KINDERSTUNDE
©Text und Fotos: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft - Erstveröffentlichung im Sammlermagazin TRÖDLER, Heft 7/2007
Gesellschaftsspiele, Hörspielproduktionen und Bücher zu bekannten oder auch längst vergessenen Fernsehsendungen dokumentieren auf ebenso anschauliche wie unterhaltsame Art und Weise die Entwicklung des Kinderprogramms im Deutschen Fernsehen.Als der Nordwestdeutsche Rundfunk am 1. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1952 mit der Ausstrahlung eines regelmäßigen Fernsehprogramms beginnt, sind nicht wenige Zeitgenossen der festen Überzeugung, dass Kinder grundsätzlich von diesem neuen Medium fernzuhalten seien. Sie befürchten, dass der „Kinderfänger Fernsehen“ den Kindern Zeit für sinnvollere Aktivitäten wie Lesen und Spielen raubt und darüber hinaus „die Bereitschaft, sich ablenken zu lassen“ in bedenklichem Maße erhöht. Die Fachzeitschrift „Ärztliche Stimme zum Fernsehen“ warnt gar vor möglichen bedrohlichen Gesundheitsschäden wie Fernsehepilepsie, Strahlen- und Augenschäden sowie sich durch Bewegungsmangel bildenden „Fernsehbeinen“. Allen Vorbehalten zum Trotz jedoch ist die „Kinderstunde“ von Beginn an fester Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Sendeplans. Gestaltet wird sie von der Psychologin Dr. Ilse Obrig, die bereits seit vielen Jahren eine entsprechende Kindersendung für den Rundfunk moderierte, deren bewährte Konzeption nun für das Fernsehformat aufbereitet wird. Angekündigt durch das Schlagen einer Kuckucksuhr „kommt eine Handvoll artiger, aber fröhlicher Kinder“ in einem Raum zusammen, „um munteren kleinen Spielen zu obliegen und allerlei Geschichten zu hören“, erinnert sich Melchior Schedler in seinem Buch Kinderfernsehen anders. „Die Kinder wurden ständig zu etwas ermuntert, aufgefordert, zu etwas hinbefohlen: Mach Wägelchen aus Nussschalen! Sing deinen Eltern ein Volkslied vor! Sei fröhlich und bescheiden allerwege! Übe dich im Ziehen von geraden Strichen! Ehre das Alter, schnitze Kartoffelmännchen, sprich Hochdeutsch, lach über die Scherze der Großen, sei nicht untätig, falte in deiner freien Zeit, bastle in deiner freien Zeit, mach Scherenschnitte in deiner freien Zeit… Dass Kinder untätig sein könnten, muss der stete Angsttraum der Kinderfernsehmacher jener Jahre gewesen sein.“Bald ziehen andere Sender mit ähnlichen Produktionen und eigenen Moderatoren und Moderatorinnen nach, sodass ein Kritiker bereits vor „einer Zersplitterung der Zuschauerkonzentration auf mehrere Tanten“ warnt, doch die Sendung mit Ilse Obrig ist und bleibt noch lange Zeit das Maß der Dinge. „Spontaneität, Lebendigkeit, Fröhlichkeit, eine leichte Hand im Umgang mit den Kindern, dennoch auch ein pädagogischer Unterton“, fasst der Fernsehwissenschaftler Knut Hickethier Ilse Obrigs hervorstechende Eigenschaften zusammen, „es war wohl auch ihre Erscheinungsweise, die sie für das Kinderfernsehen besonders prädestinierte: Sie war keine betuliche Fernsehmama, sondern... wirkte eher wie eine große Schwester“.Unterstützt wurde sie von verschiedenen Kindergruppen wie den singenden „Zwitscherlingen“, „Sonntagskindern“ und „Funkspatzen“ oder auch den „Tanzkindern“. Ihre durch die Bildschirmpräsenz gewonnene Popularität vermarktet Obrig mit Büchern wie Überall ist Kinderland oder Fröhlich durch das ganze Jahr, in denen