzelner Möbelstücke bunt zusammengewürfelte Stilmixturen auszumachen. „Alle schlummernden Schichten der Kunsthistorie sind und werden im Wettbewerb aufgewühlt“, beschreibt der zu Beginn des 20.Jahrhunderts erschienene Leitfaden „Moderne Kultur – Ein Handbuch der Lebensbildung und des guten Geschmacks“ die vorherrschenden Zustände, alles ist „ein fürchterliches Durcheinander sich bildender Bestrebtheit, ein Taumel wahlloser Alleshascherei. Aber eben diese Bestrebtheit um jeden Preis und in jeder Preislage ist das für unsere Tage Bezeichnende, das an sich wichtige.“ Ein kritischer zeitgenössischer Beobachter und Kommentator dieser wechselnden und ineinander übergreifenden Strömungen ist auch der Autor Jacob von Falke, dessen 1897 in 6. Auflage erschienenes Buch „Die Kunst im Hause“ dem heutigen Interessierten aus erster Hand einen anschaulichen Einblick in die Räumlichkeiten der „gut bürgerlichen, wohlhabenden Klassen“ zur Jahrhundertwende gestattet. In aller Ausführlichkeit wird die damalige Innenraumgestaltung mit all ihren zeittypischen Besonderheiten beschrieben und ermöglicht so einen einführenden Rundgang durch die Wohnungen, in denen die großen Vorbilder der in der Folge beschriebenen Puppenhausminiaturen der Firma Erhard & Söhne seinerzeit anzutreffen waren:So soll in den Zimmern möglichst ein gewolltes Dämmerlicht vorherrschen, denn „zuviel grelle Lichtmasse thut unseren Augen wehe…Wir verlangen die Helligkeit gedämpft, den Kontrast gemildert und gelöst, wir verlangen das Fenster als harmonisches Glied der Gesamtdekoration eingefügt.“ Erreicht wird dies vorzugsweise mit Glasmalerei, „die uns das Fenster selbst dekoriert, andererseits zu Vorhängen, welche zum Teil ebenfalls das Licht dämpfen, vor allem aber die Verbindung mit der Wand herstellen...Sie verleiht Poesie dem Gemache, gibt ihm Weihe, Leben und Wärme…entrückt es dadurch der Alltäglichkeit und gießt über den ganzen Reichthum des Gemaches den Schimmer der Verklärung.“ Eine schlichtere, dafür aber kostengünstigere Möglichkeit bieten Butzenscheiben, die nichts anderes sind „als ein auseinander gestoßener Batzen Glases, der sich nach dem Rande zu verdünnt…Sie mildern nicht bloß das Licht, sie lassen es spielen, sie machen es lebendig.“ Besonders geeignet erscheinen sie für „Studier- und Arbeitszimmer, wo sie allem den Zutritt verwehren, was von Außen her Blick und Geist zerstreuen könnte.“ Konsequenterweise sollen auch die Fußböden im Idealfall möglichst dunkel gehalten werden, „da es schon an sich unangenehm ist, wenn ein Gegenstand mit großer Helligkeit auf großer Fläche von unten in das Auge scheint“. Groß in Mode sind offenbar Teppiche mit figürlichen Darstellungen von „Löwen, Tigern, Hunden, Tauben und anderem wilden und zahmen Gethier“ oder gar den „Portraits berühmter Männer und gekrönter Häupter, die den Tritten höchst profaner Schuhbekleidung unterlegt werden.“ Jedoch ist es „mit derartigen Fußteppichen und ihrer schreiend grellen Wirkung ein für allemal um die Harmonie des Zimmers geschehen.“ Viel Raum nimmt die Gestaltung der Wände mit den seinerzeit ausgesprochen beliebten Holzvertäfelungen ein, alternativ wird „für unsere moderne Wohnung in den meisten Fällen die ruhige, abgetönte Wand sich empfehlen…Um die Wand selbstständig und abgeschlossen erscheinen zu lassen, ist eine Trennung vom Fußboden wie von der Decke erforderlich. Die Trennung tritt unten als Sockel, oben als Fries oder Bordüre in Erscheinung.“ Ein wichtiges Gestaltungselement der Wände stellten Bilder dar, aber leider, moniert von Falke, „wird ein Umstand heute bei dem Bilderschmuck der Wände gewöhnlich übersehen, das ist die angemessene Form des Rahmens. Nicht, als ob man auf die Schönheit oder die Pracht des Rahmens keinen Werth legte; im Gegenteil, nur zu häufig ist er das Beste, ja das einzig Werthvolle am Bilde...Der goldene Rahmen gilt gewissermaßen als Universalmittel; er muss jedes Bild heben, wenn nicht gar das schlechte zum guten machen.