An meinem fünften Geburtstag brachte mir das Postauto ein riesengroßes Paket von Tante Charlotte. Zumindest kommt es mir in meiner Erinnerung so groß vor, vielleicht ist der Grund auch nur, weil ich als Kind ganz einfach noch entsprechend kleiner war und die Größenrelation eine andere – genauso wie sich die vermeintlich hochhausgleiche damalige Wohnung der Verwandten anlässlich eines Besuches viele Jahre später als lediglich dreigeschossiges Haus entpuppte.
Jedenfalls begann ich voller Vorfreude das Paket zu öffnen und entdeckte eine Schicht zusammengeknüllten Zeitungspapiers, vermutlich um das im Inneren verborgene, höchstwahrscheinlich absolut großartige und alles andere übertreffende Geschenk vor etwaigen Beschädigungen zu schützen. Unter der oberen Zeitungsschicht lag jedoch erst einmal eine weitere, und das auf der Suche nach eventuell darin verborgenen Kleinigkeiten sorgfältig auseinandergefaltete Papier bedeckte mittlerweile den halben Küchentisch. Meine Mutter, die das Ganze von Anfang an beäugte, bemerkte eine gewisse aufkeimende Unruhe und versuchte mich zu beruhigen. Ich kann mich nicht erinnern, was sie sagte, wohl aber daran, dass es mir Mut machte, die Suche fortzusetzen. Um es kurz zu machen: Ganz unten in dem riesigen Paket fand ich eine winzige, buntbedruckte Schachtel, die ein kleines Spielzeugauto enthielt. Und um die Enttäuschung komplett zu machen, handelte es sich dabei nicht etwa um das Modell eines der von mir bevorzugten schnittigen Sportwagen, sondern um einen in meinen Augen unförmigen und unglaublich langweiligen Ford 12M ...
War die wohlgemeinte Überraschung der Tante zum damaligen Zeitpunkt alles andere als ein Hit, hat es immerhin dazu geführt, dass mir dieses Ereignis auch mehr als 50 Jahre später noch in lebhafter Erinnerung ist und ich mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder sehr intensiv diese eigenartige Mischung aus gespannter Freude und nachfolgender Enttäuschung vergegenwärtigen konnte.