sie „Kinderspiele aus aller Welt“ vorstellt oder ihre jungen Leser anleitet, ein Theater aus einem Schuhkarton zu basteln. „Beim Lesen von Ilse Obrigs Büchern wird sich die Freundschaft der Kinder, die ‚ihre Ilse‘ schon durch das Fernsehen und den Hörfunk lieben, noch vertiefen“, verspricht hierzu der Verlagstext. Heute sind diese Bücher mit Beiträgen wie „Purzelbäume und andere Späße“ oder „Spielzeug aus Walnussschalen“ bestens geeignet, dem Leser das Kinderleben in der Wirtschaftswunderzeit näherzubringen.Über den Bildschirm flimmerten zur Kinderstunde in der Folge so unterschiedliche Beiträge wie beispielsweise eine Darstellung der „Biblischen Geschichte in Scherenschnitten“, das „Fernseh-Bilderbuch vom Teddy Teddybär“, Geschichten mit „Latschi und Lumpi“ oder dem „Auto Karoline“ und über viele Jahre auch das legendäre Kinderturnen „Zehn Minuten mit Adalbert Dickhut“. Weil das Kinderfernsehen der Anfangsjahre sich mit einem Bruchteil des für die Gestaltung des Abendprogramms zur Verfügung stehenden Etats begnügen muss, erfreuen sich dank geringer Entstehungskosten insbesondere Puppenspiele in jeglicher Form großer Beliebtheit bei den Programmmachern.
Wolfgang Buresch, seinerzeit Mitglied der häufig auf der Mattscheibe präsenten Hohnsteiner Puppenspiele und später Leiter der Abteilung „Kinder und Familie“ des NDR, schildert die Gegebenheiten so: „Die Tagesgagen von Puppenspielern im Fernsehen waren nie vergleichbar mit denen von etwas bekannteren Schauspielern… und da viele zudem in Personalunion Autoren waren und ihre Stücke selbst schrieben, erhielten sie auch noch viel geringere Honorare für die Drehbücher als Fernsehdrehbuchautoren.“ Auch die Drehkosten selbst waren vergleichsweise niedrig. Weil die Magnetaufzeichnung (MAZ) zu Beginn der 50er-Jahre noch nicht erfunden war, mussten aufwendigere Produktionen auf teurem 16-mm-Film aufgenommen werden. Um dies zu umgehen, wurden die meisten Sendungen in den Studios live aufgenommen und zeitgleich ausgestrahlt. Besonders prädestiniert für solche Aufgaben waren Puppenspieler, die in der Regel auf eine langjährige Bühnenerfahrung zurückblicken konnten und ihre Stücke daher routiniert und ohne aufwendige Proben abspulten.Folglich finden sich in den damaligen Programmzeitschriften etliche Hinweise auf Stücke wie „Kasperle ist wieder da“, „Professor Witzli-Putzli bei den Menschenfressern“, „Kasperle fängt den Bauernschreck“ oder „Der Polizeikasper kommt“. Mit dem Stück „Peter und der Wolf“ erscheint auch erstmals die Marionettenbühne Walter Oehmichen auf der Bildfläche, die bald darauf als „Augsburger Puppenkiste“ zum Synonym schlechthin für das Marionettentheater werden sollte. Wenig später folgt mit der „Muminfamilie“ ihr erster Mehrteiler, dem noch viele weitere folgen sollten. Die Puppenkiste ist mit ihren Inszenierungen bis heute auf den Bildschirmen präsent und begleitet seit nunmehr über einem halben Jahrhundert Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Ob „Kater Mikesch“, „Der Löwe ist los“, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ oder „Urmel aus dem Eis“ - kaum ein Kind, welches nicht seine ganz speziellen Erinnerungen an sein bestimmtes Stück der Augsburger Puppenkiste besitzt.Ende der 50er Jahre nimmt dann eine Gesetzesänderung Einfluss auf die Gestaltung des Kinderprogramms. Nachdem für