“ Und so ist es nicht verwunderlich, dass eine stattliche Zahl entsprechender Goldblech-Miniaturrahmen in mannigfaltigen Ausführungen bereits auf den ersten Seiten des Metallspielwaren-Katalog von Erhard & Söhne zu finden ist, über deren Firmengeschichte Swantje Köhlers Buch vorab ausführlich informiert: Nach den als Teilhaber einer Großhandlung für Silberwaren gesammelten geschäftlichen Erfahrungen wagt der 1809 in Schwäbisch Gmünd geborene Gründer Carl Gottlob Erhard den Schritt in die Selbstständigkeit. Zwar ist Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts eine „Metallnation“ mit über 6000 Gold-, Silber und Schmuckwaren herstellenden Betrieben, davon allein weit über 100 in der Hochburg Schwäbisch Gmünd, jedoch müssen kostengünstig herzustellende und sich deshalb stetig steigender Nachfrage erfreuende vergoldete Bronzewaren noch überwiegend aus England oder Frankreich importiert werden. Also spezialisiert sich Erhard neben dem normalen Gold- und Silbergeschäft auf die Fabrikation eben dieser Produkte sowie generell auf die Verarbeitung unedler Metalle und offeriert in seinem Katalog zur Allgemeinen Deutschen Industrie-Ausstellung 1854 ein riesiges Angebot von „Bronce- und Galanteriewaaren aller Art, auch versilberten und vergoldeten.“ Neben „Requisiten“ für Buchbinder, Stockfabrikanten und Handschuhmacher („Handschuhknöpfe und Schnällchen, garniert und ungarniert“) oder „Artikel für den katholischen Kultus“ („Heilige auf Postament, Rosenkränze von Cocus, Josephstränen, Fantasiekreuze“) hat man bereits zu diesem Zeitpunkt auch ein umfangreiches Sortiment von „Spielwaaren“ („Puppenschmuck, Besteckchen, Armleuchter“) im Angebot. Erhard hat den richtigen Riecher, sein Betrieb expandiert beständig und zum Ende des Jahrhunderts beschäftigt er rund 300 Arbeitskräfte. Auch im Bezug auf das „& Söhne“ überlässt der Firmengründer nichts dem Zufall und zeigt Voraussicht, indem er seine beiden männlichen Nachkommen durch entsprechende Ausbildungen auf ihre spätere Funktion als kaufmännischer, beziehungsweise künstlerischer Leiter des Unternehmens vorbereitet.
Bevor man sich jedoch auf vergleichende Betrachtungen zwischen „echten“- und Puppenhausmöbeln einlässt, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es sich bei letzteren in erster Linie immer noch um Kinderspielzeuge handelt, die zwar häufig ausgesprochen präzise ihre großen Vorbilder nachahmen, mitunter aber auch spielgerecht vereinfacht wurden oder einen Phantasiestil aufweisen. Daher sollte das Ganze bitte eher mit einem großzügigen Schmunzeln begleitet werden denn mit dem Anspruch wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit… Der früheste erhalten gebliebene Katalog mit Goldblechspielzeug ist um das Jahr 1905 einzuordnen, was jedoch nicht bedeutet, dass es sich bei den abgebildeten ausschließlich um Objekte handelt, die sich auf dem neuesten Stand der Zeit befinden. Im Gegenteil war es üblich, dass Spielzeuge so lange im Angebot verblieben, wie sie sich profitabel verkauften und so spiegelt die Erhardsche Produktpalette sowohl aktuelle Tendenzen wider als auch bereits Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückliegende Entwicklungen. In jeden Fall aber bietet der Katalog mit seinen Miniaturen das komplette Spektrum dessen, was ein Mädchen seinerzeit benötigte, um sich im Spiel sowohl mit den alltäglichen und als auch mit den festlichen Abläufen in einem wohlhabenden Haushalt vertraut zu machen. Ob Nadelkissen, Tischfeger-Garnitur, Zuckerzange oder