Kinder unter sechs Jahren „aus Gründen des Jugendschutzes“ Kinobesuche gesetzlich verboten worden waren, beschloss 1958 die Ständige Programmkonferenz der ARD, für diese Altersgruppe auch keine Fernsehprogramme mehr anzubieten. Diese Entscheidung stand ganz im Zeichen der „Bewahrpädagogik“, die darauf abzielt, Kinder vor schädlichen und manipulierenden Einflüssen zu schützen, indem man sie ihnen einfach vorenthält. Dafür, dass diese Altersgruppe in der Folge natürlich dennoch vor den Fernsehgeräten zu finden war, konnten die Eltern verantwortlich gemacht werden - und die Fernsehverantwortlichen ihre Hände in Unschuld waschen. Für die etwas Älteren hingegen sollte nach den Erkenntnissen einer Untersuchung das Programm unterhaltsamer werden: „Im deutschen Fernsehen herrscht das Bestreben vor, Kinder mit Hilfe eines Programms zu bilden, zu belehren und zu beeinflussen. Zu kurz kommen dabei leichte und unbeschwerte Unterhaltsprogramme…Leichtigkeit muss ja nicht unbedingt schädlich sein.“ Erfüllt wurde dieser Anspruch unter anderem mit dem Ankauf amerikanischer Produktionen, als deren erste die Wild-West-Serie Rin Tin Tin auf den Bildschirmen auftauchte. Erzählt wurden darin die Erlebnisse des Jungen Rusty, der bei einem Indianerüberfall seine Eltern verliert, fortan unter der Obhut von Leutnant Rip Masters in einem Kavallerie-Fort aufwächst und dort mit seinem Schäferhund Rin Tin Tin für die Sache der Gerechtigkeit eintritt. Ebenfalls um ein Waisenkind handelt es sich bei Corky, der in einem Wanderzirkus für die Pflege des Elefantenbabys Bimbo verantwortlich ist und ansonsten Folge für Folge die genreüblichen Abenteuer erlebt. Ist diese Serie mittlerweile auch in Vergessenheit geraten, erlangte Corky - Darsteller Mickey Braddock immerhin später unter dem Namen Mickey Dolenz weltweite Bekanntheit als Mitglied der Popgruppe The Monkees. Im Gegensatz zu Corky ist „Fury, die Abenteuer eines wilden Pferdes“ sicherlich auch heute noch vielen Fernsehfans ein Begriff. Waisenjunge Joe verschlägt es auf die Broken Wheel Ranch, wo er natürlich der Einzige ist, der es versteht, den schwarzen Hengst Fury zu reiten und wo jede der insgesamt 114 Folgen mit derselben obligatorischen Frage beginnt: „Na Fury, wie wär’s mit einem kleinen Ausritt?“Ohne Vater auskommen muss auch Jeff Miller, Besitzer der legendären Colliehündin Lassie, kann aber immerhin noch auf Fernseh-Mutter und -Großvater zurückgreifen. Als der Jeff-Schauspieler jedoch für seine Rolle zu alt wird, führen die Drehbuchautoren konsequenterweise mit der Figur des Timmy erneut einen Waisenjungen in die Handlung ein… Darüber hinaus liefen im Kinderprogramm Serien wie „Union Pacific – Abenteuer beim Bau der berühmten Eisenbahnlinie“ oder die „Texas Rangers – Aus der Geschichte einer berühmten Polizeitruppe“.Die damalige Beliebtheit von TV-Sendungen insbesondere mit „tierischen“ Hauptdarstellern wird belegt durch ein breites Spektrum an zeitgenössischen Merchandising-Produkten wie Brett- und Kartenspielen, View Master Scheiben, Bilderbüchern, Comics und Hörspielen, die auch heute auf Trödelmärkten und bei Internetauktionen noch recht zahlreich und somit in der Regel entsprechend kostengünstig zu finden sind. Des Weiteren sorgen unter anderem etliche Internet-Foren dafür, dass diese Serien nicht in Vergessenheit geraten, wobei einige mittlerweile sogar einen regelrechten Kult-Status erlangt haben. Letzteren verdanken sie im Normalfall aber nicht etwa ihrer herausragenden Qualität, sonder schlicht und einfach dem Umstand, dass das Programmangebot in den Anfangsjahren des deutschen Fernsehens noch auf einen einzigen Sender beschränkt und daher sehr begrenzt war. Folglich wurden viele dieser Sendungen schon allein durch ihre bloße Ausstrahlung zu Ereignissen, über die man sich am nachfolgenden Tag auf dem Schulhof, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis ausgiebigst austauschte.Nun sitzen Kinder aber damals wie heute erfahrungsgemäß nicht nur dann vor der Röhre, wenn eigens für sie konzipierte Sendungen auf dem Programm stehen. „Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen“, erkannte Gert Müntefering, Chef des WDR-Kinderprogramms und später mitverantwortlich für die Entwicklung der „Sendung mit der Maus“. Und so sind denn auch gegen Ende der 50er die „Werberahmenprogramme“ am Vorabend, ein bunter Mix aus Werbespots, Regionalmagazinen sowie Abenteuer- und Krimiserien wie „Funkstreife Isar 12“, „Gestatten, mein Name ist Cox“ oder Mike Nelsons „Abenteuer unter Wasser“ insbesondere bei den jungen Zuschauern sehr beliebt. Um auch die Kinder speziell anzusprechen, greift man neben den obligatorischen Puppenspielen nun vermehrt auf kurze amerikanische Animationsfilme zurück. So steht zum Beispiel „Hucky und seine Freunde“ auf dem Sendeplan, eine „lustige US-Zeichentrickserie mit Hucky, dem Hund, den beiden Bären Boo-Boo und Yogi, Mr. Jinks, dem Kater, und den beiden frechen Mäusen Pixie und Dixie.“ Natürlich sind diese von William Hanna und Joseph Barbera entwickelten Figuren, zu denen sich später auch die Familie Feuerstein gesellt, geradezu prädestiniert, gleichfalls im Comicformat ihre Streiche zu treiben und folglich alsbald als „Hucky und seine Freunde“ in den Regalen der Zeitschriftenhändler zu finden. Auch Hase Bugs Bunny und Specht Woody Woodpecker erleben solche Karrieren und tauchen in den entsprechenden Heftchen eingedeutscht als Bags Banny und Widdy Hupf auf.Zu einem wichtigen Fixpunkt am Vorabend wird auch der Auftritt des Sandmännchens, das die Kinder ab 1962 regelmäßig ins Bett schickt und auch schon einige Zeit vorher sporadisch in Probesendungen zu sehen ist. Vielerorts hört man in diesem Zusammenhang von einer Konkurrenz und einem regelrechten Wettlauf mit dem Sendestart des Sandmännchens des Deutschen Fernsehfunks der DDR. Ob entsprechende Berichte jedoch der Realität entsprechen oder Legende sind, lässt sich im Nachhinein wohl nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Sicherlich aber war das Sandmännchen-West durchaus nicht so farblos und dem Ost-Pendant unterlegen, wie es heute im nachhinein oftmals zu lesen ist, sondern hatte neben einer sehr gefälligen Erkennungsmelodie auch durchaus ansprechende Gutenachtgeschichten zu bieten, so zum Beispiel von den Schweinen Piggeldy und Frederick, von Beppo und Pepi, Bulli und Bienchen oder die von der Augsburger Puppenkiste produzierte Episoden „Hilde, Teddy, Puppi“ mit der Fernsehansagerin Hilde Nocker.Doch zurück zur regulären Kinderstunde am Nachmittag: Neben Serien wie Astrid Lindgrens „Kinder aus Bullerbü“ und „Nickis Abenteuer im Spielzeugland“ nach einer Vorlage von Enid Blyton finden sich Anfang