Zigarrenabschneider, ob Visitenkartenhalter, Hausgong, Schlüsselbund, Briefwaage, Tintenfass – es gibt augenscheinlich nichts, was es nicht gibt. Aber nicht nur Haushaltsutensilien sind zu entdecken, sondern auch Sitzmöbel, Tische, Regale, Schränke, Betten und anderes Mobiliar. Gemeinsam ist allen dem Historismus zuzuordnenden Miniaturen, dass sie in der Ausführung von dessen charakteristischer überreicher Ornamentik geprägt sind und damit zugleich das große Dilemma dieser Stilepoche offenbaren. Denn bis dahin waren aufwändig verzierte Gebrauchswaren, Ziergegenstände und Möbel das ausschließliche Produkt kunsthandwerklicher Fähigkeit, infolge dessen nur mit großem Arbeitsaufwand herzustellen, entsprechend teuer zu bezahlen und daher bestens geeignet, als Statussymbole vom Wohlstand des Besitzers zu künden. Nachdem im Zuge der Industrialisierung viele der notwendigen Arbeitsgänge von Maschinen erledigt werden konnten, entstand schließlich ein regelrechter Wettlauf zwischen Industrie und Handwerk. Waren die Maschinen drauf und dran, die handgefertigten Vorbilder einzuholen, setzten die Kunsthandwerker noch mal eins drauf. Das Ornament verkam in der Folge zum bloßen Selbstzweck und die in dieser Zeit entstandenen Arbeiten festigten den Ruf des Historismus als einer Periode der „Schnörkelinflation“ und der „unverhältnismäßigen Protzigkeit“. Authentisches Zeugnis über das damalige Geschmacksempfinden gibt eine Bemerkung Jacob von Funkes im Angesicht eines weißen Tischtuchs: „Es widerstrebt unserem ästhetischen Gefühl, eine so große Fläche unverziert zu lassen…“. Sogar als „unerträglich“ empfindet er „leere Tische, nackte Wände, kahle Flächen im Salon, wo das Gespräch, tausend Dinge berührend, überall nach Anregung sucht.“ - Rufen die meisten in dieser Zeit entstandenen Objekte bezüglich ihrer Sammelwürdigkeit heutzutage bei Kunstkennern durchaus gemischte Reaktionen hervor, stoßen ihre spielgerechten Abbilder hingegen bei Sammlern auf uneingeschränkte Begeisterung. Und in der Tat bekommt das, was in seiner realen Größe bisweilen so „overdressed“ anmutet, in den Puppenstuben im wahrsten Sinn des Wortes eine ganz andere Dimension. Durch den kleinen Maßstab zwangsläufig in den Details reduziert, nichtsdestotrotz aber immer noch überreich verziert, erwecken die Miniaturen mitunter eher den Anschein von Schmuckstücken als von Kinderspielzeugen. Die goldene Ausführung tut ein Übriges, ihnen eine regelrechte Strahlkraft zu verleihen und sie wie kleine Kostbarkeiten erscheinen zu lassen. Unterstützend kommt hinzu, dass diese Spielzeuge auch nach 100 Jahren kaum etwas von ihrem Gold-Glanz eingebüßt haben. Diesem Umstand liegt ein hochgiftiger Fertigungsprozess zugrunde, da das Bronzeblech, nachdem es diverse vorbereitende chemische Prozesse durchlaufen hat, mit Goldamalgam, einer Substanz aus in Quecksilber gelöstem Feingold gestrichen wird. Damit sich das Quecksilber verflüchtigt, wird es danach erhitzt, gespült und abschließend poliert. Aber auch unveredelte Bronze kommt bei einigen Spielzeugen zum Einsatz und erzeugt in Kombination mit dem Goldblech ebenso spannungsvolle wie reizvolle Material- Kontraste.
Wer sich die im Erhard & Söhne - Buch komplett reproduzierten Katalogseiten eingehend betrachtet, wird sicherlich recht bald ein häufig wiederkehrendes „exotisches“ Stilelement bemerken: Sowohl als Bilder- oder Spiegelrahmen, als Stuhl- oder Tischbeine oder in Form von Regalstreben finden Bauteile Verwendung, die die Struktur von Bambusstangen nachahmen und damit die sich großer Beliebtheit erfreuende Ostasienmode zitieren. Waren Europas Handelsbeziehungen zu Japan und China aufgrund deren politischer Abschottung bis zur Mitte des Jahrhunderts noch recht spärlich, fand