der 60er Jahre Sendungen in Stil von „Basteln, Musizieren und Tanzen“ mit Irene Koss oder Erika Sauckes „Erzählen, Spielen, Basten“, in welchen beispielsweise „Clown Nuk eine Clownmaskierung und –verkleidung herstellt“ oder „Apfel und Birne im Mittelpunkt von Erzählungen, Liedern und appetitlichen Basteleien“ stehen. Mittwochs moderiert Klaus Havenstein seine Sendung „Sport, Spiel, Spannung“, innerhalb welcher er ein Sportthema vorstellt, das Schülerquiz „Zwei aus einer Klasse“ leitet und abschließend einen zumeist lustigen Kurzfilm wie beispielsweise „Die kleinen Strolche“ zeigt.Im Puppenspielbereich bietet zu dieser Zeit die neu entwickelte Magnetische Bildaufzeichnung den Beteiligten bislang ungeahnte Möglichkeiten, da sie nun die Aufführungen kostengünstig aufzeichnen und dadurch nachbearbeiten können. Weil Fehler einfach herausgeschnitten werden können, fällt der Druck der Live-Übertragung weg und es bieten sich Gelegenheiten zum Experimentieren. Eine der hieraus entstehenden Entwicklungen ist, dass 1964 in „Kasperle und René“ erstmals ein Mensch und eine Puppe gemeinsam vor der Kamera agieren. Der Studioaufbau ist so angeordnet, dass im Hintergrund zwar noch ein Kasperltheater zu sehen ist, sich der Puppenspieler aber hinter einer geschickt ins Studio integrierten Spielleiste verbergen kann. So hat es den Anschein, als führten Kasper und René, letzterer verkörpert vom Schauspieler Peter René Körner, eine lockere und spontane Unterhaltung, an der sich gelegentlich auch noch „die Großmutter“ und „Hund Wuschel“ beteiligen. Spieltechnisch bereits einen Schritt weiter fortgeschritten ist die NDR-Produktion Stoffel und Wolfgang, bei der das Studio auf dem Bildschirm den Eindruck eines normalen Wohnraumes erweckt. Die Rollen sind klar verteilt: Der Mensch in Person von Wolfgang Buresch verkörpert die Welt der Erwachsenen, die Puppe Stoffel ist Stellvertreter der Kinder. Aber, so erläutert der Begleittext einer entsprechenden Hörspiel – LP, „das Verhältnis zwischen Groß und Klein ist bei Wolfgang und Stoffel kein Über- und Unterlegenheits-Verhältnis. Der Große bestimmt zwar und ordnet an, aber auch der Kleine weiß seine Forderungen durchzusetzen. Die Schwächen des Großen, z.B. Neugier und Ungeduld, werden ebenso gezeigt wie die des Kleinen. Dabei ist Wolfgangs Verhalten zugleich ein guter Anschauungsunterricht für Eltern über den Ton im Umgang mit Kindern.“ Kein Wunder also, dass Stoffel und Wolfgang insbesondere von Pädagogen hoch gelobt wird. Später bezeichnet Buresch diese Produktion als „heimliches Kleinkinderprogramm“, da es offizielle Sendungen für die unter sechs jährigen erst wieder ab 1971 geben sollte. Sein bis heute populärstes Projekt dürfte jedoch ohne Zweifel die WDR-Reihe Schlager für Schlappohren sein, in der mit dem Hasen Cäsar die Puppe sogar als Moderator der Sendung fungiert. Unterstützt durch den Schauspieler Arno Görke in seiner Rolle als Tonmeister stellt das Stofftier den Kindern mit einem markanten „Bitteschöööön“ neue Schallplattenaufnahmen vor, wobei ein großes Mischpult den Puppenspieler Buresch hinter sich verbirgt. Dessen Hand steckt im Kopf der „Klappmaulpuppe“ und ermöglicht so ein präzises Auf- und Zuklappen des Hasenmundes, was Cäsars zahlreichen „Gesangseinlagen“ zu Gute kommt. Die Verantwortlichen der Plattenindustrie sind jedoch