in den folgenden Jahren eine, wenn auch durch den englisch-französischen Krieg gegen China erzwungene, Öffnung zum Westen statt. Durch ihre Präsenz auf verschiedenen Weltausstellungen erreichten asiatische Waren in der Folge ein breites Publikum und „Japonismus“ sowie „Chinoiserie“ erfreuten sich alsbald großer Beliebtheit. Keine Gnade finden jedoch insbesondere Möbel dieser Machart vor den wählerischen Augen unseres bereits mehrfach zitierten zeitgenössischen Kritikers: „Der Orient hat eine Art von Sitzmöbeln in Mode gebracht, denen wir wenig Gutes nachrühmen können. Das sind die kleinen, dünnen, zierlichen Sessel, die man gegenwärtig mit dem Namen französische Phantasiemöbel bezeichnet. Es ist nichts als Nachahmung der chinesischen Bambusmöbel, die man bemalt, lackiert, vergoldet und so mit einem Zierrat versieht, der eben so unsolid ist wie der Bau und das Material. Hier und da mag sich ein Stück davon mit Vortheil verwenden lassen, im Allgemeinen aber sind sie zu unkünstlerisch, zu formlos, und machen mit ihrer übergroßen Leichtigkeit und Zierlichkeit auch den Eindruck der Brechlichkeit, als ob sie des Ansehens, nicht aber des Sitzens da wären. Sie sind eine beständige Furcht und Sorge der Dame des Hauses, sobald eine gewichtvolle Person sich ihrer bemächtigen will.“ Auch eine weitere Modeerscheinung, „die so genannten Etageren“, erregen Jacob von Funkes Missfallen, er bezeichnet sie als „leichte, magere, in ihrem Bau durch und durch verzopfte Gestelle, die unsere Nippsachen zu tragen haben. Beide passen für einander, denn sie sind ungefähr gleich viel werth. Diese leichten Waaren, sie mögen mitunter süße Erinnerungen, Herzensangelegenheiten sein, aber künstlerisch sind sie weder für sich selbst noch dekorativ von einigem Werthe. Sie sind ein Kindertand und Puppenspiel“ (!). Kein Wunder also, dass sich in das Miniaturformat übertragene Möbel dieser Art so vorzüglich in Puppenstuben ausnehmen!Etliche Seiten im Erhard & Söhne - Katalog drehen sich ausschließlich um den festlich gedeckten Tisch: „Unter dem Namen oder mit der Bestimmung von Tafelaufsätzen finden wir heute auf den Speisetischen Blumen und Fruchtschalen, Vasen und Kühlgefäße, Brunnen, Tempel und Armleuchter und eine Menge Dinge, die eigentlich nichts sind und keine andere Bestimmung haben, als zur Augenweide auf der Tafel zu stehen, was sie an jedem anderen Orte auch könnten.“ informiert uns die bewährte Quelle über damalige Dekorationslust und dementsprechend groß ist die Auswahl im Bereich der Goldblechminiaturen. Zwar finden sich leider weder Tempel noch Brunnen im Miniaturformat, dafür aber Teeservice, Likörgarnitur, ein spezielles Trinkservice für Kakao, Bowlegarnituren in zwei und Kaffeeservice gar in fünf verschiedenen Ausführungen. Selbst eine Tischglocke ist in verschiedenen Varianten erhältlich, einmal mit schlichtem Holzgriff und alternativ mit einem figürlichen Griff in Gestalt eines Elefanten. Weiter geht es mit einem Sektkübel inklusive Flasche, verschiedenen Bierkrügen mit und ohne Klappdeckel, Menagen mit winzigen Glasstreuern für Salz und Pfeffer sowie einem guten Dutzend Schalen verschiedenster Ausführungen.Breit gefächert ist auch das Angebot an Uhren: Stand-, Wand-, Taschen-, Figuren-, sogar Kuckucks- und insbesondere eine Vielzahl von Kaminuhruhren bieten Zeitmesser für jeden Geschmack. Einige dieser Miniaturen offenbaren jedoch bei näherer Betrachtung mehr „Schein als Sein“, da die prunkvolle und detailliert ausgearbeitete Goldblechfassade nicht ein ebenso prächtiges Uhrengehäuse, sondern lediglich ein schlichtes Holzstück verbirgt. Bei anderen wiederum lassen sich die Zeiger mit Hilfe eines kleinen „Uhrwerks“ verstellen, sodass auch dem Lernzweck Genüge getan wird.Auffällig