nicht uneingeschränkt begeistert von den teilweise recht schnoddrigen Kommentaren und der Verballhornung ihrer Neuerscheinungen. Nichtsdestotrotz bekommt der Hasen-DJ in seiner Sendung regelmäßig „Besuch von Stars der Musikszene wie Bill Ramsey, Manuela und Wencke Möhre“. Konsequenterweise vermarktet man die Popularität der Sendung auch durch eine eigene LP, die der Puppen-Star selbst kommentieren darf: „Jetzt bin ich nicht nur der mutige und kluge und starke, sondern auch noch der singende Hase Cäsar.“ Subtilerer Natur waren dagegen die Puppenspiel-Produktionen des SDR, für die zumeist Albrecht Roser verantwortlich zeichnete, der 1958 auf dem Bukarester Festival zum weltbesten Marionettenspieler gekürt wurde. Wird sein „Telemekel und Teleminchen“ noch als Familienprogramm im Rahmen der Kinderstunde gezeigt, testet er z.B. mit Aufführungen wie seiner „Katzenmusik“, „einem Mitternachtsprogramm in schwarzweißer Ästhetik, cool, graphisch, stilisiert“ die Grenzen des zu dieser Zeit auf dem Bildschirm machbaren aus. Eher frech und pragmatisch kommt dagegen der Spatz vom Wallrafplatz daher. Auf einer Platane vor dem WDR – Funkhaus sitzend betrachtet er das Kommen und Gehen der Menschen, kommentiert deren Tun und erlebt bei seinen Ausflügen durch die Kölner Innenstadt die kleinen Sensationen des Alltags.Aber auch Kinderserien mit Hauptdarstellern aus Fleisch und Blut werden Mitte der 60er gezeigt, so zum Beispiel „Till, der nette Junge von nebenan“ oder „Villervalle“, das über die Erlebnisse einer schwedischen Familie in der Südsee berichtet. Das wiederum aus Amerika kommende „Vilma und King“ erzählt die Geschichte des Mädchen Vilma, das mit seinem Pferd an einem berühmten Hindernisrennen teilnehmen möchte.Mit „Clown Ferdinand und die Rakete“ ist erstmals auch ein Film aus tschechischer Produktion auf den Bildschirmen zu sehen. Hier nehmen Kinder „ihr Leben in problematischen und verrückten Situationen selbst in die Hand. Wenn man so will, war dieser Film die Geburtsstunde eines, im positiven Sinne, anarchistischen (d.h. nicht von Erwachsenen beherrschten) Programms für Kinder“ (D. Saldecki). Regisseur Ota Hofman und Autor Jindrich Polák entwickeln später auch die Serie Pan Tau, deren Anzugtragender und stets freundlich lächelnder Hauptdarsteller Otto Simanek zu zaubern vermag, wenn er in einem bestimmten Rhythmus mit den Fingern auf seine Kopfbedeckung klopft.
Als im Jahr 1963 das ZDF seinen Sendebetrieb aufnimmt, will man sich dort vor allem mit Unterhaltungsprogrammen von der bereits etablierten ARD abheben, spezielle Sendungen für Kinder sind in der Anfangszeit nur spärlich zu finden. Dieser Zustand verbessert sich erst vier Jahre später mit der Gründung der Redaktion „Kinder und Jugend“, die getreu der Unterhaltungsvorgabe hauptsächlich ausländische Serien einkauft. Neben bereits in der ARD gesendeten Lassie – Wiederholungen lässt das ZDF aber auch erstmals „den klugen Delphin“ Flipper aus dem Meerwasser empor schnellen und die„Nase“ in die Breitseite von gefährlichen Haien rammen, um seine menschlichen Freunde Bud und Sandy vor drohendem Übel zu bewahren. Im aus Frankreich stammenden Zauberkarussell, einer weiteren bis heute in Erinnerung gebliebene ZDF-Serie, agieren hingegen solch obskure Trickfiguren wie das schnurrbärtige, auf einer Spiralfeder ungestüm umherhüpfende Zebulon, der Würfelzucker liebende Hund Pollux, Hase Castor, die in der Synchronfassung mit sächsischem Zungenschlag sprechende Schnecke Hugo, Kuh Wilma sowie das Mädchen Margot. Aber auch kindgerecht aufbereitete Wissenschaft mit Professor Heinz Haber, der in der Sendung „der blaue Planet“ seinem jugendlichen Publikum die Geheimnisse des Universums näher zu bringen versucht, findet einen Sendeplatz und dokumentiert die verstärkten ZDF – Bemühungen um ein gehaltvolles Programmangebot für Kinder.Zu Beginn der 70er wird dann vieles anders. Der Ankauf der Sesamstrasse, 1971 zunächst in der unsynchronisierten Originalfassung und zwei Jahre später in einer deutschen Bearbeitung in den Dritten Programmen zu sehen, führt zu kontroversen Diskussionen. Während vor allem die Anhänger der „68er Bewegung“ darauf drängen, die Kinder zu mehr selbstständigem Denken und Handeln zu erziehen, möchten konservative Gemüter die Bewahrpädagogik der Vergangenheit fortgeführt sehen. Doch die Entwicklungen lassen sich nicht mehr aufhalten und immer mehr Produktionen neuen Stils bringen frischen Wind in die angestaubte Kinderfernsehlandschaft. So schickt der Bayerischen Rundfunk „Das feuerrote Spielmobil“, einen mit Kameras ausgerüsteten Opel Blitz Kleinbus „durch Stadt und Land und sammelt Bilder ein“, die die ganze Bandbreite menschlichen Miteinanders aufzeigen. Der tollpatschige Phillip Sonntag bereichert das Ganze mit Slapstick – Einlagen und Zeichentrickhund Wumi bereitet am Ende der Sendung das jeweilige zentrale Thema auf lustige Weise noch einmal auf. Das feuerrote Spielmobil ist übrigens nicht identisch mit dem knallroten Autobus. In diesem lebten nämlich, entworfen von Kinderbuchautor Janosch, der Hase Klicker, der erfinderische Bastler Klamotte sowie die Schildkröte Elvira Klawitter, aus deren Namen sich auch der Titel der Sendung „Kli-Kla-Klawitter“ zusammensetzte. Die drei Marionetten bildeten den Rahmen für diverse Einspielfilme, in denen zum Beispiel die„Wilden Kerle“ aus Knetmasse „Beispiele für soziales Verhalten“ zeigten. Die von Professor Kunkel mit einer Lupe im Park entdeckten winzigen Kunkels spielten zwischenmenschliche Konflikte in der Familie nach und Teddy und Fredy waren für das antiautoritäre Moment verantwortlich. Bereits 1971 starteten auch die „Lach- und Sachgeschichten“, aus denen ein Jahr später die „Sendung mit der Maus“ wurde. Der innerhalb „der Maus“ in kurzen Episoden auftauchende Maulwurf war sogar schon drei Jahre zuvor in dem tschechischen Zeichentrickfilm „Der Maulwurf und die Rakete“ zu sehen. Ist der Jahrzehntelange Erfolg der „Sendung mit der Maus“ vielleicht damit zu erklären, dass ihr ein gänzlich eigenständiges Konzept zugrunde liegt, kann die „Rappelkiste“ ihre konzeptionelle Nähe zum offensichtlichen Vorbild Sesamstrasse nicht verleugnen. Die Figuren Ratz und Rübe erinnern eher mehr als weniger an die Sesamstrassen-Bewohner Ernie und Bert.Die wiederum von Wolfgang Buresch entwickelten Maxifant und Minifant hingegen gucken Fernsehen im Fernsehen. Angeschaute Real- oder Zeichentrickgeschichten werden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und anschließend von den Puppen kommentiert. Anfänglich als zu betulich und langatmig regelrecht verrissen, kommt die Sendung durch permanente Verbesserungen doch noch in die Gänge und erntet letztlich viel Lob bei Eltern, Kindern und Kritikern.