ist insgesamt der hohe Anteil von Miniaturen im Stil des nicht mehr Neo-, sondern mittlerweile sogar „dritten Rokoko“, das sich im Laufe der 1880er Jahre nicht zuletzt durch die Schlossbauten Ludwig II. in Deutschland einen festen Platz an der Seite der Neorenaissance erobert hatte und einen insbesondere bei Frauen beliebten Stil darstellte. Denn während Herrenzimmer und männertypische Gebrauchsgegenstände wie Trinkgeschirr oder Rauchergarnituren in der Regel nach Vorbildern der Renaissance gestaltet wurden, bevorzugte man bei Damenzimmern und Accessoires in der Regel das Rokoko.Wer sich nun aber damalige Wohnungen mit ihren Ansammlungen von an klassischen Vorbildern orientierten Möbeln wie hehre museumsähnliche Ausstellungen vorstellt, wird durch die Beschreibung einer „der vornehmeren Wohnungen“ im zeitgenössischen Ratgeber Moderne Kultur eines Besseren belehrt: „ Sessel, viel zu niedrig, in unmöglichen Formen, protzig mit gepresstem Plüsch bezogen, Tische, die ein einziges Drechselornament sind und an deren Kanten man sich die Beine wundschlägt…Sofas mit Bortaufsätzen, die sich weder zum Liegen noch zum Sitzen, noch zu sonst etwas eignen, Gardienenarrangements mit Spießen, Morgensternen und vergoldeten Schwertern, Wandteller mit Malereien, die die Tochter des Hauses mühsam nach schlechten Vorlagen zusammengestümpert hat, Reproduktionen und Stiche nach den schlechtesten Vorbildern, nach Photographien vergrößerte Kreideporträte, japanische Fächer, bemalte Geburtstagsgeschenke…Nippes, wie man sie in den Läden für wenige Groschen kauft – kurz eine Überfülle des Hässlichsten und Verkehrtesten, was jemals als Luxus gegolten hat, solange die Welt steht.“Konsequenz dieser und ähnlich auch in anderen damaligen Publikationen nachzulesender Beschreibungen solch offenbar recht häufig anzutreffender realer Wohnverhältnisse muss also sein, dass in unseren Tagen folglich nicht nur die gewissenhaft und vermeintlich „historisch korrekt“ zusammengestellten, nicht selten aber auch idealisierten Puppenstuben des ambitionierten Sammlers ihre Berechtigung haben, sondern paradoxerweise durchaus auch die häufig zu entdeckenden, „liebevoll“ mit allerlei schmückendem Schnickschnack ausstaffierten Exemplare mancher zu einem Übermaß an Kitsch neigenden und weit weniger um Authentizität bemühten „Puppenmutti“…Laut Forderung zuvor zitierter Quelle jedenfalls scheint das Ende des Historismus „mit seinen zimperlich bescheidenen, idyllisch-kleinbürgerlichen viel geteilten Sprossenfenstern“ besiegelt. „Es ist eine Notwendigkeit in der menschlichen Gesellschaftsentwicklung, dass etwas Altes niemals durch die Ruhe, nicht durch die Negation überwunden wird, sondern nur durch etwas konkretes Neues, das als wirkliche Macht der Macht gegenübertreten kann.“
Als diese Macht wird eine Stilrichtung propagiert, die sich um1890 zu entwickeln beginnt, in Frankreich „Art Nouveau“ heißt, in Deutschland in Anspielung auf eine zeitgenössischen Zeitschrift Jugendstil genannt wird und zur Jahrhundertwende in ihren verschiedenen weiteren landesspezifischen Spielarten Europa regelrecht überrollt. So sollte nach einer Forderung in Moderne Kultur „jede gesunde, vernünftige, und entwicklungsfähige Absicht auf Seiten des Neuen, und aller Widersinn auf Seiten dessen, was uns bisher als das Normale geboten wurde…Man will nicht länger in einem Schrank eine kleine Architektur bewundern, sondern die Fügung des Holzes sehen, will das einfachste Bedürfnis nicht länger durch Rücksichtnahmen auf Dekorationen unterdrücken.“ Vorbild und Inspiration ist Jugendstilkünstlern wie Emile Gallé die Natur und so erscheinen manche Möbel dieser Zeit mit ihren gleich Blütenstängeln emporstrebenden Tisch- und Stuhlbeinen oder Wurzeln nachempfundenen Armlehnen wie natürlich gewachsene und zu Holz gewordene Pflanzengebilde. Einerseits stellte dies sicherlich einen Gegenpol zum Historismus dar wie er größer kaum sein konnte, andererseits war der Jugendstil in gewisser Weise aber auch dessen konsequente Fortführung, indem er zwar nicht mehr seine Oberfläche verziert sah, sondern letztlich selbst zum Ornament wurde. Noch heute verbinden die meisten Menschen mit dieser Kunstrichtung zuallererst eben diese als organisch, vegetabil oder floral bezeichnete Richtung mit ihrer abstrahierten, weich geschwungenen Linienführung, die in Form einiger ausgesprochen gelungener Goldblech-Miniaturen auch im Erhard & Söhne Katalog vertreten ist. Als Erstes fallen dem Betrachter unweigerlich einige wahrlich spektakulär zu nennende Flur- und Wandspiegel für das Puppenhaus ins Auge, die sich an offenbar ausgesprochen aufwändig gearbeiteten Vorbildern orientiert haben. Dass solche prachtvollen „echten“ Spiegel damals häufig nicht nur im Flur, sondern auch im Wohnzimmer hingen, erfährt man wiederum bei Jacob von Funke: „Soll der Spiegel im Wohnzimmer seine Stelle haben, so wird auch hier seine Bestimmung keine andere sein als die, den Bewohner sich selber zu zeigen…Die Sitte aber verpflanzt den Spiegel regelmäßig über das Sofa, wo immer auch dieses sich befinde, wie um der Befriedigung der Eitelkeit Hindernisse in den Weg zu legen, und noch dazu meistens nach der Länge, nicht nach der Höhe gehängt. Das macht den Eindruck, als ob der Beschauer sich auch liegend betrachten solle.“ Letztgenannte Gefahr mag vielleicht bei einigen im Katalog von Erhard & Söhne zu entdeckenden schlichteren Exemplaren durchaus gegeben sein, sicherlich aber nicht bei den Jugendstil-Puppenhausspiegeln, die durch ihre Blumenrankenähnlich in die Höhe strebenden plastischen Verziehrungen keinen Zweifel am oben und unten aufkommen lassen. Stärker noch als der florale ist im Miniaturformat der „strenge“, auf geometrische Funktionalität ausgelegte Wiener Jugendstil vertreten, der auf die von Künstlern wie Gustav Klimt und Joseph Olbrich initiierte Wiener Secession zurückzuführen ist und in den 1903 gegründeten Wiener Werkstätten weiterentwickelt wurde. „Es ist natürlich, dass die neuen Ideen in allen Ländern von Nationalgeist gefärbt werden mussten. So sind die seltsamsten Varianten entstanden. Das Wiener Temperament hat eine Mittellinie zwischen strenger Sachlichkeit und spielerischem Temperament gesucht“, erläutert Moderne Kultur einige Jahre später in dem Artikel „Die neue Bewegung im Wohnungswesen“. Aufs Schönste nachvollziehbar wird diese „Dominanz von horizontalen und vertikalen Gestaltungsprinzipien“ wiederum im Puppenstubenformat durch allerlei entsprechende Schränke, Betten, Sitzmöbel und Spiegel aus dem Erhardschen Goldblechsortiment.So schnell er gekommen war, so schnell war der Jugendstil auch wieder verschwunden. Die anfänglich herrschende Begeisterung schlug förmlich ins Gegenteil um, zumal in der Endphase auch noch einige Entwicklungen auf die Spitze getrieben wurden und dies bereits in Anfang des 20.Jahrhunderts die Kritiker auf den Plan brachte: „Die Künstler selbst, die uns die Wege zum Vernünftigen gebahnt haben, experimentieren nirgend lieber als in der Holzarchitektur mit reinen Kunstformen und schaffen somit Gefahr, ihr eigenes Werk zu gefährden, indem sie aus einer Sach- und Zweckkunst eine Ausstellungs- und Versuchskunst machen. Sie widmen ihr ganzes gesammeltes Bildnergefühl an Gebrauchsdinge, die damit gar nichts anfangen können. So sind wir im Laufe der letzten Jahre neben den vortrefflichen Mustern in Besitz von Möbeln gekommen, die für alle Zeiten merkwürdig sein werden…“. Überhaupt war der Jugendstil innerhalb damaliger