Nicht vorrangig um die Vermittlung pädagogischer Inhalte, sondern hauptsächlich um die Anmoderation von Einspielfilmen ging es bei Plumpaquatsch. Die Sendung erfreute sich beim Publikum großer Beliebtheit, was sicherlich nicht zuletzt an der sympathischen Schauspielerin Susanne Beck lag, die Ansprechpartnerin des kleinen grünen Wassermanns mit den dicken roten Lippen war. Quasi Nachfolger von Plumpaquatsch wurde Mäusegreis Emm wie Meikel, der noch in den ersten Folgen dieser Serie mit runden statt spitzen Ohren und anderer Nase, ansonsten aber nahezu unverändert, einen Katzengreis verkörperte und ebenfalls auf die Unterstützung einer Co-Moderatorin in Person der populären Fernsehansagerin Hanni Vanhaiden vertrauen durfte. Um die bis dahin aufwendigste und kostspieligste Puppenfilmproduktion im deutschen Fernsehen handelte es sich bei Robbi, Tobbi und das Fliwatüüt, für dessen Fertigstellung unter der Regie von Sendung-mit-der-Maus-Miterfinder Armin Maiwald mehr als 220 Drehtage benötigt wurden und das mit innovativen Techniken wie dem Bluebox – Verfahren aufwarten konnte, welches eine Verbindung von Trick- mit Realszenen ermöglichte.Auch bei den Zeichentrickfilmen schieden sich Anfang der 70er Jahre die Geister. Als das bei den Kindern ausgesprochen beliebte Schweinchen Dick 1973 wegen zu brutaler Szenen aus dem Fernsehen verbannt werden sollte, wurde im begleitenden Comicheft zu einer Protestaktion aufgerufen: „Humorlose Erwachsene versuchen euren Fernseh-Spaß kaputtzumachen! Schweinchen Dick, Bunny, der Hase, Daffy Duck, Tweety und Sylvester, Speedy Gonzales sollen nicht mehr am Montagabend im ZDF ihre Späße treiben!“ Des Weiteren war ein an den damaligen Intendanten gerichtetes Protestschreiben vorgedruckt: „Lieber Herr Professor Holzamer, Schweinchen Dick darf nicht sterben. Die Schau ist eine echte Sendung für uns junge Fernsehzuschauer und einfach Klasse!“ Alles Bitten half jedoch nichts, stattdessen musste man in der Folge in der „Trickfilmzeit mit Adelheid“ ein zwar gewaltfreies, aber dafür ungemein nervendes Trick-Känguru über sich ergehen lassen. Wesentlich unterhaltsamer war dagegen Paulchen Panther, der im Rahmen von „Der rosarote Pather“ Trickverwandte wie einen trotteligen Inspektor samt Assistent Dudu oder den depressiven Ameisenbär Elise vorstellte. Allseits beliebt war auch die aus Frankreich importierte Familie Barbapapa, deren Name sich vom französischen Begriff für Zuckerwatte ableitet und die bezüglich ihres Aussehens durchaus in die Ahnengalerie der Teletubbies eingereiht werden könnte. Im Jahr 1974 startete mit „Wickie und die starken Männer“ die erste in japanischen Studios entstandene Trickfilmserie, der mit „Biene Maja“, „Heidi“, „Pinoccio“ und „Sindbad, der Seefahrer“ noch etliche weitere folgen sollten und die trotz Kritikerschelte bei den Kindern so beliebt waren, dass sie auch heute noch regelmäßig in Wiederholungen auf den Bildschirmen zu sehen sind.Aus Jugoslawien hingegen kam „Professor Balthazar“, der in den Vorabendprogrammen der ARD seinen Platz fand. Für jedes technische Problem entwickelte der findige Professor eine Lösung und eine Stimme aus dem Off begleitete diesen Denkprozess jedes Mal mit denselben Worten: „Er überlegte…und überlegte…und überlegte…und dann hatte er eine Idee!“.