Wohnungen längst nicht so weit verbreitet, wie man aufgrund des großen medialen Wirbels, den er seinerzeit entfachte und ebenso entgegen der Popularität, die ihm bis heute zuteil wird, annehmen mag - vielen konservativen Gemütern war er einfach zu avantgardistisch. „Es ist gewiss nicht jedermanns Sache, in einem Interieur von Van de Velde zu wohnen, und man ist darum nicht im geringsten kulturloser“, beruhigt Moderne Kultur die zeitgenössischen Zweifler, um im Anschluss sogleich eine Brücke zu schlagen, „aber es ist auch wieder sehr wohl denkbar, dass sich andere, deren Eigenarten mit denen der Künstler korrespondieren, in solchen Milieus sehr behaglich und geistig angeregt fühlen.“ Wie auch immer: in den Wohnungen und somit in den neueren Goldblech-Katalogen ist der Jugendstil Anfang der 20er Jahre so gut wie verschwunden, stattdessen konzentriert sich das Programm von Erhard & Söhne weitestgehend wieder auf ein Historismusangebot, wie es bereits 1905 zu finden war.Aber nicht nur die Entwicklung der Stile wird in den Puppenhäusern dokumentiert, sondern auch der Fortschritt der Technik. So hatte der zeitgenössische Käufer bei der Miniatur eines prunkvollen Kronleuchters die Auswahl zwischen drei verschiedenen Varianten: Mit Halterungen für Kerzen, mit nach oben offenen Glasschalen für eine Gasbeleuchtung und schließlich mit „elektrischen Glühbirnen“. Dass sich alle drei Modelle gleichzeitig im Katalog befinden und nicht etwa frühere Versionen mit der beginnenden Produktion einer moderneren Lampe aus dem Sortiment genommen wurden, ist in der bereits zuvor angesprochenen Verkaufspolitik begründet, die Spielzeuge so lange im Angebot verbleiben ließ, wie sie sich Gewinnbringend verkaufen ließen. – Ein Umstand, der auch die exakte zeitliche Einordnung solcher Kataloge erschwert. Neben den beschriebenen Lampen gibt es für den Technikinteressierten noch Telefone und sogar ein Goldblechmodell von Thomas Alva Edisons 1877 erstmals vorgeführter Sprechmaschine, dem Phonograph, zu entdecken.Überhaupt birgt „das Entdecken“ einen großen Spaßfaktor bei der Lektüre des zweisprachig in deutsch und englisch verfassten Buches „Goldenes Puppenstuben-Zubehör“. Drei Erhard & Söhne Kataloge aus der Zeit zwischen 1900 und 1925 sind mit ihren aussagekräftigen Schwarz/Weiß Abbildungen original wiedergegeben und werden zusätzlich durch zahlreiche farbig fotografierte Beispiele aus aktuellen Sammlungen ergänzt, sodass sich das erste Durchblättern für jeden Puppenhaus-Sammler zu einem spannendes Erlebnis gestaltet, ob er denn das eine oder andere Objekt aus seiner eigenen Kollektion vielleicht entsprechend zuordnen kann. Wer fündig wird, kann sich glücklich schätzen: Goldblechzubehör wird von seinen Liebhabern sehr geschätzt, sodass die Spielzeuge nicht nur den Anschein kleiner Kostbarkeiten erwecken, sondern auch wie solche bezahlt werden müssen. Angefangen mit cirka 50 Euro für schlichtere Objekte sind für ausgefallene und aufwändigere Stücke bereits dreistellige Summen anzulegen. So kann der Sammler bei spezialisierten Spielzeughändlern Bilderrahmen ab ca. 100 Euro erstehen, während beispielsweise für Spiegel, Tintenfässer, Tische, einzelne Stühle oder einfachere Etageren bereits zwischen zwei- und vierhundert Euro angelegt werden müssen. Wenn im Rahmen einer Auktion rare Miniaturen wie Kronleuchter zum Verkauf stehen und vielleicht sogar noch von mehreren Interessenten zugleich begehrt werden, ist, wie bei „Liebhabereien“ üblich, nach oben hin jedoch noch ein großer Spielraum vorhanden. Wer den Zeitaufwand nicht scheut, das mittlerweile nahezu unübersehbar große Angebot der Internetauktionen zu durchforsten, kann mit etwas Glück aber durchaus das eine oder andere „Schnäppchen“ entdecken.